21.10.2016, 17:07 Uhr

Kein Einsatz ist gleich So ist eine Zwölf-Stunden-Schicht im Osnabrücker Rettungsdienst


Osnabrück. Ihre Patienten sind mal aggressiv, rufen wegen eines Mückenstichs an oder brauchen einfach nur Aufmerksamkeit. Doch Waldemar Brozmann und Sebastian Terhorst erfahren im Rettungsdienst in Osnabrück auch die andere Seite: Sie helfen Kranken und retten Leben.

Eine alte Frau liegt auf dem Bürgersteig, das Gesicht ist blutverschmiert und am Boden hat sich eine Lache gebildet. Noch bevor sich die Sanitäter abschnallen und aus dem Rettungswagen steigen, haben sie sich einen ersten Eindruck von der Situation verschafft: „Die Frau hat sich aufgerichtet, die Vitalfunktionen sind intakt“, stellt Rettungsassistent Sebastian Terhorst auf den ersten Blick fest: Die Patientin ist wach, sie atmet und ihr Kreislauf ist stabil.

Bei jedem Einsatz orientieren sich die Sanitäter an bestimmten Mustern, sagt Terhorst. Nach der Kontrolle von Atemwegen und Kreislauf folgt die Überprüfung der geistigen Funktionen und der Umgebung, um die Ursache für den Zustand der Patienten zu finden. Dies könne bei der Frau auf dem Bürgersteig der Sturz selbst sein, oder eine Krankheit, die dazu führte. Die Frau kann den Sanitätern erklären, wie es zu dem Sturz kam, dass sie auf dem Weg zur Bank war und wann sie geboren ist – sie ist nicht orientierungslos.

Symptome und Risikofaktoren

Der Rettungswagen lenkt die Blicke der Autofahrer auf sich, auf der Straße wird gehupt, weil der Verkehr ins Stocken kommt. Während Terhorst und sein Kollege Waldemar Brozmann die Seniorin auf einer Trage in den Rettungswagen bringen und die Wunde reinigen, erfragen sie nach einem festen Schema wichtige Patientendaten und speichern sie später in einem kleinen Tablet-Computer ab. Dabei geht es um die Einnahme von Medikamenten und die letzte Mahlzeit, um bekannte Allergien und mögliche Risikofaktoren.

Auf der Fahrt ins Klinikum nimmt Brozmann der Frau den Schmuck ab, denn sie hat Verletzungen am Handgelenk und der Hand. Wenn ihre Finger anschwellen, kann es gefährlich werden: Der Ring könnte den Blutfluss abschnüren. Im Krankenhaus übergeben die Sanitäter die Seniorin mit der ersten Diagnose an einen Arzt. Abgeschlossen ist der Einsatz für sie aber noch nicht. Sie reinigen und desinfizieren die Trage und das Fahrzeug, bevor sie an die Leitstelle das Signal geben, dass sie wieder fahrbereit sind.

Keine Zeit zum Frühstücken

Es ist bereits der vierte Einsatz für die beiden Sanitäter an diesem Tag, an dem sie noch keine vier Stunden im Dienst sind. Meistens piepte ihr Melder schon, bevor sie den Rettungswagen auf dem Gelände der Feuerwehr an der Nobbenburger Straße geparkt hatten. Vorgesehen ist, dass der Tag mit der Kontrolle des Wagens beginnt: Sind die Medikamente noch haltbar und notwendige Utensilien an Bord, funktionieren alle Geräte? „Die Schere liegt im Notfallkoffer immer oben, um die Kleidung aufzuschneiden“, erklärt Terhorst.

Kurz nachdem die beiden mit der Kontrolle begonnen hatten, wurden sie aber schon zum ersten Einsatz gerufen. Eine Brandmeldeanlage in einem großen Unternehmen hatte Alarm geschlagen, doch die Feuerwehr konnte schnell Entwarnung geben. Kurz darauf wurden die Sanitäter zu einer gestürzten Frau gerufen, die sich das Bein gebrochen hatte. Im Anschluss folgte der Transport einer jungen Frau mit starken Magenschmerzen. Zum Frühstücken war an diesem Morgen noch keine Zeit.

(Einsätze in der Region: Hier finden Sie den Blaulicht-Ticker für Osnabrück und Umgebung)

Damit die beiden eine Pause zum Mittagessen haben, melden sie sich in der Leitstelle, in der die Einsätze in Stadt und Landkreis koordiniert werden. Sie bitten darum, dass die anderen Sanitäter bevorzugt eingesetzt werden. Brozmann und Terhorst arbeiten an diesem Tag als einziges Team in der Zwölf-Stunden-Schicht des Rettungsdienstes. Auf zwei weiteren Rettungswagen sind je zwei Sanitäter 24 Stunden im Einsatz und werden alarmiert, wenn Terhorst und Brozmann unterwegs sind.

Polizei wartet am Einsatzort

Im Esszimmer sitzen bereits Kollegen von der Berufsfeuerwehr. Es wird viel gelacht, ansonsten herrscht auf dem Flur aber Ruhe, denn in den Nebenzimmern können diejenigen schlafen, die gerade nicht im Einsatz, bei einer Schulung oder im Trainingsraum sind. Auch Brozmann und Terhorst ziehen sich nach dem Essen in einen Aufenthaltsraum zurück, doch kurz darauf piept ihr Melder erneut.

