11.11.2016, 09:38 Uhr

Gespräch mit Solwodi-Leiterin Ohne Schulbildung auf den Straßenstrich an der B 68

Martina Niermann leitet die Beratungsstelle von Solwodi in Osnabrück. Foto: Michael GründelMartina Niermann leitet die Beratungsstelle von Solwodi in Osnabrück. Foto: Michael Gründel

Fürstenau. In den vergangenen Monaten ist das Thema Prostitution im Nordkreis wegen des geplanten Baus eines Bordells in Fürstenau sowie des zunehmenden Straßenstrichs unter anderem an der B 68 verstärkt in den Fokus gerückt. So ist am 15. November, 19.30 Uhr, im Hotel am Markt in Fürstenau ein Vortrags- und Diskussionsabend mit Manuela Schon über Prostitution geplant. Hier ein Gespräch mit Martina Niermann von Solwodi, die auch vor Ort sein wird.

Welche Frauen kommen zu ihnen und welche Probleme haben sie?

Wir haben viele Kontakte zu Frauen aus osteuropäischen, aber auch aus afrikanischen Ländern. Dabei geht es unter anderem um den Verdacht auf Menschenhandel, Zwangsprostitution, häusliche Gewalt oder Zwangsheirat. Die Grauzone ist hier allerdings groß. Wo genau fängt zum Beispiel Zwangsprostitution an und wo hört sie auf? So gibt es viele Frauen aus Osteuropa, die von ihren Familien losgeschickt werden, um Geld zu verdienen, da die Armut groß ist. Sie haben oft kaum Schulausbildung oder sind häufig gar nicht alphabetisiert. So entsteht eine Abhängigkeit, die dazu führt, dass die Frauen sich nicht eigenständig aus ihrer Situation befreien können, zumal sie denken, dass sie in Deutschland ohnehin keine andere Möglichkeit als die Prostitution haben. Erschwerend kommt hinzu, dass sie sich gar nicht als Opfer sehen. Sie halten aus ihren Lebenserfahrungen heraus das Geldverdienen mit Prostitution für normal.

(Weiterlesen: Wie Frauen in die Prostitution gezwungen werden)

Wie könnte man das ändern?

Auf jeden Fall müsste es viel mehr Streetwork geben, also aufsuchende Arbeit, um erst einmal eine Vertrauensbasis zu den Frauen herzustellen. Dann können ihnen auch Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie sie ihr Leben neu und vor allem besser gestalten können. Der Landkreis müsste hier deutlich mehr Stellen schaffen.

An der B 68 hat der Straßenstrich stark zu genommen. Wieso gerade dort?

Die Zuhälter suchen sich einfach günstige Stellen für die Frauen aus. Oft sind das viel befahrenen Ausfallstraßen. An der B 68 stehen hauptsächlich Bulgarinnen und Rumäninnen. Es sind übrigens nicht nur Männer, die die Frauen zur Prostitution zwingen. Es gibt auch Mütter, die ihre Kinder auf den Strich schicken oder verkaufen. Ein Menschenleben zählt nichts, wenn es um das eigene Überleben geht.

Sie arbeiten seit 1999 für Solwodi. Gibt es einen Fall, der ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Wir hatten mal mit einer Frau aus Litauen zu tun, die entführt worden ist. Sie wusste zunächst nicht, dass sie in Deutschland als Prostituierte arbeiten sollte. Sie ist in ein Zimmer mit vergitterten Fenstern gesperrt worden, das sie nicht verlassen konnte. Das Essen bekam sie gebracht. Dort sind dann die Freier ein- und ausgegangen und haben mit ihr gemacht, was sie wollten. Je mehr die gezahlt haben, desto größer war die Freiheit, die widerlichsten Dinge zu tun. Die Frau war nur ein Objekt.


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