18.10.2016, 06:12 Uhr

„Das ist irreführende Werbung“ Auch Hotels in und um Osnabrück schummeln bei Sternen

Auch in Stadt und Landkreis Osnabrück werben Hotels mit Sternen, die sie gar nicht offiziell haben. Symbolfoto: Michael GründelAuch in Stadt und Landkreis Osnabrück werben Hotels mit Sternen, die sie gar nicht offiziell haben. Symbolfoto: Michael Gründel

Osnabrück. Viele Hotels in Deutschland schummeln nach Angabe des Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) bei der Angabe ihrer Sterne. Auch in Stadt und Landkreis Osnabrück gibt es Häuser, die mit Sternen werben, die sie nicht mehr haben.

Wenig Zeit? Eine Zusammenfassung gibt es am Ende des Artikels.

Nach Recherchen unserer Redaktion trifft das auf mehrere Hotels zu. Die Redaktion hat nachgefragt: Der Idingshof in Bramsche gibt auf seiner Internetseite vier Sterne an. 2010 hatte das Hotel den vierten Stern zwar offiziell erhalten; doch nachzertifizieren ließ sich das Haus von der Dehoga-Tochter Deutsche Hotelklassifizierung bislang nicht. Das ergaben Recherchen unserer Redaktion bei der Überprüfung von rund hundert Hotel-Internetseiten im Landkreis. Alle drei Jahre müssen sich Hoteliers ihre Sterne bestätigen lassen. Geschäftsführer Hubert Hoffmann zufolge repräsentieren die vier Sterne im Logo auf seiner Internetseite die „vier Standbeine“ seines Hauses (Hotel, Restaurant, Tagungen, Sport). 2010 habe er die Vier-Sterne-Klassifizierung erhalten, die inzwischen abgelaufen sei, räumt er schriftlich auf Anfrage unserer Redaktion ein. „Wir schreiben aber auch nirgendwo, dass wir Dehoga-klassifiziert sind“, heißt es in Hoffmanns Antwort. Sein Hotel bemühe sich derzeit um die Nachprüfung durch den Verband.

Auch das See- und Sporthotel Ankum wirbt mit Sternen, die es der Hotelklassifizierung zufolge ebenfalls nicht hat. Drei Sterne zieren das Logo. Das Hotel hatte erst Anfang Oktober nach umfangreichen Umbauarbeiten wiedereröffnet. Ein angekündigter Rückruf des Hoteldirektors Klaus Schuchardt blieb bis zum Montagabend aus.

Dehoga bestätigt fehlende Klassifizierung

Renate Mitulla, Geschäftsführerin des Dehoga Niedersachsen, bestätigt im Gespräch mit unserer Redaktion: „Die beiden Hotels sind nicht durch die Deutsche Hotelklassifizierung klassifiziert.“ Beide Häuser seien bereits aufgefordert, die Sternewerbung einzustellen. „Die werben zu Unrecht mit ihnen.“ Kommen die Hotels der Aufforderung nicht nach, würden sie letztlich der Wettbewerbszentrale gemeldet. Diese erhält eigener Angabe zufolge fast täglich entsprechende Beschwerden.

Fehlt eine Klassifizierung oder lässt ein Hotel seine Sterne nicht bestätigten, darf es nicht öffentlich mit ihnen werben. Nicht am Haus, nicht in Prospekten, nicht in Zeitungsanzeigen – nirgendwo, sagt Hans Klute, Hotelier aus Osnabrück und Vorsitzender des Dehoga-Bezirksverbands Osnabrück.

Zwei Hotels in Bad Rothenfelde

Bei der Recherche fallen weitere Hotels auf, die offenbar zu Unrecht mit Sternen werben. Das Parkhotel Gätje in Bad Rothenfelde wirbt auf seiner Internetseite in seinem Logo mit drei Sternen. Auch dieses Hotel hat der Deutschen Hotelklassifizierung zufolge keinen Stern. Inhaberin Rosemarie Gätje wollte sich auf Anfrage unserer Redaktion nicht dazu äußern.

Ebenfalls mit drei Sternen auf seiner Internetseite wirbt das Hotel Zum Jägerkrug in Bad Rothenfelde. Auch dieses ist nicht mehr offiziell klassifiziert. Auf Nachfrage heißt es: Die Internetseite werde derzeit überarbeitet, auf der neuen werde die Sterneangabe nicht mehr zu finden sein.

