16.03.2017, 13:28 Uhr

Vortragsabend im Museum Anne Frank und der „Osnabrücker Schindler“ Hans Calmeyer

Moderator Thorsten Heese (Kurator am Felix-Nussbaum-Haus), Christoph Sieker, Mathias Middelberg und Martina Sellmeyer zeigten Kreuzungen in den Lebenswegen von Anne Frank, Hans Calmeyer und geflüchteten Osnabrücker Juden in den Niederlanden auf. Foto: Elvira PartonModerator Thorsten Heese (Kurator am Felix-Nussbaum-Haus), Christoph Sieker, Mathias Middelberg und Martina Sellmeyer zeigten Kreuzungen in den Lebenswegen von Anne Frank, Hans Calmeyer und geflüchteten Osnabrücker Juden in den Niederlanden auf. Foto: Elvira Parton

Osnabrück. Im Rahmenprogramm der Ausstellung „Deine Anne“ im Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück fand jetzt eine Diskussionsveranstaltung über die Verbindungen zwischen Anne Frank, Osnabrücker Juden in den Niederlanden und Hans Calmeyer statt.

Mathias Middelberg, CDU-Bundestagsabgeordneter und Calmeyer-Experte, zeigte gemeinsam mit Martina Sellmeyer, Co-Autorin des Buches „Stationen auf dem Weg nach Auschwitz: Entrechtung, Vertreibung, Vernichtung. Juden in Osnabrück 1900-1945“ und Christoph Spieker, Leiter des „Geschichtsorts Villa ten Hompel“ in Münster vielfältige Bezüge auf.

Die Verbindung Anne Franks zu Hans Calmeyer, dem „Schindler aus Osnabrück“, liegt nicht unmittelbar auf der Hand. Aber wenn man sich genauer mit den beiden Persönlichkeiten beschäftigt, rücken ihre Schicksale ganz nah zusammen. Dies machte Middelberg, Autor des Buches „,Wer bin ich, dass ich über Leben und Tod entscheide?‘. Hans Calmeyer‚ ,Rassereferent‘ in den Niederlanden 1941 – 1945“, in seinem einleitenden Vortrag deutlich.

Calmeyer rettete Annes Freundin „Jopie“

So verdankt etwa Jacqueline „Jopie“ van Maarsen, die beste Freundin Anne Franks, dem Osnabrücker Juristen ihr Leben. Jacqueline und ihre Schwester Christiane waren in Gefahr, deportiert zu werden, da sie nach der Rassendoktrin der Nazis mit zwei jüdischen Großeltern als „Halbjuden“ galten. Ihre Eltern hatten in einem Meldebogen vom Januar 1940 zusätzlich wahrheitsgemäß angegeben, dass ihre beiden Mädchen Mitglieder der jüdischen Gemeinde waren.

Dieser verhängnisvolle Vermerk musste geändert werden, um die Kinder vor der sicheren Deportation zu bewahren. Deshalb wandten sich die Eltern an Calmeyer, den damaligen Referenten der „Entscheidungsstelle für Zweifelsfragen der Abstammung“. Er riet ihnen, ein niederländisches Zivilgericht aufzusuchen und sich dort offiziell bestätigen zu lassen, dass die Mädchen nie Mitglieder der jüdischen Gemeinde waren. „Die jüdische Gemeinde hat juristische Anfragen dieser Art damals allesamt bestätigt, sodass es gar nicht zu Streitfällen vor Gericht kam“, berichtete Middelberg. Mit dem offiziellen Gerichtsschreiben konnte Calmeyer mit seiner Unterschrift bestätigen, dass die beiden van-Maarsen-Mädchen keine Jüdinnen seien.

Die SS machte sich auf die Jagd

Mit manipulierten Papieren wie diesem rettete Calmeyer mehr als 3500 Juden vor der Deportation durch die Nazis. „Das blieb der SS natürlich nicht verborgen“, so Middelberg. Schon 1941 habe es entsprechende Aktenvermerke über Calmeyer gegeben. Erst 1944 sei dann aber ein Befehl aus dem Reichssicherheitshauptamt in Berlin zur „Entlarvung zahlreicher Volljuden, die es durch verschiedene Arten von Manipulation erreicht haben, heute noch als Arier oder Mischlinge in den Niederlanden zu gelten“, erlassen worden.

SS-Untersturmführer Ulrich Grotefend, der zwei Jahre lang an der Roonstraße in Osnabrück gewohnt hatte, wurde mit der Revision der Calmeyer-Fälle beauftragt. Damit jedoch kam Grotefend nicht mehr weit, denn schon im September 1944 landeten die Briten in den Niederlanden, was die deutschen Verwaltungsbehörden ins Chaos stürzte.

Calmeyer, der in seiner Osnabrücker Zeit in der Friedrichstraße wohnte, lebte damit fast in direkter Nachbarschaft mit seinem späteren Verfolger Grotefend. Und auch die niederländische Familie van Pels, die sich gemeinsam mit der Familie Frank in einem Hinterhaus in Amsterdam versteckte, war bis 1937 im Haus Martinistraße 67a in Osnabrück beheimatet.

Die Osnabrücker Familie van Pels

„Die Familie van Pels war vor der Nazizeit voll in das bürgerliche Leben in der Stadt integriert“, erläuterte Sellmeyer anhand von historischen Familienfotos. Zurück in Amsterdam wurde der Familienvater Herrmann van Pels zunächst Geschäftspartner von Anne Franks Vater Otto, bis sich beide Familien ab 1942 verbergen mussten. Im August 1944 wurde ihr Versteck schließlich von den Nazis entdeckt.

Von den Osnabrücker Juden, die in die Niederlande geflohen waren, hätten nur elf durch die Hilfe von niederländischen Widerstandskämpfern überlebt, bemerkte Sellmeyer zum Abschluss. In den Niederlanden unterzutauchen sei damals ungleich schwerer gewesen als anderswo, ergänzte Spieker, da die Bürokratie dort schon sehr weit war. „Die Niederlande waren eins der ersten Länder in Europa, das flächendeckend Personalausweise einführte. Darin war auch die Abstammung des Inhabers vermerkt.“


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