Am Einsatzort wartet schon die Polizei, mit einem Mann, dem die Hände auf den Rücken gebunden sind. Er hat gegen einen richterlichen Erlass die Wohnung seiner Ex-Frau aufgesucht. Die Beamten messen 3,06 Promille. Ein Beschluss der Stadt sieht vor, dass nicht die Beamten, sondern ein Rettungsdienst ihn ins Krankenhaus bringt. Deshalb wird der Betrunkene, der noch laufen und reden kann, aus dem Polizeiauto in den Rettungswagen gebracht und in ein Krankenhaus gefahren.

Adresse ist schon bekannt

Der nächste Einsatz folgt direkt darauf: Die Rettungskräfte werden alarmiert, weil eine Patientin über starken Schwindel klagt. Als das Navi den Zielort anzeigt, erinnert sich Terhorst, schon früher dort gewesen zu sein. „Da wohnt eine demente Frau“, sagt er und dies bestätigt sich bei der Ankunft. Eine Seniorin öffnet im Nachthemd die Tür. Bei der Überprüfung der Blutdruck- und Zuckerwerte und nach weiteren Untersuchungen stellen die Sanitäter keine Unregelmäßigkeiten fest. Terhorst erinnert die Frau daran, regelmäßig zu trinken, während Brozmann den Sohn der Seniorin benachrichtigt. Dieser steht zwei Minuten später im Haus. Er sei nur kurz bei den Nachbarn gewesen und habe vergessen, das Telefon auszustellen, sagt er.

Es kommt oft vor, dass die Sanitäter zu Einsätzen gerufen werden, die aus ihrer Sicht unnötig sind, berichtet Brozmann: „Früher sind wir zu sechs Einsätzen am Tag gefahren, die sind geblieben. Hinzugekommen sind sechs weitere, weil sich jemand einen Finger geklemmt hat oder weil ein Mückenstich angeschwollen ist.“ Einen Vorwurf könne er den meisten Anrufern nicht machen, aus ihrer Sicht liege oft tatsächlich eine Notlage vor. Doch für die Rettungskräfte seien solche Einsätze frustrierend. „In dieser Zeit könnte auch jemand wirklich unsere Hilfe brauchen“, sagt Brozmann. Der Ratschlag, lieber einmal zu viel den Rettungsdienst zu rufen, werde missbraucht. Das gehe soweit, dass Menschen die Rettungskräfte statt eines Taxis rufen, sagt Terhorst.

Autos blockieren den Weg

Auf dem Weg zum nächsten Patienten schalten die Sanitäter das Blaulicht ein – nicht alle Autofahrer wissen, wie sie reagieren sollen. Mit Warnblinklicht bleibt ein Auto einfach mitten auf der Fahrbahn stehen. Andere versuchen, die Straße frei zu machen und lenken ihren Pkw an den Rand. Da dort nicht viel Platz ist, stehen sie quer auf der Fahrbahn, sodass sich die Rücklichter beinahe berühren. Das ist für die Sanitäter ein täglicher Anblick. Mit dem fünf Tonnen schweren Rettungswagen haben sie dann oft keine andere Möglichkeit, als zu warten, bis die Autofahrer ihre Fehler bemerken und die Straße räumen.

Nicht immer geht es für die Rettungskräfte um Sekunden: „Blaulicht bedeutet nicht gleich, dass ein Menschenleben in Gefahr ist“, erklärt Brozmann. In diesem Fall wartet ein Patient mit starken Kopfschmerzen auf die Sanitäter. Kurz nach dem Eintreffen kann Brozmann als Ursache für die Schmerzen ein neues Medikament des Mannes finden. Da er die Fahrt ins Krankenhaus verweigert, weist Brozmann ihn auf den ärztlichen Bereitschaftsdienst hin.

Fernbedienung für Ampeln

Ihr Pieper bleibt zunächst stumm, als Brozmann und Terhorst wieder in der Nobbenburger Straße ankommen. Sie haben Zeit, um mit ihren Kollegen ein paar Körbe auf dem Platz hinter der Fahrzeughalle zu werfen. Doch die letzte Runde müssen sie unterbrechen, denn eine neue Adresse wird auf dem Melder angezeigt. Im Rettungswagen haben sie eine Fernbedienung für die Ampeln auf beiden Seiten der Ausfahrt, sodass sie dort nicht lange warten müssen. Da eine Patientin mit offenem Bruch gemeldet wurde, ist zusätzlich ein Notarzt alarmiert worden.

Kein Einsatzort ist wie der andere, erklärt Terhorst. Theorie und Praxis würden für die Helfer oft weit auseinander liegen. Trotz aller möglichen Störfaktoren müsse die Arbeit möglichst reibungslos funktionieren. Angst dürfen die Sanitäter dabei nicht haben, auch wenn sie – häufig von betrunkenen Patienten – beschimpft werden und „schon mal eine Faust abbekommen“. „Dann hättest du eine Blockade und könntest die Arbeit nicht machen“, sagt er.

Für ihn und Brozmann überwiegen die positiven Seiten ihrer Arbeit, die Fälle, in denen sie wirklich helfen können. Einmal, erzählt Brozmann, sei er bei einem Krankentransport einem Mann begegnet, den er wenige Wochen zuvor wiederbelebt hatte. „Er war gesund und nichts hat daran erinnert“, sagt Brozmann.

Für die Sanitäter endet der der Dienst schließlich mit dem Auffüllen der Infusionssysteme und Laken, um den Rettungswagen einsatzbereit zu hinterlassen.


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