16.04.2017, 15:33 Uhr

Interview mit Henning Sannemann Friedhofsgärtner über Angst vor Toten und Gräber in Nationalfarben


Osnabrück. Wie wird man Friedhofsgärtner und wie ist das eigentlich mit der Angst vor dem Friedhof? Kurz vor Ostern haben wir mit Friedhofsgärtner Henning Sannemann über diese und weitere Fragen gesprochen.

Im Interview spricht Henning Sannemann, der bis 2016 die Osnabrücker Gärtnerei Sannemann leitete, über den Beruf des Friedhofsgärtners und erzählt, welche Bepflanzung auf den Gräbern zu Ostern angesagt ist.

Herr Sannemann, manche Menschen haben ein ungutes Gefühl, wenn sie auf dem Friedhof sind. Wie ist das bei Ihnen als Friedhofsgärtner?

Ich mache mir darüber keine Gedanken. Ich sehe den Friedhof als einen Park, durch den man entspannt gehen kann. Den Friedhof als Ort der Toten zu sehen und deswegen ein gruseliges Gefühl zu haben, kann ich nicht nachvollziehen. Wegen meiner Arbeit bin ich auch manchmal abends auf dem Friedhof – und bisher ist noch nie jemand aus dem Sarg gekommen (lacht). Ich persönlich glaube, dass der Friedhof einer der sichersten Orte ist. Angst braucht man dort nicht haben.

Macht man sich mehr Gedanken über den Tod, wenn man auf dem Friedhof arbeitet?

Es ist genau andersherum: Man stumpft eher ab, weil das meine Arbeit ist und ich mir darüber keine Gedanken mache. Ich habe selbst erlebt, dass man als Trauernder auf einer Beerdigung ein ganz anderes Verhältnis zum Friedhof hat. Bei der Arbeit als Friedhofsgärtner darf man das nicht so nahe an sich rankommen lassen. Auch wenn es mal Trauerfeiern gibt, die einen persönlich berühren, weil man den Verstorbenen zum Beispiel zuvor als Kunden kannte.

Wie wird man Friedhofsgärtner?

Dafür gibt es eine spezielle Ausbildung, die wir als erster Betrieb in Osnabrück angeboten haben. In der Lehre lernt man alles, was Gartenbau betrifft. Ich finde eine breite Gärtnerausbildung sehr wichtig. Ich selbst hatte diese Ausbildung nicht, sondern habe zuerst eine kaufmännische Ausbildung gemacht und später durch ein paar zufällige Umstände den Betrieb im Schinkel übernommen. Die Arbeit des Friedhofsgärtners habe ich mir sozusagen in Eigeninitiative beigebracht.

Fragt man Jugendliche nach ihren Berufswünschen, fällt wohl selten der Job des Friedhofsgärtners. Was meinen Sie, woran das liegt?

Gerade beim Beruf des Friedhofsgärtners ist es so, dass viele Menschen nicht viel damit anfangen können. Wir graben ja nur an der obersten Schicht und nicht in 2,50 Metern Tiefe, wo die Verstorbenen liegen – das ist vielen gar nicht so klar. Für mich ist eine Grabstelle wie ein kleiner Garten. Wir arbeiten also eigentlich so, wie ein Gartenlandschaftsgärtner auch. Aber dieses Hemmnis ‚Friedhof‘ ist für viele ein Problem. Durch ein Praktikum kann man sich mit diesem Beruf auseinandersetzen und merken, dass er sehr vielseitig ist.

 

Was sind Ihre Aufgaben als Friedhofsgärtner?

Zunächst sind wir mit der Anzucht der Pflanzen beschäftigt. Die Pflege einer Grabstelle beginnt für uns, wenn das Grab geschlossen ist. Dann wird das Grab eingeebnet und bepflanzt. Unser Ziel ist es natürlich, das Grab vom Kunden bei uns in die Pflege zu bekommen. Kundenbindung ist für uns sehr wichtig: Ist der Kunde mit uns zufrieden, haben wir das Grab für 20 bis 25 Jahre in Pflege. So entsteht eine Auftragssicherung, um die uns manche andere Gärtner beneiden. Dazu kommt dann die Pflege der Anlage und natürlich das regelmäßige Gießen.

 

Was ist für Sie das Schönste am Beruf des Friedhofsgärtners?

Das Schöne an dem Beruf ist das Individuelle. Ich kann meine eigenen Pflanzen anziehen und habe persönlich mit den Kunden zu tun. Das macht mir viel Spaß, denn ich bin ein kommunikativer Typ und berate die Kunden sehr gerne. Außerdem bin ich gerne in der Natur. Die Herausforderung, etwas für die Natur zu tun und etwas zu gestalten, reizt mich. Ich setze gerne Ideen um und entwickle Alternativen, von denen die Leute vorher sagen: ‚Wie kann man sowas pflanzen?‘. Und später merken sie dann, dass es doch ganz schön aussieht.

In vielen Familien wird kaum darüber gesprochen, wie man begraben werden möchte und wer sich darum kümmert. Was meinen Sie, wie viele Menschen sich vor dem Tod darum kümmern, was nach der Bestattung mit ihnen passiert?

