19.04.2015, 14:37 Uhr

Gemeinde gedenkt Opfern von vor 70 Jahren – Neues Buch mit Zeitzeugenberichten Rheder lassen Kerzen für Kriegstote brennen


Rhede. Mehr als 150 Teilnehmer haben in Rhede feierlich des Kriegsendes vor 70 Jahren in der Emsgemeinde gedacht. Im Mittelpunkt der Veranstaltung am Freitagabend in der Alten Kirche standen neben mahnenden Worten die acht beim Kampf um Rhede getöteten Einwohner sowie die Vorstellung des neuen Buches des Rheder Heimatforschers und Ehrenbürgers Albert Vinke mit Zeitzeugenberichten vom April 1945.

Elisabeth Kruth (7), Heinrich Vinke (11), Johanna Wessels (22), Gesina Kruth (24), Helena Gerdes-Wilgen (60), Johann Kampling (60), Anna Broer (65) und Nikolaus Rolfes (85) – vor jedem dieser Namen in einem Bilderrahmen, die meisten davon mit einem Foto, stellen Neuntklässler der Ludgerusschule Rhede behutsam eine Kerze ab. Ein weiteres Licht wird für die während der drei „Kampftage“ um Rhede vom 15. bis 17. April getöteten Soldaten (75) entzündet.

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Vinke ist vor allem das Gedenken an die Zivilisten ein besonderes Anliegen – nicht nur, weil er als Kind mit ansehen musste, wie sein ältester Bruder Heinrich durch einen Granatsplitter in den Armen seines Vaters verblutete. „Allein die Familie Kruth hat in diesen Tagen drei Angehörige verloren“, sagt Vinke sichtlich bewegt.

Sein jüngerer Bruder Hermann, Journalist und Sachbuchautor, hat nur noch schemenhafte Erinnerungen an diese Zeit. „Die Bilder sind diffus“, sagt der 74-Jährige. Im Gegensatz zu Gerüchen, genauer gesagt Brandgeruch – und zwar ein solcher, wie wenn sich ein Schwelbrand mit Wasser vermischt. „Den hab ich noch immer in der Nase“, sagt Vinke, in den 1960er-Jahren Redakteur dieser Zeitung und später unter anderem ARD-Korrespondent und Hörfunk-Programmdirektor bei Radio Bremen. (Weiterlesen: Emslländer schreibt Buch über Ersten Weltkrieg)

Er stand seinem Bruder Albert bei der Produktion des Buches mit Rat und Tat zur Seite. Hermann Vinke berichtet, wie Rhede trotz der bereits an fast allen Fronten vernichtend geschlagenen deutschen Wehrmacht von den letzten Fanatikern des NS-Regimes im Angesicht der immer näher heranrückenden alliierten Streitkräfte zu einem militärischen Brückenkopf erklärt wurde. Damit sei eine rechtzeitige Kapitulation verhindert worden. „Einen Ort wie Rhede zum Brückenkopf zu erklären und bis zuletzt zu verteidigen, entsprach dem Untergangswahn, dem Adolf Hitler verfallen war.“ In Rhede hätten vor allem Angriffe der SS aus dem Hinterhalt jede Aussicht auf eine Feuerpause zunichtegemacht. Innerhalb von drei Tagen wird die Gemeinde weitgehend in Schutt und Asche gelegt. Albert Vinke kann sich noch gut daran erinnern, wie sein Elternhaus durch den Beschuss mit Phosphorgranaten in Flammen aufging.

Und doch hätte „die Rache derer, die unter uns Deutschen gelitten haben“, nach Einschätzung von Pastor Karlheinz Fischer noch weitaus schlimmer sein können. „Wir müssen dankbar sein, dass sie uns später die Hand zur Versöhnung gereicht haben“, sagt Fischer. Die SS-Soldaten, von denen mehrere auf dem Friedhof an der Alten Kirche begraben sind, hätten „ihre Dummheit“ mit dem höchsten Preis, ihrem Leben, bezahlt. Bürgermeister Gerd Conens (parteilos) erinnerte daran, dass auch die damals gleichgeschaltete Ems-Zeitung selbst wenige Wochen vor dem Kriegsende voller Durchhalteparolen „bis zum Sieg“ war. „Als der Krieg dann urplötzlich über Rhede hereinbrach, waren die Menschen schockiert bis zum Gehtnichtmehr.“

Pastor Fischer zufolge ist das Geschehen in Rhede dank des von Albert Vinke herausgegebenen Buches, das zu einem großen Teil auf Zeitzeugenberichten für eine Gedenkveranstaltung vor 30 Jahren basiert, aus vielen Perspektiven nachzulesen.

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Der Vorsitzende des Emsländischen Heimatbundes, Ehrenlandrat Hermann Bröring, ist davon überzeugt, dass diese Dokumentation „weit über Rhede hinaus ihre Wirkung entfalten wird“. Dass es mit dieser Form der mahnenden Erinnerung keineswegs immer so weit her war wie heute, belegt Bröring an einem Beispiel aus dem Jahr 1975. Demnach lief ein kreisweiter, öffentlicher Aufruf des Heimatbundes nach Quellen, Briefen, Notizen, Tagebüchern und anderen Aufzeichnungen aus der Zeit des Krieges für eine Auseinandersetzung mit dem Thema weitgehend ins Leere. Gleichsam marginal sei die Resonanz einer Serie dieser Zeitung im Jahr 1965 unter dem Titel „20 Jahre danach“ gewesen, fügt Hermann Vinke hinzu. Zunächst gar auf „totale Ablehnung und Verweigerung“ sei die Aufarbeitung der Geschichte der Emslandlager gestoßen. „Dabei gehört die Kriegs- und Lagergeschichte auch zur Heimatgeschichte“, betont Vinke.

Angesichts der aktuellen Brennpunkte des globalen Geschehens von Flüchtlingsströmen bis zur Ukraine-Krise findet der 74-Jährige mahnende Worte. „Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir an der Schwelle eines neuen Weltkrieges stehen, allerdings nicht zwischen Staaten, sondern zwischen Ideologien und Religionen.“ Die Ratlosigkeit der Staatenlenker sei beängstigend. Gar bedrohlich sei der anhaltende Ukraine-Konflikt, dessen Auslöser nach Vinkes Auffassung einzig und allein Russlands Präsident Wladimir Putin ist. Letztlich gebe es eine ganze Kette von Unsicherheit, die die Menschen in Europa bedrohe. Eindringlich mahnt Vinke deshalb zum „Erinnern und Handeln – hier und heute.“

Das Buch „Als Rhede vom Krieg überrollt wurde“ kostet 18 Euro und ist im Landwirtschaftsmuseum, in der Rheder Filiale der Sparkasse Emsland sowie beim Herausgeber erhältlich.


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