16.04.2017, 20:36 Uhr

Emanzipation im Kaninchenstall Kaninchenzucht ist in Osnabrück nicht nur Rentnersache


Osnabrück. Zeit, mit einem Vorurteil über die Kaninchenzucht-Szene aufzuräumen: Es sind nicht nur ältere Herren, die auf Schauen ihre schönsten Rammler und Häsinnen präsentieren. Nein, es gibt unter den Profi-Züchtern in und um Osnabrück auch berufstätige junge Frauen. Zwei von ihnen haben wir besucht.

Osnabrück. Damit ein weiteres Vorurteil gar nicht erst aufkommt: Weder Sarah Rothe noch Christina Wendland nehmen das Wort „niedlich“ in den Mund, obwohl rings um sie herum Kaninchennasen vibrieren, flauschige Tiere durch ihre Boxen hoppeln und eine Häsin ihren drei Tage alten Nachwuchs stillt. Nein, die beiden jungen Züchterinnen sprechen ganz unaufgeregt davon, dass sie Rassen vor dem Aussterben bewahren wollen und nach einem langen Arbeitstag gerne im Kaninchenstall abschalten. „Kaninchen sind halt beruhigend“, sagt Christina Wendland. So einfach ist das.

Die Jüngsten

Wendland arbeitet als Ergotherapeutin und ist 26 Jahre alt, Sarah Rothe ist Landschaftsplanerin und 31. Damit sind sie im Rassekaninchenzuchtverein I 67 Osnabrück-Sutthausen (unter Züchtern reicht: „I 67“) die Jüngsten – wenn man die Kaninhop-Abteilung mal außer Acht lässt, mit der der Verein versucht, den Nachwuchs für Kaninchen zu begeistern.

Mit Kaninchen groß geworden

Ein Faible für die Tiere hatten die beiden Frauen schon als Kinder. „Wir hatten immer Kaninchen“, sagt Rothe. „Mein erstes Referat in der Grundschule ging über Kaninchen“, erzählt Wendland. Wir treffen uns auf dem Hof von Wendlands Schwiegereltern in spe in Belm-Vehrte. Dort leben ihre rund 40 Kaninchen, dort haben sie Platz. Immerhin bringen etwa ihre Deutschen Riesenschecken schwarz-weiß sechs bis zehn Kilo auf die Waage. Wendlands Partner züchtet auch.

Bodenständig

Kaninchenzüchter bilden eine bodenständige Szene, die ohne Schnickschnack auskommt. Die Vereine sind ebenso durchnummeriert wie die Tiere, die Rassen tragen Namen wie „Deutsche Großsilber grau-braun“, Farbenzwerge havanna oder „Zwergwidder weiß Rotauge“. Sarah Rothe erklärt: „Die meisten Rassebezeichnungen tragen die Merkmale im Namen.“ Klingt logisch.

Vom Aussterben bedroht

Rufnamen gibt Christina Wendland ihren Tieren nicht – mit einer Ausnahme. „Jeder Züchter hat wohl ein Lieblingstier“, sagt sie fast schon entschuldigend. Ihres sitzt mümmelnd den Riesenschecken gegenüber und ist ein Deutscher Großsilber graubraun. „Knuddel“ heißt der Rammler – und ist zusammen mit seinen Rassegenossen vom Aussterben bedroht.

Schlachten gehört dazu

Längst werden Kaninchen nicht mehr als Nutztiere gezüchtet, um auf dem Teller zu landen – das ist eher ein Nebeneffekt, und gehört bei den beiden Züchterinnen mit dazu, da nicht alle Kaninchen eines Wurfs zur Weiterzucht taugen oder verkauft werden können. „Uns geht es darum, die Rassen zu erhalten“, betont Sarah Rothe. Das Problem: „Spielkaninchen will jeder haben“, sagt Wendland. „Es gibt nur wenige Leute, die ein Zuchtinteresse haben“, so Rothe, die sich bei sich zu Hause im Nettetal auf die kleinen Rassen spezialisiert hat und ebenfalls rund 40 Tiere hält.

Mendelsche Gesetze

Die sind wegen ihrer geringen Größe zwar weniger aufwändig in der Haltung und lassen sich von Rothes kleinen Tochter Bente bereitwillig herumtragen. Aber in der Zucht sind sie genauso anspruchsvoll. Wer zum Beispiel Zwergwidder marderfarbig braun züchten will, muss seine Genetik-Kenntnisse aus dem Biologieunterricht reaktivieren: Die Mendelschen Gesetze kommen hier voll zum Tragen. Wer nur die marderfarbigen Tiere haben möchte, muss damit leben, dass in einem Wurf auch weiße und schwarze dabei sind.

Nächtliche Deals

Und dann gibt es noch das Problem der Verfügbarkeit. Wer ambitioniert züchten will, muss das auch mit Tieren tun, deren Züchter Hunderte Kilometer entfernt leben. „Das führt dann schon mal dazu, dass man sich nachts auf einem Parkplatz in Berlin trifft und Kaninchen handelt“, erhält Sarah Rothes Partner Paul Stegmann und grinst. Durch seine Freundin kam er selbst zur Zucht und hat bei seinen Zwergwiddern spürbar großen Ehrgeiz entwickelt.

Pokale nicht so wichtig

Bei den Zuchtschauen geht es vor allem um den Austausch mit anderen Züchtern. Pokale sind den beiden Züchterinnen nicht wichtig, sagen sie. Rothe: „Aber wir freuen uns schon, wenn wir unsere Tiere zeigen können.“

Herbe Verluste durch RHDV 2

Einmal im Jahr veranstaltet der Verein I67 seine Sutthauser Dütetal-Ausstellung, dieses Jahr am 4. und 5. November. 2016 musste sie wegen der Kaninchenseuche RHDV 2 ausfallen. „Wir hatten massive Verluste im Verein“, sagt Sarah Rothe. Sie hatte Glück, aber Wendland verlor mehr als 35 Tiere. „Da fängt man von Null wieder an“, sagt sie. Mittlerweile gibt es einen Impfstoff.

Nachwuchssorgen

Nicht nur die Kaninchenrassen sind vom Aussterben bedroht, den Vereinen ergeht es nicht besser. Wendland und Rothe als junge Züchterinnen sind Ausnahmen – es mangelt an Nachwuchs. „Wir können noch auf die Unterstützung und das Wissen der Älteren zurückgreifen“, sagt Rothe, „aber wie sieht das in 20 Jahren aus?“


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