Ein Hotel in Osnabrück

Das Osnabrücker Hotel Gretescher Hof warb bis zum Montag online mit zwei Sternen, die es der Hotelklassifizierung zufolge nicht hat. Inhaber Oliver Schürmann bestätigt auf Nachfrage sogar, das entsprechende Bronzeschild am Haus hängen zu haben. Er sei davon ausgegangen, seine Klassifizierung sei noch nicht ausgelaufen. Schürmann ließ die Angabe im Internet nach Anfrage unserer Redaktion entfernen. Das Schild solle der Dehoga abmontieren, es sei schließlich dessen Eigentum.

„Irreführende Werbung“

Mitulla zufolge ist der Dehoga in Niedersachsen bei der Klassifizierung gut aufgestellt. Falsche Sterneangaben gebe es selten. Werbe ein Hotel mit einer solchen, schreibe der Verband es an. „Das ist irreführende Werbung, und die ist untersagt“, sagt Mitulla.

Der Tourismusverband Osnabrücker Land (TOL) wollte auf Nachfrage keine Hotels nennen, mit denen es Probleme gibt. „Es gibt Betriebe, die sich in der Nachklassifizierung befinden, aber ansonsten geben wir keine Auskunft“, sagt TOL-Mitarbeiterin Katja Sierp auf Nachfrage unserer Redaktion.

Frage der Formulierung

Anders sieht es bei Formulierungen aus, die sich nicht auf das gesamte Hotel beziehen. So schreibt der Dehoga-Berziksverbandsvorsitzende Klute auf seiner Internetseite, seine Zimmer hätten einen „3-Sterne-Standard“. Das Hotel an der Lotter Straße in Osnabrück hat zwei Sterne. Am Haus selbst sind keine angebracht.

Inhaber Hans Klute sieht in der Formulierung kein Problem. „Das ist eine ganz andere Aussage“, sagt der Hotelier zum „3-Sterne-Standard“. Entscheidend sei das geschützte Sternesymbol. Ohnehin hätten heute fast alle Hotels einen Drei-Sterne-Standard bei ihren Zimmern, und jeder Hotelier könne ihnen so viele Sterne geben, wie er wolle.

Verband prüft Angabe

Dem Dehoga Niedersachsen zufolge könne es in solch einem Fall tatsächlich auf die Formulierung ankommen. Überprüfen wolle der Verband sie dennoch, sagt Mitulla.

Auf die Formulierung verweist auch Dieter Westerkamp, Geschäftsführer des Dehoga-Bezirksverbands Osnabrück. „Das ist keine Irreführung im rechtlichen Sinne, aus Dehoga-Sicht haben wir damit kein Problem“, sagt er auf Anfrage unserer Redaktion. Sein Kollege Klute beschränke die drei Sterne schließlich auf die Zimmer, nicht auf das gesamte Haus. „Ob das nun für den einen oder anderen Gast missverständlich ist, das weiß ich nicht.“ Mithilfe des Kriterienkatalogs könne schließlich jeder Gast herausfinden, wie viele Sterne ein Hotel oder das Zimmer tatsächlich habe. Der gesamte Kriterienkatalog umfasst 270 Kriterien auf 23 Seiten.

In der Stadt Osnabrück sind elf Hotels von der Deutschen Hotelklassifizierung klassifiziert. Einige geben auf ihren Internetseiten gar nicht an, wie viele Sterne sie haben. Die es tun, geben die korrekte Anzahl an.

Acht Prozent falsch

Der Dehoga hatte bei einer Überprüfung von 3000 Hotels festgestellt, dass bei acht Prozent die angegebenen Sterne abgelaufen oder selbst vergeben waren. Damit bestätigte der Verband Recherchen des ZDF im Juli. Von 251 damals enttarnten Hotels hätten auch Wochen später noch 189 unberechtigt mit Hotelsternen geworben.

Zusammenfassung:

  • In Deutschland werben viele Hotels mit Sternen, die sie gar nicht haben. Auch in Stadt und Landkreis Osnabrück ist das bei fünf Häusern der Fall: der Idingshof in Bramsche, das See- und Sporthotel in Ankum, das Parkhotel Gätje sowie das Waldhotel Zum Jägerkrug in Bad Rothenfelde und das Hotel Gretescher Hof in Osnabrück.
  • Um Sterne zu erhalten, müssen sich Hotels von der Dehoga-Tochter Deutsche Hotelklassifizierung klassifizieren lassen. Das Prädikat ist aber nur drei Jahre gültig, danach muss eine Bestätigung erfolgen, sonst verfallen die Sterne.
  • Wirbt ein Hotel zu Unrecht mit Sternen, ist das eine irreführende Werbung. Der Dehoga schreibt diese Hotels an, sofern sie ihm bekannt sind. Reagieren die Häuser nicht, meldet der Verband sie der Wettbewerbszentrale.
  • Sterne der Hotelklassifizierung sind nicht zu verwechseln mit Angaben von Buchungsportalen wie HRS. Die HRS-Sterne stützen HRS zufolge primär auf Gästebewertungen und eigene Einstufungen der Hotels. Ebenso gilt es, Hotelsterne und Bewertungssterne auf vielen anderen Buchungsportalen durch Gäste zu unterscheiden, die sich nicht nach objektiven Kriterien richten.

