01.10.2015, 06:33 Uhr

Prägender Geschäftsmann Zum Tod von Wilhelm Polak: Er hat Papenburg die Hand gereicht

Im Alter von 89 Jahren verstarb Wilhelm Polak. Foto: Stefan PrinzIm Alter von 89 Jahren verstarb Wilhelm Polak. Foto: Stefan Prinz

Papenburg. Wilhelm Polak war Papenburger mit Leib und Seele. Mit seinem Bekleidungsgeschäft am Deverweg gehörte er jahrzehntelang zu den prägenden Geschäftsleuten der Stadt. Er engagierte sich im Fußballverein FC Germania 08; in seiner Freizeit spielte er gerne Karten im Gasthaus Kuhr. Am Samstag ist er gestorben – drei Monate vor seinem 90. Geburtstag. Er war der einzige Papenburger Überlebende des Holocaust, der zurückkehrte, um zu bleiben.

Von Gerd Schade und Anne Diekhoff

Dass er das tun würde, war nicht gleich klar: Wilhelm Polak hatte Pläne, seiner Schwester Ilse zu folgen, die als eine der wenigen aus der einst großen Familie ebenfalls überlebt hatte und 1949 nach New York ging. Doch aus dem gemeinsamen Neuanfang in Amerika wurde nichts. Wilhelm Polak bekam wegen einer alten Lungenkrankheit, einer Folge des Leidens im Konzentrationslager, kein Einreisevisum. Also blieb er und wagte einen Neuanfang in der Stadt, in der er als Kind nach 1933 viel Leid und Diskriminierung erfahren hatte.

Die Erinnerungen daran und an das, was seiner Familie während der Nazizeit angetan wurde, ließen ihn zeitlebens nicht los. „Ich muss immer noch weinen, wenn ich daran denke“, sagt er im vergangenen Jahr anlässlich der Gedenkfeier zum Jahrestag der Pogromnacht. Im November 1938 hatten die Nationalsozialisten die Papenburger Synagoge und damit das Leben der jüdischen Gemeinde der Stadt vernichtet.

Mehr als ein halbes Jahrhundert sprach Wilhelm Polak nicht über sein Er- und Überleben des Holocausts. 2003 aber brachte er seine Erinnerungen zu Papier, zusammen mit dem früheren Gymnasiallehrer Franz Guhe. „Erinnerungen an eine unfreiwillige ,Reise‘ – und zurück“ hieß sein Buch. Darin erzählte er unter anderem, wie seinem Vater, der „mit seinen Lieferanten und Kunden gut zurechtkam“, 1938 die Arbeit als Viehhändler und Schlachter verboten wurde. Und wie die Familie 1941 ins Getto von Riga deportiert wurde. Die Geschwister Wilhelm und Ilse waren 16 beziehungsweise 14 Jahre alt. Das Grauen des Gettos überlebten alle vier, aber 1944 wurden sie von dort in verschiedene Konzentrationslager verschleppt. Polaks Vater und Stiefmutter, Isaak und Lina, starben in Buchenwald und Stutthof. Stolpersteine erinnern seit 2010 vor dem Haus der Familie am Deverweg daran.

Wilhelm Polak wurde 1945 von russischen Soldaten aus dem Konzentrationslager Burggraben bei Danzig befreit. Nach einer langen Odyssee durch das zerstörte Europa kehrte er vier Jahre später nach Papenburg zurück, wo seine Schwester Ilse auf ihn gewartet hatte. Sein Elternhaus, das die Nazis der Familie genommen hatten, musste er zurückkaufen.

Als klar wurde, dass er in Papenburg bleiben würde, begann er zunächst einen kleinen Handel mit Stoffresten – mit dem Fahrrad fuhr er übers Land zu seiner Kundschaft. 1954 konnte er dann dort, wo sein Vater früher die Fleischerei betrieben hatte, sein Geschäft eröffnen. Er führte es bis zum Jahr 2003. Auch als Ruheständler blieb Polak immer interessiert am Geschehen in der Stadt.

„Für Papenburg ist das Leben von Wilhelm Polak ein Zeichen dafür, dass selbst nach den Verheerungen und Gräueltaten des Nationalsozialismus ein Neuanfang in unserer Stadt möglich war“, sagt Bürgermeister Jan Peter Bechtluft. Diesen steinigen, beschwerlichen Weg habe Polak beschritten. „Dafür gelten ihm wie auch seiner Familie der Dank und die Anerkennung der Stadt. Wilhelm Polak hat Papenburg seine Hand gereicht und damit ein eindrucksvolles Zeichen der Versöhnung gesetzt.“

Der Verstorbene hinterlässt seine Frau Inna und zwei erwachsene Kinder, einen Schwiegersohn und zwei kleine Enkeltöchter. Mit seiner Schwester Ilse in New York hat Wilhelm Polak bis zum Schluss fast täglich telefoniert.


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