13.07.2016, 12:15 Uhr

Dominique Schnizer im Interview Regisseur mit Faible für starke Geschichten

Nachfolger von Annette Pullen als leitender Schauspielregisseur: Dominique Schnizer. Foto: Thomas OsterfeldNachfolger von Annette Pullen als leitender Schauspielregisseur: Dominique Schnizer. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Dominique Schnizer, neuer leitender Schauspielregisseur am Osnabrücker Theater, spricht über sich als Regisseur und „totales Probentier“, über seine Arbeit mit dem neu zusammengesetzten Ensemble und seinen Werdegang.

Herr Schnizer, Sie haben von sich vor einem Jahr in Osnabrück als „totales Probentier“ gesprochen. Was kommt denn da nun auf das Osnabrücker Schauspielensemble zu?

Ich weiß gar nicht, ob das so toll ist (lacht). Wenn ich versuche, eine Szene in eine bestimmte Richtung zu bringen und merke, wir müssen es anders angehen, dann möchte ich das lieber in einem Raum gemeinsam mit den Schauspielern machen. Ich will keinen Plan hinlegen, der dann komplett durchgezogen wird. Ich habe immer das Gefühl, es ist noch mehr möglich. Genau dorthin kann man nur kommen, wenn man sich permanent miteinander auseinandersetzt, was Spaß macht, aber auch mal zu Spannungen führt. Je besser man sich im Team kennt, desto mehr vertraut man einander und wird mehr wagen und probieren. Permanenten Austausch empfinde ich als unverzichtbaren Bestandteil der Ensemblearbeit, es heißt ja nicht umsonst „Ensemble“. Je mehr man miteinander spielt, ausprobiert, desto mehr kann man sich puschen und auch auffangen. Das meine ich mit dem „Probentier“. (Lesen Sie auch: Wechsel in der Schauspielleitung in Osnabrück)

Haben Sie schon eine Vision dessen, was Sie mit dem Osnabrücker Ensemble erreichen wollen?

Ich wünsche mir, dass die verbliebenen und neuen Schauspieler gern miteinander spielen und aneinander wachsen, neugierig aufeinander bleiben Ich finde es übrigens total schön, dass Klaus Fischer noch mal bleiben will, wie er sich in die Proben hineinwirft und voll die jungen Kollegen annimmt, die direkt von der Schauspielschule kommen und noch aufgeregt sind.

Wie viele Schauspieler werden denn im August neu anfangen?

Acht oder neun und drei Oskar-Darsteller. Wobei Ronald Funke und Christina Dom nicht wirklich neu sind, sondern nach Osnabrück zurückkehren. Mir war wichtig, die Altersstruktur im Ensemble breit zu fächern.

Was erhoffen Sie sich von dem starken Wechsel im Ensemble?

Das ist eine schwierige Frage, über die ich im Einzelnen gar nicht sprechen kann. Die Entscheidung zu einem Neustart ist in Absprache mit der Leitung des Hauses getroffen worden. Und es war für beide Seiten nicht einfach. Ob es aufgeht, wird man an den künstlerischen Ergebnissen sehen.

Sie haben auch von ihrem großen Faible für das Geschichtenerzählen gesprochen. Woher kommt es?

Ich bin da vom amerikanischen und englischen Raum geprägt. Als Erstes muss eine Geschichte stark sein, finde ich, und dann kommt die Botschaft. Oft bekommt man aber das Gefühl, über einer großen Botschaft wurde die Geschichte völlig vergessen. Wenn ich aber als Zuschauer von einer Geschichte gefangen genommen werde, dann bekomme ich das, was man mir damit sagen will, über eine andere Ebene mit. Das halte ich für entscheidend.

Formulieren Sie damit eine Abgrenzung zum sogenannten Konzepttheater?

Nicht unbedingt. Es kann auch sein, dass Jemand etwas Totales mit einer Schlagzeile erschaffen kann und darüber Bilder und Assoziationen herstellt. Je breiter gefächerter das Angebot an einem Stadttheater ist, desto besser. Ich kann ja nur sagen, was für mich persönlich stark ist und worin ich meine Stärken sehe.

Wie haben Sie zu Beginn Ihrer Laufbahn eigentlich den Sprung vom Theater Graz ans Staatstheater Stuttgart geschafft?

Ich bin in Graz geboren worden, habe am Grazer Theater hospitiert und bin relativ schnell Regieassistent geworden. Die Theaterleitung hat mir dann geholfen, als ich nach einiger Zeit auch andere, größere Theater erleben wollte. Ich habe mich vorgestellt bei Friedrich Schirmer und es hat geklappt. Schirmers letztes Stuttgarter Jahr habe ich als Assistent miterlebt und dann spannende zwei Jahre am Hamburger Schauspielhaus mit ersten eigenen Regiearbeiten. Ich bin dann als freier Regisseur noch neun Jahr in Hamburg als Standort geblieben, habe aber landauf, landab inszeniert.

Sie haben viele Jahre mit dem Krimi-Autor Henning Mankell zusammengearbeitet und mit ihm gemeinsam etwa „Endstation Sehnsucht“ am Teatro Avenida in Maputo, Mozambique, inszeniert. Nun ist Mankell im vergangenen Jahr an einer Krebserkrankung gestorben. Geht Ihre Theaterarbeit mit Mozambique trotzdem weiter?

Ja, sein Tod war ein starker Schlag für mich und ich vermisse ihn sehr. Ich telefoniere nun viel mit seiner Witwe. Doch der Baum in Mozambique wächst weiter. Und Ralf Waldschmidt denkt immer noch an einen künsterischen Austausch mit Mozambique, auch wenn in dieser Spielzeit erst einmal ein Austausch mit Namibia über die Bühne gegangen ist.


Dominique Schnizer kam 1980 im österreichischen Graz zur Welt. Mit neun Jahren fing er sich bei einer Nestroy-Aufführung im Theater seiner Heimatstadt das Theatervirus ein. Nach einem abgebrochenen Studium in Wien hospitierte er am Grazer Theater, wurde dort schnell Regieassistent und bewarb sich später nach Stuttgart, ans Staatstheater unter Friedrich Schirmer. Als Regieassistent wechselte er nach einem Jahr, 2005, mit Schirmer ans Schauspielhaus Hamburg. Dort entwickelte er mit namhaften Schauspielern die sechsteilige Theaterserie „Spiel‘s noch einmal“ im Hotel Maritim Reichshof neben dem am Hauptbahnhof gelegenen Schauspielhaus. Zu seinen ersten eigenen Regiearbeiten gehörte auch „Ein Stück Fleisch“ von Albert Ostermaier, mit dem Schnizer 2012 in Hamburg die Spielzeit eröffnete. Dort inszenierte er auch die Uraufführung „Leben und Erben“ von Oliver Kuck. Den Kritiken zufolge war das ein Kabinettstück, in dem die Schauspieler zeigten, was sie konnten, unter anderem Stefan Haschke, der seit 2014/15 am Osnabrücker Theater engagiert ist. Im Theater Heidelberg inszenierte er unter Peter Spuhler und seinem Nachfolger Holger Schultze, davor Intendant in Osnabrück. Dort brachte er Nis-Momme Stockmanns „Der Mann, der die Welt aß“, das Gewinnerstück des Heidelberger Stückemarkts, zur Uraufführung. Er führte unter anderem für die Ruhrfestspiele Recklinghausen oder das Staatstheater Karlsruhe Regie. In der Schultze-Ära war er übrigens schon in Osnabrück als Regisseur zu erleben: mit Peter Handkes stummem Stück „Das Mündel will Vormund sein“ im Oktober 2010 im Emma-Theater.

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