20.12.2016, 11:45 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Aufnahmestopp für Studenten Uni Osnabrück schließt Institut für Kunstgeschichte


Osnabrück. Die Universität Osnabrück gibt eines ihrer ältesten geisteswissenschaftlichen Fachgebiete auf. Nach Recherchen unserer Redaktion soll das Kunsthistorische Institut geschlossen werden, um mehr Geld für Naturwissenschaften und Jura zu haben. Betroffene reagieren entsetzt.

Geplant ist, Ende 2023 und Anfang 2024 alle drei am Institut frei werdenden Professorenstellen nicht neu zu besetzen und Forschung und Lehre auf diese Weise geregelt auslaufen zu lassen. Das Präsidium der Universität Osnabrück hat den Lehrkörper nach NOZ-Informationen bereits am 6. Dezember über seine Entscheidung informiert.

Grund für die Schließung ist angeblich eine Umverteilung finanzieller Mittel zugunsten von Naturwissenschaften und Rechtswissenschaften, wo hochkarätige Wissenschaftler gehalten und weitere geworben werden sollen. Hinzu kommt, dass das Fach Kunstgeschichte keine Studenten für das Lehramt ausbildet. Schon ab dem Wintersemester 2017/18 werden keine Studenten mehr im Fach Kunstgeschichte aufgenommen. Die jetzigen Studenten sollen ihr Studium aber noch abschließen können.

Vor vollendete Tatsachen gesetzt

Das Kunsthistorische Institut ist im Fachbereich 1 (Kultur- und Sozialwissenschaften) der Universität Osnabrück angesiedelt – mit über 30 Professuren und 3000 Studenten ist dies die zweitgrößte Fakultät. Das Institut selbst spielt quantitativ eine untergeordnete Rolle. Auf der eigenen Internetseite bezeichnet es sich als „überschaubar“. Gegenwärtig sind etwa 200 Studenten in Kunstgeschichte eingeschrieben. Hinzu kommen pro Semester rund 100 Studenten aus anderen Fächern.

Mitarbeiter und Partner des Kunsthistorischen Instituts sind bestürzt über das Aus. „Es kommt völlig überraschend, da hat sich überhaupt nichts abgezeichnet. Mit uns wurde nie über notwendige Einsparungen diskutiert. Stattdessen werden wir vom Präsidium vor vollendete Tatsachen gesetzt“, sagt Klaus Niehr als einer jener drei Professoren am Institut, deren altersbedingtes Ausscheiden zur Abwicklung der 1974 gegründeten Einrichtung genutzt wird. Die Nachricht habe ihnen „den Boden unter den Füßen weggezogen“. Nach Recherchen unserer Redaktion war nicht einmal der Dekan des Fachbereichs in die Pläne eingeweiht. Lediglich der Vorsitzende des Hochschulrats soll vorab kontaktiert worden sein.

Irreparabler Schaden für die Geisteswissenschaften

Die Institutsschließung sei „eine Katastrophe“ mit „fatalen Folgen“, dem Präsidium der so angerichtete, „irreparable Flurschaden“ mutmaßlich gar nicht klar. Niehr: „Es wirft ein ganz schlechtes Licht auf die Universität.“ Das Osnabrücker Institut für Kunstgeschichte sei „erfolgreich und bedeutsam für ganz Niedersachsen“, was Drittmittelaufkommen, Evaluierungen und Kooperationen belegen würden. Die Universität verliere „beinahe ein Alleinstellungsmerkmal“. Künftig werde es in Niedersachsen nur noch in Göttingen möglich sein, ein universitäres Studium der Kunstgeschichte aufzunehmen.

Kritik am Alleingang des Präsidiums kommt auch vom interdisziplinären Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit (IKFN), das als geisteswissenschaftlicher Leuchtturm der Uni Osnabrück gilt. Kunstgeschichte ist eins von neun Fächern, die mit dem IKFN zusammenarbeiten. „Das IKFN verliert ein wichtiges Fach, das für die interdisziplinäre Erforschung der Frühen Neuzeit von zentraler Bedeutung ist“, sagt Institutsdirektorin Siegrid Westphal. Besonders problematisch sei, dass hier „ganz wesentliche Eingriffe in die Fächerstruktur der Universität“ vorgenommen würden, die zulasten der Geisteswissenschaften gehen.

Herber Verlust an regionaler Expertise

Die Verflechtung des Faches Kunstgeschichte mit vielen anderen Fächern im Zwei-Fächer-Bachelor sei vom Präsidium offenbar nicht berücksichtigt worden. Ebenso wenig die Tatsache, dass das Fach Kunst ohne kunstgeschichtliche Anteile gar nicht studiert werden kann. Die Vertreter der Kunstgeschichte hätten zudem dazu beigetragen, Kunstwerke der Stadt Osnabrück sowie des Osnabrücker Landes in Kooperation mit den regionalen Museen zu erforschen, sagt Westphal. Künftig würden Experten fehlen, die Auskunft über die Kunst der Region geben oder bei geplanten Tagungen, Ausstellungen und Aktionen beratend tätig werden können. „Ob dieser Zug noch aufzuhalten ist, wage nicht nur ich zu bezweifeln. Juristisch ist das Vorgehen des Präsidiums abgesichert“, stellt die IKFN-Direktorin fest.

Die Universität Osnabrück teilte am Dienstag auf Nachfrage unserer Redaktion mit, dass es sich bei der geplanten Schließung des Kunsthistorischen Instituts um einen „universitätsinternen, nicht abgeschlossenen Vorgang“ handelt. Der Vorschlag des Präsidiums solle mit den Gremien der Universität zu Beginn des kommenden Jahres diskutiert werden. Über das Ergebnis werde die Öffentlichkeit „zu gegebener Zeit informiert“. Ein eventueller Beschluss zu einem frühen Zeitpunkt sei aber nötig, um den Studenten einen ordnungsgemäßen Abschluss ihres Studiums zu ermöglichen und laufende Vorhaben und Promotionen abzuschließen.


Kunstgeschichte gehört seit Gründung der Universität Osnabrück im Jahr 1974 zum Spektrum der geisteswissenschaftlichen Fachgebiete. Seine traditionellen Schwerpunkte hat das Fach Kunstgeschichte in Europa und Nordamerika. Untersucht werden die Gattungen Architektur, Malerei, Grafik, Skulptur, Kunsthandwerk, ferner auch Städtebau, Landschafts- und Gartenkunst. Für den Zeitraum der Moderne (19. bis 21. Jahrhundert) kommen Fotografie, Film und elektronische Medien (Video, Computer) hinzu. Bei der Beschäftigung mit der Kunst der Moderne werden auch außereuropäische und außeramerikanische Strömungen und Einflüsse berücksichtigt.

Forschungsschwerpunkte in Osnabrück sind unter anderem Architektur und Bildende Kunst des Mittelalters und der Frühen Neuzeit vor allem in Frankreich, Italien und Deutschland. Der Kunstgeschichte Niedersachsens gilt besonderes Augenmerk. Zurzeit wird eine kunsthistorische Bilddatenbank aufgebaut, die intensiv in Lehre und Forschung genutzt wird. Enge Kooperationen bestehen mit dem Fachgebiet Kunst/Kunstpädagogik sowie mit geisteswissenschaftlichen Disziplinen, die im Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit zusammenarbeiten.

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