01.12.2016, 12:35 Uhr

Der Schriftsteller im Interview Hanns-Josef Ortheil über sein Schreiben


Osnabrück. Nach seiner Lesung im Osnabrücker Theater hat der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil im Interview darüber gesprochen, warum in seinen Büchern Programmatisches, klassische Poetik-Programme oder politisch Aktuelles keine große Rolle spielen. Ihm geht es um eine Literatur, die nach musikalischen Gesetzen Stimmungen aufbaut und auf diesem Weg mit den Lesern kommuniziert.

Herr Ortheil , wie schreiben Sie: Finden Sie spontan den richtigen Ausdruck in ihrem sicher immer wieder überprüften Sprachschatz und vertrauen ihm? Oder feilen Sie noch viel an Ihren Texten?

Ganz wenig. Wenn ich die Klagen vieler Autoren über ihren Arbeitsprozess höre, kann ich das selten nachvollziehen. Weil ich, wahrscheinlich bedingt durch besondere Lernprozesse seit meiner Kindheit, den Text fast eins zu eins unverändert lasse und später auch zum Druck bringe. Es sind nur winzige Umstellungen von Satzgliedern, die falsch stehen, nötig, das höre ich dann am Klang. Aber eigentlich handelt es sich fast um ein Diktat. Es gibt eine Stimme in mir, die das diktiert und ich höre zu und schreibe es auf. Es ist fast unglaublich, wie fast alle Texte schon immer da sind. Vermutlich, weil ich sie gedanklich so lange vorbereitet habe.

Sie sagen in Ihrem aktuellen Buch „Was ich liebe und was nicht“, dass die Aufnahmefähigkeit eines Menschen durch Raum und Zeit begrenzt wird. Sollte man deshalb als Autor auch einen Text nicht überfrachten?

Ich meine damit, dass das Programmatische bei mir keine große Rolle spielt. Ich frage beim Schreiben nicht: Was will ich, was soll ich, welche großen Ziele habe ich. All diese ideologischen Konnotationen von Literatur finde ich relativ uninteressant. Ich vertraue einfach der Entstehung des Textes und darauf, dass er ein Zeitabdruck des Moments und des eigenen Erlebens ist. Ich möchte in den Text nicht viele Dinge hinein zitieren, die noch aus anderen Zusammenhängen oder Zeitebenen kommen und die ich nebenbei noch sagen will. Die klassischen Poetik-Programme, die Autoren so haben, wenn sie etwa noch ein großes Universum von Soundso entwerfen wollen, kann ich mir nicht vornehmen. Mich interessiert der Impuls, den ein Motiv oder Thema ganz zeitgebunden in einem bestimmten Moment in mir auslöst. Dem folge ich, mehr will ich nicht.

Dafür verwenden Sie Ihre notierten Sammlungen von Alltagsbeobachtungen?

Das letzte Buch „Was ich liebe und was nicht“ ist so eine Art von Kompendium meiner Passionen und persönlichen Vorlieben und Haltungen, die ja auch dann untergründig in die Romane einfließen. Das heißt, ein Autor ist auch relativ stark an Nähe und Ferne zu Dingen gebunden. Seine sensuelle Welt ist also relativ stark konturiert und hat Grenzen, darüber müsste einmal länger nachgedacht werden.

Wie reagieren Sie auf Themen, die gesellschaftlich oder politisch gerade in der Luft liegen?

Es gibt gegenwärtig auch von journalistischer Seite einen starken Druck auf Gegenwartsautoren, zu bestimmten Themen bitte doch schnell zu schreiben. Donald Trump ist kaum in der Nähe des Weißen Hauses und schon soll der Trump-Roman da sein. Dieses schnelle Reagieren auf Weltzusammenhänge ist aber nur möglich, wenn sie mir durch eigene Erfahrung zugänglich sind und ich direkt involviert bin. Weltprozesse einfach abstrakt abzurufen und Figuren aufzubauen, die diesen Weltprozessen dann taumelnd hinterherlaufen, würde nur zu banalen Klischees führen. Das würden ja grässliche Texte ergeben. Die starke Seite der Literatur ist die sensuelle Ergründung: Wie wirken sich die großen Prozesse auf unsere Lebens- und Verhaltensformen aus? Darüber aber kann ich nur schreiben, wenn ich die Veränderungen an mir oder Menschen der nächsten Umgebung beobachte.

