25.11.2016, 11:06 Uhr

Interview mit Ermittler 15-jährige Mädchen in der Region zum Einbrechen geschickt


Osnabrück. Jörg Bockstiegel jagt Einbrecher. Der Kriminalhauptkommissar leitet die neue Zentrale Ermittlungsgruppe Einbruch der Polizeidirektion Osnabrück, die auch für das Emsland zuständig ist. Er berichtet, wer die Profi-Einbrecher sind, wie sie vorgehen und warum die Täter oft nicht verurteilt werden.

Herr Bockstiegel, seit dem 13. Oktober ist die Ermittlungsgruppe im Einsatz. Wie viele Einbrecher haben Sie schon geschnappt?

Das Problem ist, dass wir eine verdeckt operierende Einheit sind, deshalb kann ich die Frage aus ermittlungstaktischen Gründen leider nicht konkret beantworten. Aber wir arbeiten, und es hat auch schon Festnahmen gegeben.

Woher kommen die Einbrecherbanden?

Wir reden da häufig über osteuropäischen Banden. Die kommen vom Balkan, aus Georgien, Litauen, Serbien, Albanien. Es sind Rumänen dabei und Bulgaren. Die Reisefreiheit macht es vielen Leuten möglich, nach Deutschland zu kommen. Es ist problemlos mit dem Auto zu erreichen. Und das soziale Gefälle zwischen Deutschland und diesen Ländern ist groß. (Weiterlesen: Mehr Einbrüche in Region Weser-Ems)

Wie alt sind die Täter im Schnitt?

Das ist je nach Herkunft unterschiedlich. Es gibt 15- bis 25-jährige Mädchen, die zum Einbrechen losgeschickt werden. Die stammen aus Kroatien oder Serbien. Dahinter steckt oft eine Familienstruktur. Junge Mädchen fallen aus deren Sicht am wenigsten auf und die schickt man dann los. Aus Georgien kommen organisierte Banden. Als „Diebe im Gesetz“ bezeichnen sie sich selbst. Das ist ein Zusammenschluss von Kriminellen, die nach ihren eigenen Regeln arbeiten, die sind sehr hierarisch strukturiert. Das lässt sich mit mafiösen Strukturen vergleichen. Das sind fast ausschließlich männliche Täter im Alter von 18- bis 35 Jahren. Den gelernten deutschen Einbrecher gibt es immer weniger.

Wer verdient am Ende das Geld?

Bei den organisierten Banden müssen diejenigen, die einbrechen, viel von dem was sie als Beute machen, abgeben. In der Regel ist es der Kopf der Banden oder der Familienstruktur, der gut verdient.

Was wird gestohlen?

Je professioneller die Bande ist, desto eher hält sie sich an Bargeld und Schmuck, das ist am leichtesten zu verwerten. Goldschmuck ist besonders beliebt, den kann man einschmelzen und verkaufen. Wenn noch andere Sachen wie Haushaltsgegenstände entwendet werden, ist das oftmals ein Zeichen dafür, dass wir die unterste Einbrecherebene vor uns haben. Ich habe die jungen Mädchen angesprochen, da gibt es durchaus Hinweise, dass sie häufig hoch professionell Bargeld und Schmuck entwenden, aber auch immer mal wieder Damenschuhe, die sie für sich selbst mitnehmen.

Nach welchen Kriterien suchen sich die Banden ihre Objekte aus?

Ganz genau wissen wir das noch nicht. In der Regel verraten die Täter, die wir erwischt haben, leider nicht so viel. Es gibt aber Banden, die bis zu 600 Kilometer am Tag fahren, die bringen in sechs Wochen mehrere 1000 Kilometer hinter sich. Die gucken über Googlemaps, welche Wohngebiete nah an der Autobahn liegen. Die baldowern vorher nicht jede einzelne Wohnung aus. Die fertigen das in der Masse ab. Denen ist auch egal, ob sie am Tag einbrechen und eventuell dem Wohnungseigentümer begegnen, dann hauen sie eben schnell ab. Bis wir die Spuren ausgewertet haben, sind sie längst wieder in ihren Heimatländern. Es gibt zwar eine internationale Zusammenarbeit mit vielen Ländern über Europol, aber da müssen wir zum Teil noch weiter Pionierarbeit leisten.

Was verspricht sich die Polizei von der neuen Ermittlungsgruppe?

Wir haben einen ganz konkreten Auftrag bekommen. Wir ermitteln gegen überregionale Tätergruppen, die im Bereich der Polizeidirektion Osnabrück Einbruchstaten verüben. Unsere Täter halten sich weder an Landesgrenzen noch an nationale Grenzen. Bis jetzt hat sich die Polizei nur um die Einbrüche gekümmert, die in ihrem Zuständigkeitsbereich verübt wurden. Wir gucken weiter. Ein Beispiel: Wir haben einen Einbruch im Bereich Emsland und stellen fest, die Gruppierung, die wir identifizieren konnten, hat noch Taten in Hessen und in Schleswig-Holstein verübt. Dann ziehen wir diese Verfahren für die Ermittlungen zusammen und verfolgen in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft die Täter und kümmern uns weniger darum, wo der Tatort liegt.

Da stellt sich die Frage, ob die Polizei vorher zu bürokratisch ermittelt hat.

Die Polizei arbeitet in der Regel mit regionalen Zuständigkeiten. Dieses relativ starre System ist aber für die Bekämpfung überregionaler Tätergruppen nicht gut geeignet. Da sind wir ganz oft an die Grenzen gestoßen.

Selbst wenn ein Fall aus Sicht der Polizei aufgeklärt und der Täter ermittelt ist, reicht das oft nicht für eine Verurteilung.

Vor Gericht ist es eben so, dass die Täter verurteilt werden, wenn wir sie mit den Fingern im Honigtopf erwischen. Wenn an einem Haus außen eine Kamera angebracht ist, die die Täter aufnimmt, wie sie sich dem Haus nähern, aber keine im Innenraum, die sie zeigt, wie sie zugreifen, kommen die Täter oft davon. Aber wir versprechen uns von unserer Arbeit auch eine abschreckende Wirkung, selbst wenn die Täter nicht verurteilt werden. Sie wissen, dass sie im Gebiet der Polizeidirektion erwischt werden und orientieren sich vielleicht woanders hin.

Aber grundsätzlich ist es so, dass die Bürger sich noch lange Zeit drauf einstellen müssen, dass Einbruch ein Problem bleibt?

Wenn ich mir die Fallzahlen in der Langzeitbetrachtung angucke, gab es schon Phasen, wo wir deutlich höhere Zahlen hatten als jetzt im Moment, zum Beispiel 1993 und 1994.

Woran lässt sich perspektivisch der Erfolg der Ermittlungsgruppe messen?

Im besten Fall nehmen die Fallzahlen im Bereich der Polizeidirektion Osnabrück ab und die Aufklärungsquote zu. Wenn wir erfolgreich sind, ist das aber natürlich ein Gemeinschaftserfolg. Wir haben in den einzelnen Polizeiinspektionen jede Menge Ermittler, die sich um Einbrüche kümmern und mit denen wir zusammenarbeiten.


Einbruchszahlen gestiegen

Der Westen Niedersachsens verzeichnet einen starken Anstieg der Einbruchskriminalität: Die für das Emsland, die Grafschaft Bentheim, den Raum Osnabrück und das westliche Ostfriesland zuständige Polizeidirektion Osnabrück verzeichnete in den ersten neun Monaten dieses Jahres 2057 Einbrüche. Das sind 13,65 Prozent mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum. Landesweit betrug die Zunahme lediglich 1,16 Prozent.

0 Kommentare