17.03.2012, 09:34 Uhr zuletzt aktualisiert vor

„Geschmacksneutral“ eine Ehre Drei Sommeliers haben das Trinkwasser aus Osnabrück und Umgebung getestet


Osnabrück. Trinkwasser nach dem Geschmack zu beurteilen ist wie die Kunst, auf einer Glatze Locken zu drehen. Zum Tag des Wassers haben wir es versucht und drei Sommeliers ins „La Vie“ eingeladen. Das Ergebnis überrascht nicht: Am Ende hatte jeder seinen eigenen Favoriten.

Ja, wie schmeckt Trinkwasser eigentlich? Christine Tüns kann das beurteilen, sie ist als Wassersommeliere für die Brauerei Potts in Münster tätig. Leitungswasser, sagt sie, habe nun einmal wenig Eigengeschmack und wirke deshalb „flach“. Denn alles, was die Zunge wahrnehme, wie Magnesium oder Calcium, werde ja im Wasserwerk herausgefiltert. Und deshalb hält Christine Tüns das Prädikat „neutral“ keineswegs für eine Beleidigung, sondern für eine Auszeichnung.

Wo es so wenig zu unterscheiden gibt wie beim Trinkwasser, erhöht sich naturgemäß das Risiko für jeden einzelnen Anbieter, aus subjektiven Beweggründen verrissen zu werden. Da war es schon mutig, dass sich alle angesprochenen Wasserwerke aus Osnabrück und Umgebung dem Vergleichstest stellten und ihre Proben zur Verkostung brachten.

Warum gerade ins Nobelrestaurant „La Vie“? Um zu unterstreichen, dass Trinkwasser aus der Region ein hochwertiges Lebensmittel ist. Aber auch, weil Sommelier Sven Ötzel sofort zugesagt hatte, in die Jury zu gehen.

Klar, Ötzel ist Spezialist für edle Weine und nicht für geschmacksneutrales Wasser, aber wer, wenn nicht er, sollte die feinen Nuancen im Quell des Lebens auf der Zunge spüren? Doch dann kam alles ganz anders: Eine Erkältung legte Ötzels Geschmackssinn lahm. Ausgerechnet am Tag der Wahrheit. Da blieb ihm nichts anderes übrig, als freundlich lächelnd den anderen Sensorik-Spezialisten das Feld zu überlassen.

Drei Bistrotische, auf jedem davon neun nummerierte Trinkgläser, dazu jeweils ein ausführlicher Fragebogen: Das war die Versuchsanordnung in der Kochschule des „La Vie“. Und dieser Fragebogen versuchte Eigenschaften herauszukitzeln, von denen es bestenfalls eine Andeutung gibt. Ein gewagtes Spiel für unsere drei Edelzungen Michael Möllmann, Susanne Hunink und Rolf Kaiser. Zumal die Lieferanten der Wasserproben jede Bewegung aufmerksam verfolgten.

Im Raum stand die spannende Frage, ob sich die drei Geschmackstester überhaupt auf bestimmte Merkmale festlegen oder unisono die Bezeichnung „neutral“ vergeben würden. Immerhin haben die drei ihre Sensorik nicht auf Wasser geschult, sondern auf Tee, Gewürzmischungen und Wein.

Unbeeindruckt von allen Erwartungen, arbeiteten sich die Sommeliers beharrlich an den Produkten der Wasserwerker ab. Sie begutachteten die Färbung (negativ in allen Fällen), schnupperten intensiv an der Oberfläche, ließen sich einen Schluck auf der Zunge zergehen und achteten auf den Nachgeschmack. „Man schmeckt schon Unterschiede“, verriet Michael Möllmann nach den ersten Vergleichen, und seine beiden Mistreiter pflichteten ihm bei.

Sie scheuten sich auch nicht, in ihren Fragebögen bemerkenswerte Vergleiche heranzuziehen. „Moorig“ reichte Weinhändler Rolf Kaiser nicht aus, um eine der beiden Wallenhorster Proben zu beschreiben. Ihn erinnerte der Lechtinger Tropfen an einen Ententeich, und in der Diskussion machte er deutlich, dass er das keineswegs negativ verstehe.

Susanne Hunink, Gewürzspezialistin bei Avo in Belm, erspürte im Glandorfer Wasser sogar einen Hauch von Chlor. Völlig unmöglich, befand Hermann Nentwig vom Wasserbeschaffungsverband Osnabrück-Süd. Im Zweifel können Kleinigkeiten wie verunreinigte Behältnisse ihre Spuren hinterlassen. Teesommelier Michael Möllmann befand zum Beispiel, einem der Gläser hafte noch der Rest eines Spülmittels an.

So unterschiedlich die Wesensmerkmale auch wahrgenommen wurden, es gab auch markante Übereinstimmungen. Das Belmer Wasser konnte bei allen drei Geschmackstestern nicht punkten. Bürgermeister Bernhard Wellmann, der die Proben persönlich ins „La Vie“ gebracht hatte, nahm einen Schluck und mochte den Testern nicht widersprechen. Vielleicht stimme etwas nicht mit den Proben, mutmaßte er.

Eine Erklärung gab es tatsächlich: Die Belmer hatten sich strikt an die Vorgaben gehalten und ihre Flaschen auf Zimmertemperatur gehalten. Andere Proben fühlten sich deutlich kühler an. Ein Unsicherheitsfaktor, der sich nicht nachträglich korrigieren ließ.

Am Ende präsentierte jeder Sommelier seinen Lieblingsquell. Michael Möllmann schwört auf das Wittefelder Wasser. Das läuft in Haste, Dodesheide und Schinkel aus dem Hahn. Susanne Huninks Favorit kommt aus dem Wasserwerk Thiene. Verabreicht wird es in der Osnabrücker Weststadt. Und Rolf Kaiser mag sich überlegen, zum Harderberg zu ziehen, wo der Wasserbeschaffungsverband Osnabrück-Süd sein Produkt schöpft.

Alle drei Sensorikgutachter bescheinigten dem Trinkwasser aus der Region einen guten Geschmack. „Wir sind hier schon sehr verwöhnt“, meinte Susanne Hunink, das könne man in Hamburg oder Münster nicht sagen. Weinkenner Rolf Kaiser ging noch weiter: Was in Osnabrück und Umgebung aus dem Hahn ströme, sei durchweg empfehlenswerter als manches Mineralwasser.Unsere JuryMichael Möllmann (40) ist hauptberuflich Leiter der Qualitätssicherung bei Cemex. Seine Leidenschaft für Tee hat ihn dazu gebracht, sich als Tee-Sommelier sensorisch schulen zu lassen. Lieblingsgetränk: Japanischer Grüntee und Darjeeling.Susanne Hunink (27) arbeitet als Diplom-Oekotrophologin bei den Avo-Werken in Belm. Als sensorisch geschulte Fachkraft für Gewürze stellt sie Rezepte zusammen. Am liebsten trinkt sie Wasser.Rolf Kaiser (58) ist nicht nur Weinhändler, er bewirtschaftet auch einen Weinstock in Borgloh. Sein Lieblingsgetränk ist Riesling.


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