Der Weg zu den Sternen

Die Sterne des Dehoga gelten für drei Jahre. Um Sterne zu bekommen, müssen Hotels beim Dehoga Unterlagen beantragen. Diese würden zuerst intern ausgewertet und anschließend an eine Bewertungskommission übergeben, erklärt Mitulla das Prozedere. Diese begutachte das Hotel und vergibt gegebenenfalls die gewünschten Sterne. Nach drei Jahren geht der Prozess von vorn los. Der Dehoga schreibe zudem Hotels an, dessen Klassifizierung bald ausläuft, sagt Mitulla.

Stern ist nicht gleich Stern

Nicht alle Hotels geben auf ihren Internetseiten Auskunft über ihre Anzahl der Sterne. Buchungsportale wie booking.com weisen diese aber aus. „Die Angaben, die dort stehen, sind korrekt“, sagt Mitulla.

Wichtig sei die Unterscheidung zwischen den tatsächlichen Sternen und der Bewertungen der Gäste, die die Portale ebenfalls oftmals in Sternen darstellen. „Das sind Bewertungssysteme ohne objektive Kriterien“, sagt Mitulla.

Auch das Buchungsportal HRS wirbt mit Sternen – allerdings mit HRS-Sternen. Auch diese Angaben spiegeln nicht unbedingt die Bewertung der Deutschen Hotelklassifizierung wider.

Wofür gibt es der Deutschen Hotelklassifizierung zufolge Sterne (Auszug)?

Zwei Sterne:

  • Frühstücksbuffet
  • Leselicht am Bett
  • Internetzugang auf dem Zimmer oder im öffentlichen Bereich
  • Kartenzahlung möglich
  • Schaumbad oder Duschgel
  • Wäschefächer
  • Angebot von Hygieneartikeln (Zahnbürste, Zahncreme, Einmalrasierer etc.)

Drei Sterne:

  • 14 Stunden besetzte separate Rezeption, 24 Stunden erreichbar, zweisprachige Mitarbeiter (deutsch/englisch)
  • Sitzgruppe am Empfang, Gepäckservice
  • Getränkeangebot auf dem Zimmer
  • Telefon auf dem Zimmer
  • Haartrockner, Papiergesichtstücher
  • Ankleidespiegel, Kofferablage
  • Nähzeug und Schuhputzutensilien auf Wunsch, Waschen und
  • Bügeln der Gästewäsche
  • Zusatzkissen und -decke auf Wunsch
  • Systematischer Umgang mit Gästebeschwerden

Vier Sterne

  • 16 Stunden besetzte separate Rezeption, 24 Stunden erreichbar
  • Lobby mit Sitzgelegenheiten und Getränkeservice, Hotelbar
  • Frühstücksbuffet oder Frühstückskarte mit Roomservice
  • Minibar, 16 Stunden Getränke im Roomservice oder Maxibar auf jeder Etage
  • Sessel/Couch mit Beistelltisch
  • Bademantel, Hausschuhe auf Wunsch
  • Kosmetikartikel (z. B. Duschhaube, Nagelfeile, Wattestäbchen), Kosmetikspiegel, großzügige Ablagefläche im Bad, Heizmöglichkeit im Bad

Fünf Sterne:

  • 24 Stunden besetzte Rezeption, mehrsprachige Mitarbeiter
  • Wagenmeisterservice
  • Concierge, Hotelpagen
  • Empfangshalle mit Sitzgelegenheiten und Getränkeservice
  • Personalisierte Begrüßung mit frischen Blumen oder Präsent auf dem Zimmer
  • Minibar und 24 Stunden Speisen und Getränke im Roomservice
  • Körperpflegeartikel in Einzelflakons
  • Internet-Endgerät auf dem Zimmer auf Wunsch
  • Safe im Zimmer
  • Bügelservice (innerhalb einer Stunde), Schuhputzservice
  • Abendlicher Turndownservice
  • Mystery-Guesting

Sämtliche Kriterien sind auf www.hotelsterne.de/kriterien.html gelistet. Im Juli 2016 waren 8522 Hotels in Deutschland klassifiziert, 821 davon in Niedersachsen.

Quelle: hotelsterne.de

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