13.01.2017, 16:51 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Präsidium kontert Vorwürfe Uni Osnabrück: Kunstgeschichte ist nicht unverzichtbar

Kunsthistorisches Institut vor dem Aus: Die Universität Osnabrück plant, alle drei bis 2024 frei werdenden Professorenstellen nicht neu zu besetzen. Forschung und Lehre im Fach Kunstgeschichte sollen auf diese Weise geregelt auslaufen. Foto: Michael GründelKunsthistorisches Institut vor dem Aus: Die Universität Osnabrück plant, alle drei bis 2024 frei werdenden Professorenstellen nicht neu zu besetzen. Forschung und Lehre im Fach Kunstgeschichte sollen auf diese Weise geregelt auslaufen. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Im Streit um die geplante Schließung des Kunsthistorischen Instituts sieht sich die Uni Osnabrück zu einer Klarstellung veranlasst. Die bundesweite Kritik an dem Vorhaben reißt derweil nicht ab. Im Internet werden Unterschriften gesammelt, und vor Ort überschreitet der Protest die Grenze der Legalität.

Die Stimmung ist aufgeladen: Nachdem Vandalen Anfang der Woche das Osnabrücker Schloss als Universitätssitz mit der Parole „Kunstgeschichte bleibt!“ beschmiert hatten, tauchten wenig später an verschiedenen Stellen – unter anderem an Dekanatsgebäuden – wilde Plakate mit teils ehrverletzendem Inhalt auf. So wurde unter der Überschrift „Für die Kunst!“ vor allem Universitätspräsident Wolfgang Lücke persönlich angegriffen und beleidigt.

Mittlerweile sind diese Zettel wieder weg. Doch auf sachlicher Ebene muss das Präsidium weiter hart einstecken. In einem Artikel der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ unterstellt Sergiusz Michalski, Professor am Kunsthistorischen Institut der Uni Tübingen, dem Osnabrücker Präsidium „administrative Dummheit“ und spricht von „einem der brutalsten Angriffe auf eine Einrichtung der Kunst- und Geistesgeschichte in der deutschen Universitätslandschaft“. Von der TU Dresden meldet sich „bestürzt und fassungslos“ Prof. Dr. Bruno Klein zu Wort, unter anderem Sprecher des zuständigen Fachkollegiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). In seinem an Lücke & Co. adressierten Brief, der unserer Redaktion vorliegt, heißt es: „Die Osnabrücker Universitätsleitung scheint bei ihrer Entscheidung gegen die Kunstgeschichte einen populistischen Rückwärtsgang eingelegt zu haben. Klarer kann man kulturpolitische Ignoranz nicht zum Ausdruck bringen.“ (Weiterlesen: Wissenschaftler kämpfen für Kunstgeschichte in Osnabrück)

Appell an Stadt und Kulturszene

Als Vorsitzende der Osnabrücker Gesellschaft für zeitgenössische Kunst schaltet sich Elisabeth Lumme in die Diskussion um die geplante Institutsschließung ein. Neben allen fachlichen Gründen, die gegen ein Aus sprechen würden, dürften nach Ansicht ihres Vereins die Auswirkungen auf das kulturelle Leben der Stadt nicht unbeachtet bleiben. „Das Fach Kunstgeschichte ist wichtig für die Friedensstadt Osnabrück“, stellt Lumme fest und meint: „Kurzsichtiger kann eine Universitätsleitung wohl nicht handeln, als in einem weltpolitisch angespannten Klima ein geisteswissenschaftliches Fach aus Kostengründen zu schließen.“ Die Stadt Osnabrück und die Kulturszene seien aufgerufen, sich für einen Verbleib des Fachs Kunstgeschichte einzusetzen.

In der zuletzt dramatisch eskalierten Auseinandersetzung mit dem Präsidium springt unterdessen der Uni-Asta dem Kunsthistorischen Institut und der Fachschaft Kunstgeschichte zur Seite. In einer öffentlichen Solidaritätsbekundung der Studentenvertretung heißt es: „Die Vorgehensweise des Präsidiums in dieser Sache ist vollkommen inakzeptabel.“ Betroffene, Gremien und andere Beteiligte seien bezüglich der Schließung „vor vollendete Tatsachen gestellt“ worden. Der Asta fordere mithin „die Rücknahme der Entscheidung“.

