03.02.2017, 14:14 Uhr

Weltweite Protestwelle Kunstgeschichte-Aus in Osnabrück wird zum Politikum

Am Kunsthistorischen Institut der Universität Osnabrück hängen Protestplakate gegen die geplante Schließung. Foto: Michael GründelAm Kunsthistorischen Institut der Universität Osnabrück hängen Protestplakate gegen die geplante Schließung. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Die geplante Schließung des Kunsthistorischen Instituts an der Universität Osnabrück beschäftigt jetzt sogar den Rat der Stadt. Unterdessen erreicht der Protest von Wissenschaftlern weltweites Ausmaß. Eine Online-Petition nähert sich der 5000-Stimmen-Marke.

Gut drei Wochen nach dem Start der Unterschriftensammlung im Internet haben sich bereits über 4200 Menschen auf diese Weise für den Erhalt des Instituts ausgesprochen. Damit rückt das Ziel in Reichweite: „Wir wollen bis zum 15. Februar mindestens 5000 Unterschriften sammeln und die Petition am selben Tag bei der Sitzung des Senats überreichen“, sagt Fachschaftssprecherin Flora Hülsmann. „Bisher sind wir von der Resonanz überwältigt.“ (Weiterlesen: Protestbanner am Osnabrücker Kunstgeschichte-Institut)

Kritik aus New York

Mit dem in New York ansässigen International Center of Medieval Art (ICMA) hat sich derweil die wichtigste internationale Vereinigung im Bereich der mittelalterlichen Kunst in den Osnabrücker Streit eingemischt. Das hiesige Institut für Kunstgeschichte sei „angesichts der Bedeutung der Denkmäler und Sammlungen in Niedersachsen ein Schlüssel für die Lehre und das Studium der mittelalterlichen Kunst auf internationaler Ebene“, stellt ICMA-Präsidentin Nancy P. Sevcenko in einer E-Mail an den Präsidenten der Universität Osnabrück fest.

Die Region habe lediglich zwei solcher Einrichtungen, und das Osnabrücker Institut sei „unentbehrlich für das Wohlergehen unserer Disziplin“. Die Universität möge deshalb ihre Schließungspläne „überdenken und die Bedeutung dieser Abteilung für das internationale Feld als Ganzes angemessen berücksichtigen“, heißt es weiter in der persönlichen Nachricht, die unserer Redaktion vorliegt.

Appelle von Berufsverbänden

In dieselbe Kerbe schlägt der über 3200 Mitglieder starke Verband Deutscher Kunsthistoriker (VDK) mit einem offenen Brief an Unipräsident Wolfgang Lücke. „Kunsthistorische Expertise an der Universität Osnabrück ist unverzichtbar“, erklären darin VDK-Vorsitzender Kilian Heck und Barbara Welzel als Repräsentantin der Berufsgruppe Hochschulen und Forschungsinstitute. Das Studium der Kunstgeschichte gehöre zum Standard einer seriösen Kunstlehrer-Ausbildung. Die Lehre könne jedoch nur „von Kollegen verantwortet werden, die selbst in der Kunstgeschichte forschend tätig sind“. (Weiterlesen: Studenten tragen Osnabrücker Kunstgeschichte zu Grabe)

Weiter heißt es: „Auch andere Studiengänge des Fachbereichs Kultur- und Sozialwissenschaften an Ihrer Universität sollten nicht ohne kunsthistorische Anteile auskommen.“ Der Kunsthistoriker-Verband mit Sitz in Bonn appelliert daher an Lücke, „mit der Zukunft der kunsthistorischen Professuren verantwortungsvoll umzugehen“. Nach dem „Ulmer Verein“ (Berlin) ist der VDK der zweite große Berufsverband, der gegen die drohende Institutsschließung protestiert.

Erhalt im Interesse der Stadt

Auf die „große Bedeutung des Fachs für das Osnabrücker Kulturleben“ weist die Ratsfraktion der Grünen hin. Sie hat das Thema deshalb auf die Tagesordnung der Ratssitzung am 7. Februar gesetzt. „Im gesamtstädtischen Interesse wäre es wünschenswert, das Fach Kunstgeschichte in Osnabrück zu erhalten“, wird der Fraktionsvorsitzende Michael Hagedorn in einer am Freitag verbreiteten Pressemitteilung zitiert.

Die Auswirkungen einer Institutsschließung wären nicht auf die Universität begrenzt, sondern würden auch das kulturelle und künstlerische Leben in der Region und Stadt Osnabrück betreffen, stellen die Grünen in ihrem Ratsantrag fest. Insbesondere für die städtischen Museen und ihre Weiterentwicklung sei das Fach „von beträchtlicher Bedeutung“. Ähnlich hatte sich bereits der Direktor der Osnabrücker Museen in einem Interview mit unserer Redaktion geäußert.

Senat ohne Entscheidungsgewalt

Die Uni Osnabrück hält das Fach Kunstgeschichte nach eigenen Angaben für verzichtbar. Warum genau, will sie am Mittwoch, 15. Februar, zunächst dem Senat erklären. Das Selbstverwaltungsgremium hat in dieser Frage allerdings keine Entscheidungsgewalt, sondern nur das Recht zur Stellungnahme. Dem Senat gehören 19 Vertreter aus allen Bereichen der Universität an: Hochschullehrer, Studenten, Mitarbeiter. Den Vorsitz hat Präsident Lücke.


Das Kunsthistorische Institut ist im Fachbereich 1 (Kultur- und Sozialwissenschaften) der Universität Osnabrück angesiedelt – mit über 30 Professuren und 3000 Studenten ist dies die zweitgrößte Fakultät. Das Institut selbst spielt quantitativ eine untergeordnete Rolle. Auf der eigenen Internetseite bezeichnet es sich als „überschaubar“. Gegenwärtig sind etwa 200 Studenten in Kunstgeschichte eingeschrieben. Hinzu kommen pro Semester rund 100 Studenten aus anderen Fächern.

Das Präsidium der Universität Osnabrück will das Fach bis zum Jahr 2024 geregelt auslaufen lassen. Eine Aufnahme im Bachelor-Studiengang soll letztmalig zum Wintersemester 2018/19 möglich sein. Dies würde es ermöglichen, selbst einen Masterabschluss innerhalb der Regelstudienzeit zu erreichen. Zusätzlich könnten Kunstgeschichte-Studenten eine zweisemestrige Auslaufbetreuung in Anspruch nehmen.

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