27.12.2016, 10:26 Uhr

Protest gegen Institutsschließung Wissenschaftler kämpfen für Kunstgeschichte in Osnabrück

Kummerkasten: Das Kunsthistorische Institut der Universität Osnabrück soll geschlossen werden, dabei gehört es zu den ersten Adressen dieser geisteswissenschaftlichen Disziplin in Deutschland. Foto: Michael GründelKummerkasten: Das Kunsthistorische Institut der Universität Osnabrück soll geschlossen werden, dabei gehört es zu den ersten Adressen dieser geisteswissenschaftlichen Disziplin in Deutschland. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Die geplante Schließung des Instituts für Kunstgeschichte an der Universität Osnabrück löst bei Geisteswissenschaftlern vor Ort und in ganz Deutschland heftige Proteste aus. Von „Hochschulpolitik zum Haareraufen“ ist die Rede.

Harsche Kritik an dem Vorhaben des Präsidiums, das Kunsthistorische Institut bis 2024 abzuwickeln, kommt unter anderem aus dem Historischen Seminar der Universität Osnabrück. „Die geplante Schließung fügt den Geisteswissenschaften an der Universität Osnabrück großen Schaden zu. Darüber hinaus schwächt sie den Hochschulstandort Osnabrück und damit die Region deutlich“, sagt Prof. Dr. Thomas Vogtherr, Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte des Mittelalters.

Der strategischen Entscheidung, das Fach Kunstgeschichte nach 42 Jahren aufzugeben, liege eine „gravierende Fehleinschätzung“ zugrunde, so der frühere Vizepräsident für Forschung und Lehre. Die Bedeutung des mit ein paar Hundert Studenten und drei Professoren vergleichsweise kleinen Instituts ergebe sich nicht aus seiner Größe, sondern aus der Qualität seiner Arbeit. Im Zuge von Pensionierungen dort Geld und Stellen abzuziehen, um damit andere Fächer auszustatten, dürfe kein Grund für eine Schließung sein. Vogtherr: „Man könnte die Haare raufen, wenn man sieht, wie hier Hochschulpolitik betrieben werden soll. Dennoch werden die Geisteswissenschaften bis zum Letzten kämpfen!“

Wichtige Rolle in der Forschung

Den Stellenwert des Kunsthistorischen Instituts der Uni Osnabrück macht der Geschichtsprofessor an einem Beispiel aus der aktuellen Forschung fest: Unter seiner Leitung als Historiker würden momentan Wissenschaftler der Universitäten Bonn, Kiel und Potsdam sowie des Dom-Museums Hildesheim an der Erforschung der hochmittelalterlichen Kunst in Hildesheim arbeiten. Der Bund fördere das Projekt als eines von wenigen unter mehr als 100 Antragstellern mit mehr als einer Million Euro. „In Osnabrück gehört zu den Projektpartnern natürlich mein Kollege Professor Klaus Niehr von der Kunstgeschichte.“

Ein wesentliches Argument sei es gewesen, dass Niehr zum Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften gewählt worden ist – einer der wichtigsten gelehrten Gesellschaften in Deutschland. „Und das alles soll nun nichts mehr zählen?“, fragt Vogtherr. Es drohe die Abwicklung eines erfolgreichen Faches „aus durchsichtigen Gründen und nur deshalb, weil zufällig alle drei Hochschullehrer zum gleichen Zeitpunkt in den Ruhestand treten“. Eine zukunftsgerichtete und vernünftige Strukturpolitik in der Universität sähe wohl anders aus.

Gegen die Interessen Niedersachsens

Dem können führende Kunsthistoriker von anderen Universitäten nur beipflichten. Aus Bonn erreichte unsere Redaktion ein Brief an den Präsidenten der Uni Osnabrück, Absender Harald Wolter-von dem Knesebeck. Der Professor für Kunstgeschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität und Direktor des Paul-Clemen-Museums äußert darin sein Unverständnis über die geplante Schließung.

So verfüge das „in Blüte stehende und hoch angesehene“ Kunsthistorische Institut in Osnabrück über den landesweit einzigen Lehrstuhl, der sich dezidiert und schwerpunktmäßig den mittelalterlichen Kunstwerken und Bauten Niedersachsens widme – darunter Unesco-Weltkulturerbe wie der Hildesheimer Dom, die Hildesheimer Michaeliskirche oder die Altstadt von Goslar. „Ich bin schockiert über dieses fatale Vorhaben der Universitätsleitung, das auch an den Interessen des Bundeslandes vorbeigeht“, stellt Wolter-von dem Knesebeck fest.

Aufruf zum breiten Widerstand

Von der Uni Tübingen meldet sich mit Prof. Dr. Sergiusz Michalski ein weiteres Schwergewicht der Branche zu Wort. Im Gespräch mit unserer Redaktion beklagt der stellvertretende geschäftsführende Direktor des dortigen Kunsthistorischen Instituts, der wie der Osnabrücker Niehr Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen ist, den drohenden Verlust von Fachkompetenz „in einer Größenordnung, wie es sie in der Bundesrepublik Deutschland noch nicht gegeben hat“. Das Institut in Osnabrück sei „sehr lebensfähig“ und „alles andere als leichtgewichtig“. Um es zu erhalten, ruft Michalski zum Widerstand auf, der über Osnabrück und die gefährdete Disziplin hinausgeht. „Proteste des Faches bringen wenig. Hier wird eine Zwiebel geschält.“


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