„Kunstgeschichte bleibt“ prangt in Großbuchstaben am Schloss als Sitz der Universität. Foto: Jörn Martens

Präsidium: Fach nicht unverzichtbar

Vor diesem Hintergrund sieht sich die Universität Osnabrück zu einer Stellungnahme veranlasst. Darin betont das Präsidium, dass weder von einer bereits erfolgten Entscheidung noch davon gesprochen werden könne, die Fachvertreter vor vollendete Tatsachen gestellt zu haben. Außerdem gebe es keine Pläne, mit frei werdenden Mitteln aus der Kunstgeschichte die Naturwissenschaften oder Rechtswissenschaften stärken zu wollen, geschweige denn weitere geisteswissenschaftliche Institute zu schließen oder den dortigen Personalbestand deutlich zu reduzieren. Gleichwohl gehöre es zum Selbstverständnis der Universität, „stellentechnische Gestaltungsspielräume“ zu nutzen, „um einzelne Fächer im Wettbewerb besser positionieren zu können“. (Kommentar: Kunstgeschichte ist für die Uni Osnabrück unrentabel)

Die Überlegungen des Präsidiums zur Zukunft des Kunsthistorischen Instituts seien also „strukturell motiviert“, heißt es. Erstens seien es die einzigen Ressourcen, die bis zum vorgesehenen Auslaufen des Fachs im Jahr 2024 überhaupt zur Verfügung stehen. Zweitens würden „die Leistungs- und Belastungsparameter nicht die Unverzichtbarkeit des Fachs belegen“. Was genau das Präsidium damit meint, bleibt offen. Zahlen und Daten in diesem Zusammenhang würden erst veröffentlicht, wenn sich die Gremien mit dem Thema befassen – etwa der Senat in seiner Sitzung am 15. Februar.

Unterschriftensammlung im Internet

Das Kunsthistorische Institut der Universität Osnabrück hat derweil am Donnerstag eine Online-Petition gestartet. Allein bis Freitagnachmittag wurden auf der Internetplattform Change.org bereits über 1200 Unterschriften für den Erhalt der Einrichtung gesammelt.


Kunstgeschichte gehört seit Gründung der Universität Osnabrück im Jahr 1974 zum Spektrum der geisteswissenschaftlichen Fachgebiete. Seine traditionellen Schwerpunkte hat das Fach Kunstgeschichte in Europa und Nordamerika. Untersucht werden die Gattungen Architektur, Malerei, Grafik, Skulptur, Kunsthandwerk, ferner auch Städtebau, Landschafts- und Gartenkunst. Für den Zeitraum der Moderne (19. bis 21. Jahrhundert) kommen Fotografie, Film und elektronische Medien (Video, Computer) hinzu. Bei der Beschäftigung mit der Kunst der Moderne werden auch außereuropäische und außeramerikanische Strömungen und Einflüsse berücksichtigt.

Forschungsschwerpunkte in Osnabrück sind unter anderem Architektur und Bildende Kunst des Mittelalters und der Frühen Neuzeit vor allem in Frankreich, Italien und Deutschland. Der Kunstgeschichte Niedersachsens gilt besonderes Augenmerk. Zurzeit wird eine kunsthistorische Bilddatenbank aufgebaut, die intensiv in Lehre und Forschung genutzt wird. Enge Kooperationen bestehen mit dem Fachgebiet Kunst/Kunstpädagogik sowie mit geisteswissenschaftlichen Disziplinen, die im Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit zusammenarbeiten.

Das Kunsthistorische Institut ist im Fachbereich 1 (Kultur- und Sozialwissenschaften) der Universität Osnabrück angesiedelt – mit über 30 Professuren und 3000 Studenten ist dies die zweitgrößte Fakultät. Das Institut selbst spielt quantitativ eine untergeordnete Rolle. Auf der eigenen Internetseite bezeichnet es sich als „überschaubar“. Gegenwärtig sind etwa 200 Studenten in Kunstgeschichte eingeschrieben. Hinzu kommen pro Semester rund 100 Studenten aus anderen Fächern.

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