18.10.2016, 16:54 Uhr

Ambivalenter Begriff Filmfest Osnabrück 2016: Heimat heißt nicht heile Welt

In Francisco Varones „Der Weg nach La Paz“ tritt ein Gelegenheitschauffeur mit seinem improvisierten Taxi die Fahrt von Buenes Aires nach La Paz an und erlebt die kulturelle Vielfalt Südamerikas. Foto: Hanfgarn & UferIn Francisco Varones „Der Weg nach La Paz“ tritt ein Gelegenheitschauffeur mit seinem improvisierten Taxi die Fahrt von Buenes Aires nach La Paz an und erlebt die kulturelle Vielfalt Südamerikas. Foto: Hanfgarn & Ufer

Osnabrück. Ein offizielles Motto hat das Osnabrücker Filmfest nicht. Aber mit dem Begriff der Heimat haben die Festivalmacher trotzdem einen Leitgedanken in ihr heute startendes Programm eingezogen. Was für „Heimatfilme“ sind zu sehen?

Wer auch nur einen der bislang 30. Festival-Jahrgänge besucht hat, weiß: Mit dem Label Heimat sind in Osnabrück nicht die roten Bollen am Hut des „Schwarzwaldmädels“ gemeint. Zwar trägt schon im Eröffnungsfilm „Die letzte Sau“ ein Bauer Tracht; Kittel und Käppi sind hier aber nur eine andere Form des Protestkleids. Und auch sonst zeigt das Festival: Heimat heißt nicht heile Welt.

Die Heimat ist anderswo: Der Bauer und seine letzte Sau verlassen ihren Hof in einem BMW-Gespann, das genauso aus der Zeit gefallen ist wie sie selbst. Und nicht nur sie finden die Heimat auf der Straße. Die Standortbestimmung, die das Nachdenken über Heimat bedeutet, betreiben die Helden vieler Filme, indem sie erstmal auf Distanz zum Vertrauten gehen.

In Anca Miruna Lazarescus „Die Reise mit dem Vater“ beispielsweise bringen zwei Brüder ihren Vater zur Zeit des Prager Frühlings aus Rumänien in eine deutsche Klinik; die Fahrt wird für den Regimegegner zur Frage nach dem politischen Zuhause. (Florian Vollmers geht: Wieso hat das Filmfest eine neue Leitung?)

In Francisco Varones „Der Weg nach La Paz“ tritt ein Gelegenheitschauffeur mit seinem improvisierten Taxi die Fahrt von Buenes Aires nach La Paz an und erlebt die kulturelle Vielfalt Südamerikas – auf der fast 3000 Kilometer langen Route genauso wie im beengten Miteinander mit seinem Fahrgast, einem strenggläubigen Moslem.

Auch Mohamed Diabs „Clash“ greift die Idee vom Auto als sozialem Panoptikum auf – und treibt sie auf die Spitze. Der Film schildert Ägypten nach dem Militärputsch gegen Mursi, macht seine Figuren zu exemplarischen Vertretern einer auseinander strebenen Gesellschaft und pfercht sie zugleich auf engstem Raum zusammen: in einem Einsatzwagen, mit dem die Polizei die aufgebrachten Teilnehmer einer Straßenschlacht abführt.

Heimat als Sehnsuchtsort: Ein Filmtitel, der den ambivalenten Heimat-Begriff des Festivals besonders gut einfängt, ist „Haus ohne Dach“. Der Spielfilm handelt von drei einstigen Flüchtlingskindern, die ihrer verstorbenen Mutter den letzten Wunsch erfüllen: eine Beerdigung in dem irakischen Dorf, das sie für ein Leben im Deutschland verlassen hatte. Die Heimat als Sehnsuchtsort, an dem ein Leben nicht möglich war – und der trotzdem bis in den Tod der Kern einer Biografie bleibt. Die Regisseurin Soleen Yusef weiß, wovon sie erzählt: Sie selbst ist als Neunjährige nach Deutschland geflohen und hat ihren Debütfilm jetzt in der Region realisiert, in der sie geboren wurde.

Heimat als Gefängnis: Mehrdad Oskoueis Dokumentation „Starless Dreams“ schildert das Leben in einer iranischen Besserungsanstalt für Jugendliche und entfaltet dabei Schicksale, die von Misshandlung und Zwangsheiraten geprägt sind. Obwohl die jungen Frauen wegen Drogen- und Gewaltdelikten, sogar wegen Mordes einsitzen, herrscht innerhalb der Anstaltsmauern Zusammenhalt. Mit dem Blick auf eine Außenwelt, in der die Unterdrückung von Frauen Alltag ist, stellt der Film die Frage: Bringt der Tag der Entlassung mehr als den Wechsel von einem Gefängnis ins andere?

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