15.02.2017, 18:30 Uhr

Lange Vorgeschichte Verschwinden Osnabrücker Nazi-Straßennamen noch in diesem Jahr?


Osnabrück. Es gibt immer noch drei Straßen in Osnabrück, die an Personen mit NS-Vergangenheit erinnern – trotz diverser Vorstöße für eine Umbenennung. Im Kulturausschuss wird am Donnerstag ein konkreter Vorschlag behandelt, die Herren Carl Diem, Giesbert Bergerhoff und Heinrich Röper noch in diesem Jahr aus dem Straßenbild zu tilgen.

Fünf Jahre lang war das Thema immer wieder versandet, dieses Mal hat die Verwaltung aber bereits einen Fahrplan erarbeitet, der unter anderem Informationsveranstaltungen für die 282 betroffenen Anlieger in der ersten Jahreshälfte vorsieht. Bei der Suche nach neuen Straßennamen sollen Ideen aus den betroffenen Stadtteilen Wüste (Carl Diem), Atter (Giesbert Bergerhoff) und Schölerberg (Heinrich Röper) berücksichtigt werden, lautet der Vorschlag, der jetzt in die politische Diskussion geht. (Weiterlesen: Grüne fordern Namensänderung für das Osnabrücker EMA)

2002: Rat stimmt gegen Umbenennung der Carl-Diem-Straße

Schon 2002 wäre die Carl-Diem-Straße in der Wüste nach einem Vorstoß der Grünen fast umbenannt worden. Doch die Anwohner wollten ihren Straßennamen behalten, und der Stadtrat ruderte im November 2002 zurück. Die ruhige Seitenstraße behielt ihren fragwürdigen Namen, den sie 1967 bekommen hatte. Der Sportfunktionär Carl Diem hatte im März 1945, als der Krieg für Nazi-Deutschland längst verloren war, in einer Rede vor der Hitlerjugend in Berlin zum „finalen Opfergang für den Führer“ aufgerufen. Hunderte Jungen starben.

2012: Straßennamen wieder Thema

2012 kam das Thema Umbenennung wieder auf: Wie viele andere Städte in Niedersachsen nahm Osnabrück im Auftrag des Stadtrats alle Straßennamen näher unter die Lupe – 1476 an der Zahl. 2013 lag die Liste vor, doch ein Jahr lang geschah nichts. Seitdem drängt die Osnabrücker Friedensinitiative (Ofri) beharrlich darauf, dass die Stadt endlich die betroffenen Straßen umbenennt. Der Arbeitskreis Erinnerungskultur nahm sich schließlich des Themas an und legte im Sommer 2015 das Ergebnis vor, das jetzt beraten wird. Bei den umstrittenen Namenspatronen gesellten sich zu Carl Diem noch Giesbert Bergerhoff und Heinrich Röper – beides Osnabrücker.

Giesbert Bergerhoff

Dass eine Straße in Atter nach dem 1886 dort geborenen Landwirt Bergerhoff benannt wurde, ist noch gar nicht so lange her: 1984 erst erfolgte der Ratsbeschluss dafür – bei zehn Gegenstimmen. „Die aktive Unterstützung des NS-Regimes wurde beschönigt oder sogar negiert“, lautet die Kritik im Bericht des Arbeitskreises Erinnerungskultur. Bergerhoff trat 1933 in die NSDAP ein, war ab 1936 Ortsgruppenleiter in Atter und Mitglied in diversen NS-Organisationen. Nach dem Krieg wurde er als Mitläufer eingestuft, in den 1950er-Jahren war er Bürgermeister in Atter.

Heinrich Röper

Heinrich Röper wiederum machte sich nicht nur als Prokurist bei der Großweberei F. H. Hammersen am Schölerberg einen Namen, sondern brachte es auch bis zum Rang eines SA-Obersturmbannführers. Er starb im Juli 1938 in Osnabrück. Auf Wunsch der Firma Hammersen und Werksangehöriger wurde 1954 die Straße „Glie Esch“ nach ihm umbenannt – mit 16 gegen 13 Stimmen. Ein Anwohner des Heinrich-Röper-Weges hat sich jetzt im Vorfeld der Sitzung schriftlich an den Kulturausschuss gewandt und Skepsis geäußert, ob eine erneute Umbenennung wirklich nötig sei. „Aus meiner Sicht ist es notwendig, die Person und deren Handlungen im Rahmen des zur maßgeblichen Zeit üblichen Tagesgeschehens und politischen Umfeldes zu betrachten und dann eine Ermessensentscheidung zu treffen“, schreibt er und argumentiert außerdem mit dem Aufwand und den Kosten, die mit der Änderung des Straßennamens einhergehen würden.

3100 Euro Kosten für Umbenennung

Die Stadtverwaltung rechnet mit Kosten in Höhe von 3100 Euro für alle drei Straßen zusammen. Die Anwohner müssten Personalausweise, Pässe und Fahrzeugscheine ändern lassen – gebührenfrei.


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