Ich würde sagen, etwa ein Viertel der Menschen kümmert sich vorher um ihre Bestattung. Da hört man oft das Argument ‚Ich möchte meinen Kindern nicht zur Last fallen‘, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Immerhin haben sich die Eltern auch jahrelang um die Kinder gekümmert. Aber es gibt natürlich die Möglichkeit für die Kunden, sich vor dem Tod zu kümmern und die Grabpflege im Voraus zu bezahlen. Ganz schlimm ist es aber, wenn die Kinder von Verstorbenen zu uns kommen und erzählen, dass sich die Eltern anonym begraben lassen haben, ohne das mit ihnen abzusprechen. Es ist ein großer Fehler, nicht darüber zu sprechen, wie man begraben werden möchte und wer sich um die Pflege kümmert.

Glauben Sie, dass viele Menschen die Grabpflege eher als Last sehen?

Ich glaube, es gibt immer mehr Menschen, die gerne ein Grab pflegen. Diese Möglichkeit muss gegeben werden. Wenn das nicht mehr klappt, stehen wir Friedhofsgärtner als Alternative bereit und versuchen, die Wünsche der Kunden umzusetzen. Ich habe noch nie Prospekte verteilt, weil ich das für pietätlos halte. Wenn Kunden auf mich zukommen, zeige ich ihnen die Möglichkeiten und berate sie. Wenn das gut funktioniert, spricht sich das rum. Dann muss ich auch keine Werbung machen.

Machen Sie jede Grabbepflanzung individuell und gab es dabei schon mal kuriose Wünsche?

Ja, bei uns wird jede Grabbepflanzung individuell abgesprochen. Wir beraten die Kunden und sagen ihnen, welche Möglichkeiten es gibt. Besondere Wünsche der Kunden gibt es dabei immer wieder. Eine Zeit lang haben wir mal ganz besondere Gräber bepflanzt. Zum Beispiel ein Golfgrab für einen Golfer oder ein Grab mit verschieden farbigen Pflanzen für eine Malerin. Es gab auch mal Fans der italienischen Fußballnationalmannschaft, deren Grab wir dann in den Farben der Nationalflagge Italiens bepflanzt haben.

Ärgert man sich, wenn man über den Friedhof geht und ungepflegte Gräber sieht?

Ich ärgere mich eher um den allgemeinen Zustand der Pflege auf den Osnabrücker Friedhöfen und nicht über einzelne ungepflegte Gräber. Es gibt viele Gründe, warum eine Grabstelle nicht gepflegt wird, wie zum Beispiel den Tod der Angehörigen oder umgezogene Kinder. Man merkt, dass die Pflege nach einer gewissen Zeit erlahmt. Das finde ich aber auch nachvollziehbar, weil die Trauerarbeit irgendwann vorbei und die enge Bindung an den Verstorbenen nicht mehr so da ist. Wenn uns das zu viel wird, dann nehmen wir den Freischneider und mähen das Unkraut herunter.

Vor Ostern haben Sie wahrscheinlich viel zu tun. Was für eine Grabbepflanzung ist an Ostern angesagt?

Die Zeit vor Ostern gehört bei uns zu den Arbeitsspitzen im Jahr, denn bis dahin müssen die Gräber mit Frühjahrsblühern bepflanzt werden. Die Klassiker zum Frühjahr sind Stiefmütterchen und Osterglocken. Vergissmeinnicht und Tausendschön gehören auch zu den Pflanzen, die hauptsächlich gepflanzt werden.

Hat sich das im Laufe der Zeit verändert?

Nein, verändert hat sich das nicht. Seit ich diesen Beruf ausübe, hat sich nur eines geändert: Früher hat man zu den Totengedenktagen millionenfach Topfheide gepflanzt. Das war lange Zeit die Hauptkultur auch in unserer Region. Wenn wir heute davon im Jahr noch 20 Pflanzen verkaufen, dann ist das viel. Inzwischen pflanzt man neue Heide, die sich länger hält.

Ein Tipp zum Schluss: Was sollte man bei der Grabpflege auf jeden Fall beachten?

Ganz wichtig ist die richtige Bodenvorbereitung. Dabei sollte man nicht die günstige Tütenerde aus dem Baumarkt nehmen, weil diese oft zusammensackt und für die meisten Pflanzen nicht gut geeignet ist. Danach kommt die Wahl der richtigen Pflanzen für die Grabstelle. Die ist abhängig von den Lichtverhältnissen und wie feucht die Stelle ist. Und dann muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Pflanzen einen gewissen Bedarf an Wasser und Dünger haben und geschnitten werden müssen. Ich empfehle, im vierzehntägigen Rhythmus über das Grab zu gehen. Wenn man das regelmäßig macht, hat man auch nicht so viel Arbeit damit, die Grabstelle wieder schön herzurichten. Zur Beratung gibt es uns Friedhofsgärtner, sodass die Kunden hinterher auch lange Freude an den Pflanzen haben.


Zur Person:

Henning Sannemann ist 66 Jahre alt und Präsident des Wirtschaftsverbandes Gartenbau e.V. Von 1977 bis 2016 hat er die Gärtnerei Sannemann in Osnabrück-Schinkel geleitet, die von seinem Sohn Jan Sannemann übernommen wurde.

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