30.11.2016, 06:01 Uhr

Neues Buch von Heiko Schulze Streifzug durch 250 Jahre Osnabrücker Zeitungsgeschichte

Autor Heiko Schulze (links) beim Rundgang durch die Begleitausstellung zu 250 Jahren Osnabrücker Zeitungsgeschichte im unteren Flur der VHS, die dort noch bis zum 22. Dezember zu sehen ist. Foto: Joachim DierksAutor Heiko Schulze (links) beim Rundgang durch die Begleitausstellung zu 250 Jahren Osnabrücker Zeitungsgeschichte im unteren Flur der VHS, die dort noch bis zum 22. Dezember zu sehen ist. Foto: Joachim Dierks

Osnabrück. Der Osnabrücker Historiker und Autor Heiko Schulze ist tief in das Pressewesen seiner Heimatstadt eingetaucht. Anlass ist das Vierteljahrtausend, das seit dem ersten Erscheinen von Mösers „Wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen“ am 4. Oktober 1766 vergangen ist.

Im Vortragssaal der Volkshochschule stellte Schulze sein Werk jetzt vor. Das steckte zwar noch in der Druckerei fest, aber die Titelseite hatte Schulze schon einmal zur Ansicht mitgebracht. Sie zeigt einen Zeitungszusteller mit seinem Lastenfahrrad auf Tour. Auf dem Transportkasten ist „Osnabrücker Zeitung“ zu lesen. Was der gute Mann mit halb amtlicher Schirmmütze darin befördert, ist der Zeitungstitel, der von 1871 bis 1937 im Verlagshaus Kisling am Neumarkt erschien und einen der drei Vorläufer der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ darstellt.

Die Kisling’sche Druckerei hatte aber auch schon vorher ihre Finger im Spiel. Damals noch in der Großen Hamkenstraße 17, druckte Johann Wilhelm Kisling ab 1766 Mösers wöchentliche Anzeigen und war somit Geburtshelfer von Osnabrücks erster Lokalzeitung.

Deren Vater hieß Justus Möser. Der erste Redakteur der Stadtgeschichte war Jurist, Literat, Historiker und so etwas wie der Regierungschef im alten Fürstbistum. Dies umfasste nur wenig mehr Fläche als das Territorium des heutigen Stadt- und Landkreisgebiets. Der Kleinstaat beherbergte rund 110000 Seelen, nur knapp 7000 davon lebten in Osnabrück. Die Auflage war bescheiden, nur jeder 40. bezog das Blatt.

„Nützliche Beylage“

Justus Möser gab sich nicht mit einem schlichten Verlautbarungsorgan zufrieden. Er krönte den Inserats- und Verkündigungsteil mit etwas Besonderem: einer „nützlichen Beylage“. Damit wollte er nicht nur informieren, unterhalten und belehren. Er wollte vor allem diskutieren. Im modernen Mediendeutsch gesprochen: Er postete persönlich, ließ andere posten und wartete auf Likes oder Dislikes zum Regierungshandeln. In Gestalt erfundener Autorennamen gab der Redakteur unterschiedliche Sichtweisen zu Problemen des Alltags zum Besten.

Da ging es zum Beispiel um das winterliche Überleben der Fische im Teich, um die Beschäftigung von Gefängnis-Insassen, um die Wiedereinführung des Legge-Stempels im Leinenhandel oder um das Suchtpotenzial des regelmäßigen Kaffeetrinkens.

Grundlage der Kontroversen bildeten ausdrücklich erbetene Leserzuschriften. „Hätte es das ‚Liken‘ schon gegeben, hätte kein Geringerer als Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe zu den ,Gefällt mir‘-Klickern des Osnabrücker Blattes gehört“, knüpfte Heiko Schulze eine amüsante Brücke in die digitale Jetztzeit. Für Goethe war der erste Osnabrücker Blattmacher schlichtweg „der herrliche Justus Möser“. Und auch Johann Gottfried Herder lobte: „Herr Möser, der Verfasser der ersten Deutschen Geschichte, hat viel Teil daran, dass moralische Predigten und witzige Langweiligkeiten fast gar nicht vorkommen.“

