18.10.2016, 18:01 Uhr

Für Experten kein Einzelfall Kinderlose Papenburgerin fühlt sich unter Druck gesetzt

In Beratungsgesprächen versucht Dr. Christopher Trouw für seelische Entlastung zu sorgen. Foto: Christian BellingIn Beratungsgesprächen versucht Dr. Christopher Trouw für seelische Entlastung zu sorgen. Foto: Christian Belling

bell Papenburg. Heiraten, Haus bauen, Kinder kriegen: Mit dieser traditionellen Lebensführung wird eine Papenburgerin von ihrem Umfeld immer häufiger konfrontiert – und fühlt sich bei der Familienplanung immer mehr unter Druck gesetzt. Fachleute mahnen zu Sensibilität.

„Die Nachfragen kommen ständig“, erzählt die 33-Jährige, die ihren Namen nicht nennen möchte. Geheiratet hat sie bereits 2012, das Eigenheim folgte zwei Jahre später. „Die beiden Kinderzimmer stehen doch leer. Wird langsam Zeit, dass dort Leben reinkommt.“ Wie oft habe sie Aufforderungen wie diese bereits zu hören bekommen. Schön im ironischen Sinne seien auch Sätze von befreundeten Paaren oder Arbeitskollegen, die bereits Kinder haben. „Wir haben ja bereits bewiesen, dass wir es können. Sollen wir es euch mal zeigen?“ Die Papenburgerin unterstellt den Verwandten, Arbeitskollegen und Freunden keine böse Absicht, „doch es nervt und tut weh.“

Großer seelischer Leidensdruck

„Dass man damit einen wunden Punkt treffen kann, daran denken viele gar nicht“, sagt Dr. Christopher Trouw. Der Leiter des Psychologischen Beratungszentrums in Papenburg kennt solche Fälle. Nach seinen Worten berichten immer wieder Frauen von einem hohen Erwartungsdruck, der aus dem Umfeld einer Nicht-Schwangeren ausgehe. „Es entsteht ein großer seelischer Leidensdruck“, so Trouw. Denn die Gründe, warum keine Kinder in die Welt gesetzt werden, können vielfältig sein. Natürlich gebe es Paare, die sich bewusst dagegen entscheiden. „Es können aber auch gesundheitliche Ursachen sein, die eine Schwangerschaft unmöglich machen.“ Vor allem dann, solle man sich „dumme Sprüche“ sparen. Trouw: „Ein unerfüllter Kinderwunsch ist gleichzusetzen mit einem schweren Schicksalsschlag.“ Dass viele Frauen und Paare damit nicht in die Öffentlichkeit gehen, sei nachvollziehbar. „Jeder geht anders damit um. Es ist dann auch eine Frage der Beziehung und des Vertrauens zum Gegenüber.“

„Haltet euch daraus“

Wenn sich ein Paar oder eine Frau ihm in der Beratung öffnet, gehe es zunächst einmal darum, Zugang zu finden. „Jeder Einzelfall ist anders und hat einen anderen Hintergrund“, berichtet Trouw. In den Gesprächen wolle er die Betroffenen stärken und für seelische Entlastung sorgen. Denn vielen sei es bereits eine große Hilfe, überhaupt darüber zu sprechen. „Schlussendlich liegt es an jedem selbst zu beantworten, welche Erwartungen aus dem Umfeld in welcher Form erfüllt werden.“ Um Erwartungen entgegenzutreten, reiche oftmals ein deutlicher Ausspruch wie „Haltet euch aus dieser Angelegenheit raus!“.

Kein Platz mehr für traditionelle Familienplanung

Über einige wenige Fälle kann auch Margret Rohjans von der Schwangerschaftsberatungsstelle der Caritas in Papenburg berichten. „Es ist zwar kein gängiges Problem, aber es gibt durchaus Frauen, die sich hinsichtlich der Familienplanung von ihrem Umfeld unter Druck gesetzt fühlen.“ Nach ihren Erfahrungen spiele das klassische Denken „Hochzeit, Hausbau, Kinder“ in der heutigen Zeit aber kaum noch eine Rolle. „Dieses Verständnis ist überholt. Mittlerweile gibt es so viele verschiedene Familienmodelle wie Patch-Work-Familien, Alleinerzeihende oder Wochenendbeziehungen: Das ist für die traditionelle Familienplanung keinen Platz.“

Das denkt sich auch die 33-jährige Papenburgerin. Doch wie sie dies ihrem Umfeld beibringen soll, ist ihr aktuell noch nicht ganz klar. „Eigentlich will ich mich gar nicht outen und sagen, dass ich momentan noch keine Kinder möchte – aus welchen Grund auch immer.“ Denn das, so denkt sie, geht ausschließlich ihrem Partner und sie etwas an.


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