Ist in einem solchen Fall da nicht auch die Gefahr groß, Ideologie zu produzieren?

Ja, oder das Spektrum der Kommentare zu wiederholen, das es sowieso dazu schon in der öffentlichen Diskussion gibt.

Wie hat sich eigentlich Ihr Musizieren als Pianist auf Ihr Fühlen, Denken und Schreiben ausgewirkt?

Das war die erste starke Formung meiner gesamten Wahrnehmung, weil es so früh, so leidenschaftlich und in einer relativ extremen Situation angefangen hat (das kommunizierende Klavierspielen mit der verstummten Mutter, Anm. der Red.). Ich konnte als Kind schon bald bemerken, dass Musikstücke streng gebaut sind, dass sie Phrasen haben, die sich wiederholen, dass es Pausen gibt oder plötzliche Tonartwechsel, oder Stimmungsbilder, die zum Beispiel die Melancholie, besondere Freude oder Euphorie evozieren. Und dass ich dauernd in einem Geflecht von einem sehr engen Bedeutungszusammenhang lebte. Man entwickelt früh ein Empfinden für bestimmte Emotionen und wird stark stimmungsabhängig. Wenn ich ein Bild betrachte, wird meine Stimmungserregung nie so groß sein wie bei Musik. Insofern war und ist die Musik für mich ein starker Träger von Lebensenergie. Das hat dazu geführt, dass ich beim Schreiben längerer Texte Szenen zu moduliere, in denen Stimmungen eine ganz besondere Rolle spielen. Ein starkes Interesse von mir ist es, solche differenzierten Stimmungsprozesse auch im Leser auszulösen. Das beschäftigt mich sehr und weniger die Diskussion über Thematisches, die dann schnell wieder abebbt und abstrakt wird.

Sie sagen in Ihrem Buch, dass sie zeitlebens nach Bedeutungsmomenten suchen und sich schnell bei profanen Tätigkeiten langweilen. Hat das auch mit Ihrer Prägung durch Musik zu tun?

Musik ist ja eine Feier. Sie ist nicht nur eine hübsche Begleitung des Tages, sondern eine Intensivierung ungeheurere Art bis ins Ekstatische. Wenn man das oft erlebt hat, wird man ungeduldig mit Momenten, wo das nicht so ist.

Auch im Gespräch?

Ja, unbedingt. Gute Gespräche haben etwas intensiv Dialogisches, sie sind wie zwei musikalische Stimmen, die laufend aufeinander eingehen und eine Komposition entwerfen. Fehlt diese Nähe, wird es oft banal oder langweilig.

Was nehmen Sie sich eigentlich für die Zeit nach den sieben Jahren autobiografischen Schreibens vor?

Meine autobiografischen Bücher sind sehr unterschiedlich. Die frühsten wurden noch zu Lebzeiten meiner Eltern geschrieben und mussten vieles verschweigen. Erst die späteren (seit 2009) waren freier. Das hatte auch mit meinem Alter zu tun. Kurz vor dem 60. Geburtstag habe ich vieles anders und genauer gesehen.

Man nimmt plötzlich Dinge anders wahr...

Ja, den ganzen Lebensprozess sieht man plötzlich in Zusammenhängen, an die man vorher gar nicht denken konnte. Sehr häufig geschieht das um die 60, „Dichtung und Wahrheit“ hat Goethe ja auch mit sechzig angefangen. Und das ist ja das Schöne am Alter. Das genaue Sehen und Begreifen. Die Reihe der späten autobiografischen Bücher habe ich mit „Was ich liebe und was nicht“ jetzt abgeschlossen.

Worüber werden Sie als Nächstes schreiben?

Ich werde im kommenden Herbst 2017 einen Roman ohne autobiografische Zusammenhänge veröffentlichen – in Zusammenarbeit mit meiner Tochter, die 23 ist. Sie hat mir diesen Stoff geschenkt, ohne dass sie das eigentlich wollte (lacht). Aber sie hat großes Vertrauen zu mir. Der Romanstoff spielt zu großen Teilen in Köln, auch deshalb wird er diesmal nicht im Luchterhand-Verlag , sondern bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen. Der Kölner Dom spielt eine große Rolle. Und da ich den so gut kenne, habe ich schon einmal eine erste Basis, ein Fundament oder eine Skulptur, an die ich mich anlehnen kann…


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