Im „Überflug“ streifte Schulze weitere Meilensteine der Zeitungsgeschichte, die zum Spiegel nationaler und stadtgeschichtlicher Ereignisse wurde. So die „Franzosenzeit“, als Osnabrück für rund drei Jahre ganz offiziell zu Frankreich gehörte mit der Konsequenz, dass Mösers Blatt zweisprachig erschien. Napoleons Russland-Expedition endete desaströs: Von 25000 westfälischen Soldaten in der Grande Armée kehrten nur 800 heim. Unter den Gefallenen müssen sich auch viele zwangsrekrutierte Osnabrücker befunden haben. „Wie sich das in der Lokalpresse niedergeschlagen hat, bedarf noch weiterer Erforschung“, gab Schulze als Anregung aus.

Linke und Konservative

Und dann das Revolutionsjahr 1848. Bekennende Linke scharten sich um die Macher des „Osnabrücker Tageblatts für jedermann“. Das Blatt war das Organ des Märzvereins, sprach auch die wachsende Arbeiterschaft der Stadt an und transportierte sozialistische Ideen. Prägende Blattmacher waren der Verleger Lüdecke, der Advokat Detering und die Lehrer Rosenthal und Noelle.

Und dann die Konservativen und Konservativ-Liberalen: Sie gründeten den Vaterlandsverein und riefen das „Osnabrücker Volksblatt“ ins Leben. Dessen geistiger Vater war vor allem der langjährige Bürgermeister und zeitweilige hannoversche Innenminister Johann Carl Bertram Stüve.

Schließlich die Katholiken: Sie fanden sich im Piusverein zusammen, der als Vorläufer der Zentrumspartei angesehen werden kann. Er brachte die „Beiträge zur Belehrung und Erholung“ heraus, die besonders gern im katholischen Umland gelesen wurden. Die drei Blätter begründen in Osnabrück eine breit gefächerte politische Streitkultur. Aber die zarten demokratischen Ansätze werden nur wenige Jahre später „unter feudalistischen Militärstiefeln zertrampelt“, wie Schulze es beschreibt. Pressefreiheit und geistiger Meinungsstreit nahmen landauf, landab ein brutales Ende.

Eine neue Epoche begann mit der Reichseinigung. Die katholisch geprägte „Osnabrücker Volkszeitung“ (ab 1868) des Verlegers Antonius Fromm, Kislings staatstragende „Osnabrücker Zeitung“ (ab 1871) und Meinders & Elstermanns unabhängiges „Osnabrücker Tageblatt“ (ab 1884) stritten miteinander um die Auflagenhöhe.

Aber eins hatten sie gemeinsam: Sie waren „Bleiwüsten“ ohne Abbildungen oder grafische Auflockerungen. „Und dennoch wurden sie verschlungen, denn es gab ja keine alternativen Medien, weder Rundfunk noch Fernsehen“, so Schulze. Im Ersten Weltkrieg herrschte strikte Pressezensur, der sich auch die sozialdemokratische „Osnabrücker Abendpost“ fügen musste.

Die außerordentlich bewegte Presselandschaft der Weimarer Republik, die Gleichschaltungen im Dritten Reich, die Neuanfänge in der Bonner Demokratie und den Weg zur „Neuen Osnabrücker Zeitung“ ab 1967 zeichnet Schulze in seinem Buch ebenso exakt nach, wie er auch auf die links-alternativen Konkurrenzversuche der 1970er-Jahre mit autobiografischen Einsprengseln eingeht.

Sein Fazit nach dem „Überflug“: „In weniger als der Hälfte der 250 Jahre Osnabrücker Zeitungsgeschichte herrschte so etwas wie Pressefreiheit. Wenn wir uns in der Welt umgucken, erkennen wir, dass sie auch heute keineswegs selbstverständlich ist. Meine Arbeit ist mein Beitrag, die Meinungs- und Pressefreiheit, wie wir sie hier und jetzt genießen, zu würdigen.“


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