22.04.2017, 02:14 Uhr

Kammermusik aus Paris Classic con brio eröffnet mit erstklassigem Konzert

Der akustische Weg ins quirlige Paris der 1920-er: Stefanie Faust, Blanca Gleisner, Alfredo Perl, Benedikt Seel, Benoît de Barsony und Laris Sallinen (von links) spielen das Sextett für Klavier und Bläserquintett von Francis Poulenc. Foto: Swaantje HehmannDer akustische Weg ins quirlige Paris der 1920-er: Stefanie Faust, Blanca Gleisner, Alfredo Perl, Benedikt Seel, Benoît de Barsony und Laris Sallinen (von links) spielen das Sextett für Klavier und Bläserquintett von Francis Poulenc. Foto: Swaantje Hehmann

Das Kammermusik-Festival Classic con brio sieht sich dieses Jahr in Paris um. Das erste Konzert war großartig - und es hätte mehr Publikum verdient.

Das ist Musik nach dem Geschmack von Daniel Rowland. Bei „Le Bœuf sur le toit“ kann der Geiger so richtig in die Saiten greifen, seine technische Brillanz einbringen und sein überbordende Leidenschaft musikalisch ausleben. Das freilich nur, weil er Pianistin Julia Okruashvili an seiner Seite hat: Die ist ihm ebenbürtig, und dass er sie mit seiner Dynamik fast erdrückt, quittiert sie mit einem gelassenen Lächeln und dem Drive der südamerikanischen Rhythmen, den sie entwickelt. Gemeinsam zeichnen die beiden brillant die schillernde Milieustudie aus dem Pariser Nachtleben der 1920-er Jahre von Darius Milhaud nach. Ein Festivaleinstieg wie ein knallender Champagnerkorken. Weiterlesen: Die Vorschau auf Classic con brio 

Festivalthema Paris

Paris ist das Thema des diesjährigen Kammermusikfestivals Classic con brio, und der Festivalstart wirft die Gäste mitten hinein in die pulsierende Metropole, so wie sie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gewesen sein muss: überdreht,  lärmend, sentimental. Francis Poulenc hat diese Gemütslagen in ein Sextett für Klavier und Bläserquintett gefasst; Alfredo Perl (Klavier), Stefanie Faust (Flöte), Blanca Gleisner (Oboe) Lauri Sallinen (Klarinette), Benedikt Seel (Fagott) und Benoît de Barsony (Horn) lassen es vor den Ohren und den inneren Augen in der Schlossaula entstehen, als wäre man in einen Film montiert.

Dabei will es Classic con brio allerdings nicht belassen. Paris hat auch sein Abgründe, seine dunklen Ecken, seine Trauergeschichten. Dahin führen, noch einmal mit großem Faltenwurf, aber mit einem höhnischen Lächeln, Rowland und Okruashvili mit der „Danse macabre“ von Camille Saint-Saëns in einer Fassung für Klavier und Violine vor. Und nach der Pause geht es in die Verließe der Pariser Seele, dorthin, wo die Trauer nistet: Alfredo Perl arbeitet in der  Klaviersonate a-Moll KV 310 von Wolfgang Amadeus Mozart den Trotz und die Trauer, die Innigkeit, aber auch den hier und da aufkeimenden Optimismus heraus - Mozart schrieb das Werk, nachdem seine Mutter auf der gemeinsamen Reise in Paris gestorben war.

Nachdenkliches Finale

Das Finale des Konzerts nun lässt für Hoffnung keinen Raum mehr: Louis Vierne verarbeitet in seinem Klavierquintett c-Moll op. 42  den Heldentod seines 17-jährigen Sohnes auf einem Schlachtfeld im Ersten Weltkrieg. Okruashvili, Rowland sowie Karolina Weltrowska (Geige), Vladimir Mendelssohn (Viola) und David Cohen (Cello) interpretieren das Werk eindringlich und erschütternd. So beendet tiefe Nachdenklichkeit Eröffnungskonzert des diesjährigen Classic-con-brio-Festivals - ein Konzert auf höchstem Niveau, das mehr Publikum verdient hätte. Weiterlesen: Die Pianistin Julia Okruashvili, ein Classic-con-brio-Neuling


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