07.10.2016, 06:28 Uhr

Integration bei Amazone So schaffen es Flüchtlinge in Hasbergen in den Arbeitsmarkt


Hasbergen. Für Seyar Rafi aus Afghanistan und Mohammad Asaad aus Syrien ist Wirklichkeit geworden, wovon Hunderttausende Flüchtlinge in Deutschland noch träumen: Sie haben es in den Arbeitsmarkt geschafft. Das Beispiel des Hasberger Landmaschinenherstellers Amazone zeigt, wie Integration gelingt.

Laut Arbeitsagentur Osnabrück scheitert ein Job bei rund 90 Prozent der Flüchtlinge an den Deutschkenntnissen . Bei dem 20-jährigen Rafi und dem 17-jährigen Asaad ist das nicht der Fall. Das liegt einerseits daran, dass sie besser Deutsch sprechen als die meisten Schutzsuchenden. Das liegt aber auch an ihrem Arbeitgeber. Er gibt ihnen eine Chance, obwohl sie noch nicht perfekt Deutsch sprechen. Das Geheimnis dabei sind Einfühlungsvermögen und besondere Rahmenbedingungen.

Nur 29 Ausbildungsverträge mit Geflüchteten

Über eine genaue Statistik, wie viele Flüchtlinge bei den Unternehmen in der Region bereits einen Job haben, verfügt die Arbeitsagentur nicht. Ein Indiz, wie wenige es bislang in den Arbeitsmarkt geschafft haben, ist die Statistik im Kammerbezirk der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim. Obwohl Tausende Handwerksunternehmen im Kammerbezirk ausbilden, wurden der Handwerkskammer zum Ausbildungsbeginn im August insgesamt nur 29 Ausbildungsverträge mit Geflüchteten gemeldet. Umso spannender ist die Frage, warum es diejenigen geschafft haben, die gerade mit der Ausbildung beginnen.

„Geflüchtete sind eine große Chance“

Amazone-Personalchef René Hüggelmeier sagt: „Wir sehen in den Geflüchteten eine große Chance, unseren Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften zu decken.“ Dafür ist der international agierende Landmaschinenhersteller bereit, in Vorleistung zu gehen: „Natürlich ist das erst einmal ein Mehraufwand für uns. Wir tasten uns über alte Prüfungen oder alte Klassenarbeiten daran heran, ob die Sprachkenntnisse ausreichen, diese zu bewältigen. Dazu gehört auch eine intensive Betreuung vor Ort und eine enge Zusammenarbeit mit der Berufsschule.“

Orientierung gibt die Praxis

In Berufsorientierungskursen der Caritas fanden Rafi und Asaad zu Amazone. Dabei legte das Unternehmen mit Stammsitz in Hasbergen-Gaste von Anfang an Wert darauf, dass diese erste Orientierung möglichst praktisch erfolgt. „Theoretisch kann man eben nicht beibringen, was ein Zerspanungsmechaniker bei uns macht“, betont Hüggelmeier. Deshalb durften sie den Azubis in der Ausbildungswerkstatt direkt über die Schulter gucken und Fragen stellen. Nachdem es Rafi zunächst in Praktika bei einer Autolackiererei oder als Metallbauer nicht so gut gefallen hat, fühlt er sich in der einjährigen Einstiegsqualifizierung zum Zerspanungsmechaniker bei Amazone gut aufgehoben.

Deutsch in Einstiegsqualifizierung verbessern

Er arbeitet in der Lehrwerkstatt bereits mit und verbessert berufsbegleitend sein Deutsch weiter, sodass er im kommenden Jahr die Ausbildung offiziell beginnen kann. Hüggelmeier erklärt, dass es ihm auf dem aktuellen Sprachniveau nicht möglich sei, die Prüfungen in der Berufsschule zu bestehen. Über die Einstiegsqualifizierung werde er da aber herangeführt, lerne bereits in der Lehrwerkstatt mit und habe so zudem später die Chance, die Ausbildung zu verkürzen.

Ausbildungsleiter kümmert sich

Der Syrer Mohammad Asaad hingegen hat direkt mit der Ausbildung begonnen. „Auch mit ihm haben wir von Anfang an sehr praktisch in der Lehrwerkstatt gearbeitet. Mit unserer Unterstützung hat er dann auch unsere Probeprüfungen für die Berufsschule gemeistert.“ Nachdem er zunächst zum Beispiel nicht verstanden habe, dass es bei einem Kegel um Körperberechnungen gehe, habe der Ausbildungsleiter sich um ihn gekümmert und ihm das anschaulich über die Google-Bilder-Suche beigebracht.

Azubi-Paten

Außerdem stehen Rafi und Asaad Azubi-Paten wie Kai Ruthemeyer aus dem dritten Lehrjahr stets für Fragen zur Verfügung. Er zeigt ihnen etwa, wie sie überprüfen können, dass eine Gewindebohrung auch wirklich gerade ist.

Trampolinspringen statt Lasertag-Arena

Auch die deutschen Azubis gewinnen in solchen Projekten an Sozialkompetenz. Von dem ursprünglichen Plan, bei einer Azubi-Fahrt eine Laser Tag Arena zu besuchen, sind sie schnell abgerückt. Aus Rücksicht davor, dass Asaad den syrischen Bürgerkrieg selbst noch Anfang 2015 erlebt hat und dass Rafis Vater in Afghanistan von den Taliban verschleppt wurde und er selbst diesem Schicksal nur durch die Flucht entging. Statt also Kriegserinnerungen in der Lasertag-Arena zu wecken, formten sie beim Trampolinspringen in einem Fun-Park Gemeinschaftsgefühl und lernten in der alten Zeche Zollverein in Essen, wie echte Kumpel früher zusammengearbeitet haben.

„Meine Mutter ist stolz auf mich“

Asaad ist durch die Ausbildung hoch motiviert, will noch ein Fachabi machen und hat sich fest vorgenommen, sich bei Amazone hochzuarbeiten. Ravi freut sich sehr, dass Amazone ihm eine Chance gibt und sagt: „Meine Mutter ist stolz auf mich.“

Verpflichtung für große Arbeitgeber, Integration zu unterstützen

Hüggelmeier sieht es als „Verpflichtung der großen regionalen Arbeitgeber, die Integration zu unterstützen“. Auch durch den Fachkräftemangel in den gewerblich-technischen Berufen sei Deutschland auf Zuwanderung angewiesen. Er appelliert: „Daher ist es besonders wichtig, dass sich viele Unternehmen an Integrationsprojekten beteiligen.“


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