28.08.2016, 18:07 Uhr

Baugebiet am Finkenhügel Osnabrücker Wagenburg will sich nicht vertreiben lassen


Osnabrück. Es gibt Menschen, die lieber im Bauwagen leben als in gemauerten Wänden. Zehn von ihnen haben sich in der Wagenburg am Finkenhügel eingerichtet. Jetzt fürchten sie, aus ihrer kleinen Wildnis vertrieben zu werden. Die Stadt plant dort eine Wohnsiedlung.

Als die Westumgehung noch vierspurig werden sollte, sicherte sich die Stadt hektarweise Flächen für die Trasse, die sie jetzt nicht mehr braucht. Dazu gehört auch ein ehemaliges Gartengelände zwischen dem Klinikumsparkplatz und der Straße Am Hirtenhaus. Zwischen Buchen, Brombeeren und Brennnesseln haben sich zehn Nonkonformisten mit ihrem Wohnprojekt ihr eigenes Idyll geschaffen, mit Lagerfeuer, Komposttoilette und Regenwasserdusche, aber ohne anarchistische Attitüde.

Wasser aus Kanistern

Zwölf Bauwagen mit zum Teil abenteuerlichen Aufbauten verstecken sich unter den Baumkronen. Für das bunte Völkchen, Männer und Frauen zwischen Mitte 20 und Mitte 40, spielt sich das Leben überwiegend im Freien ab. Im überdachten Gemeinschaftsbereich treffen sie sich zum Reden und Rauchen, Essen und Trinken. Entscheidungen werden nach dem Konsensprinzip getroffen, niemand soll sich übergangen fühlen.

Die Wagenburg firmiert als eingetragener Verein Wabos e.V. Und das Camp ist selbstverständlich an die städtische Müllabfuhr angeschlossen. Ihren Strom für Laptop, Musik und Handy erzeugen die Einwohner der Wildwuchs-Parzelle mit Solarzellen. Weil sie keinen Stadtwerke-Anschluss haben, schaffen sie ihr Trinkwasser mit Kanistern heran.

Wenn sie von ihrem alternativen Alltag erzählen, setzen sich die Wabos-Mitglieder nicht als Aussteiger in Szene, sondern als berufstätige Stadtbewohner, die sich lediglich für eine etwas andere Wohnform entschieden haben. „Wir sind der letzte Freiraum“, sagt Sarah, die in einer „Manufaktur für biologische Präparate“ arbeitet.

Stadt will Bauwagen umsiedeln

Seit 1997 besteht die Kolonie mit der postalischen Adresse Am Hirtenhaus 5, seit 2001 gibt es einen Pachtvertrag mit der Stadt Osnabrück über ein 7000 qm großes Areal. Davon würden aber nur 4000 genutzt, heißt es in der Bauwagenkolonie. Der Pachtvertrag wurde zuletzt immer nur um ein Jahr verlängert, erzählt die angehende Diplom-Biologin Henrike, die auch als selbständige Übersetzerin arbeitet.

Für sie und ihre Wildnis-Genossen war das ein Alarmsignal, dass da etwas im Busch ist. Und dann kamen Vorschläge für eine Umsiedlung. Aber die Leute von der Wagenburg finden die von der Stadt genannten Standorte in Atter und in der Gartlage nicht akzeptabel. Zu klein, zu abgelegen, zu schlecht erreichbar, lautet die Begründung. Und von einer längerfristigen Perspektive könne keine Rede sein.

Inzwischen hat der Ausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt mit der Aufstellung des Bebauungsplans Nr. 616 „Am Hirtenhaus“ seine Absicht erklärt, aus dem Areal Bauland zu machen. Einzelheiten lässt der Entwurf aus dem Fachbereich Städtebau noch nicht erkennen. Wo in Zukunft Wohnhäuser oder Parkplätze entstehen, entscheidet sich im weiteren Verfahren.

Zur Nachahmung empfohlen

Noch ist offen, ob bestimmte Lebensräume für Pflanzen, Tiere und vielleicht auch Wagenburgbewohner erhalten bleiben. Was am Ende umgesetzt wird, entscheidet die Mehrheit im Rat. In der bevorstehenden Bürgerbeteiligung hat auch das Wabos-Kollektiv Gelegenheit, seine Vorstellungen einzubringen. „Ich bin grundsätzlich gegen Bebauung“, sagt Sarah, es gebe doch schon genug versiegelte Flächen in Osnabrück, und Freiräume dürften nicht einfach plattgemacht werden, nur weil sie verfügbar sind.

Christian, ihr Sitznachbar in der Gemeinschaftsecke, verweist auf die Leerstände in Osnabrück und pocht auf einen sozialen Aspekt: „Die Stadt will mehr Wohnraum schaffen, aber sie übersieht, dass hier schon Leute wohnen“.

Die Leute von der Wagenburg gehen in die Offensive und empfehlen ihr Wohnmodell zur Nachahmung. Das sei preiswert, ökologisch und platzsparend, vermerkt Henrike, der Garten sei das schönste Wohnzimmer. So ein Bauwagen-Camp biete sich an als idealer Übergang von der Wohnbebauung zur Naherholung. Eigentlich erstaunlich, dass die Stadt noch nicht auf die Idee gekommen sei.


4 Kommentare