06.07.2016, 07:18 Uhr

Studentenwerk verschweigt Historie Osnabrücker Studentenwohnheim gehörte der Hitlerjugend


Osnabrück. 1938 entstand in schönster Lage am Haster Berg in Osnabrück ein Heim für die Hitler-Jugend, das Johann-Gossel-Heim. Es hat den Krieg überstanden und dient seit 1949 mit Unterbrechungen als Studentenwohnheim. Dem Studentenwerk ist die braune Vergangenheit des Gebäudes offenbar peinlich – es verschweigt sie in seinem Internetauftritt und spricht schwammig von einem „historischen Gebäude mit seiner wechselvollen Geschichte“.

Die Erziehung der Jugend im nationalsozialistischen Sinne genoss ab etwa 1937 höchste Priorität. Kein Aufwand erschien zu hoch, um den Jugendorganisationen des Regimes für ihre Zusammenkünfte zu Spiel, Sport und paramilitärischen Übungen ein repräsentatives Haus zu schaffen. Für die nördlichen Stadtteile Osnabrücks suchte man einen Standort am Waldrand des Haster Hohn aus, der vielfältige Naturerkundungen und Geländespiele ermöglichte. Der alte Lechtinger Weg wurde systemkonform nach einem Hitler-Getreuen in Dietrich-Eckart-Straße umbenannt. Heute lautet die Anschrift Im Hone 27.

Das Jahr 1937 war reichsweit zum „Jahr der Heimbeschaffung“ ausgerufen worden. Der Reichsinnenminister drängte die Kommunen zum Bau von HJ-Heimen, wobei er ihnen gleichzeitig auch die Kostenträgerschaft für Bau und Unterhalt auferlegte. „Landschaftsgebundenes Bauen“ war angesagt. Die Architektur sollte von Klarheit, Schlichtheit und „Materialechtheit“ bestimmt sein und die Jugendlichen „erheben und begeistern“. Reichsjugendführer Baldur von Schirach gab als Losung aus: „Wir bauen für den Führer, wir formen seine Gedanken in Holz und Stein. Jedes Haus sein Denkmal!“

Namensgeber: SA-Mann Johann Gossel aus Bremen

Der Namensgeber des Haster Heims, Johann Gossel, war ein Bremer SA-Mann, der bei einer Straßenschlacht mit Kommunisten im Juni 1931 in Bremen durch einen Messerstich schwer verletzt wurde und daran starb. Als sogenannter „Blutzeuge der Bewegung“ wurde er zum Namenspaten mehrerer HJ-Heime in Deutschland.

Obwohl die Haster Bevölkerung mit großer Mehrheit im katholischen Glauben verankert war und bei Wahlen die Zentrumspartei, solange diese noch antreten konnte, klar gegenüber der NSDAP bevorzugte, hatte die Haster Jugend kaum eine Möglichkeit, den NS-Jugendorganisationen zu entgehen. Ältere Haster, die man heute dazu befragt, erinnern sich keineswegs nur mit Abscheu an die „Waldspiele“, die dem kindlichen Bedürfnis entgegenkamen, nach dem Prinzip „Räuber und Gendarm“ im Freien herumzutoben – letztlich aber natürlich vor allem der Wehrertüchtigung dienen sollten.

Der „böse Feind“ schlich sich per Lkw an

Wido Spratte beschreibt eine typische Szene in der Haster Chronik: „Das Gebäude am Haster Berg war noch nicht vollendet, als es am 19. Februar 1939 während einer Geländeübung von Haster Hitlerjungen gegen ‚angreifende‘ Hitlerjungen aus dem Schinkel verteidigt werden sollte. Die Haster verloren das vormilitärische Spektakel, weil sie ahnungslos nicht bemerkten, dass der ‚böse Feind‘ sich in einem zivilen Lastwagen herangemacht hatte.“

Das Haus überstand den Krieg unbeschadet. Die Stadt nutzte es als Studentenwohnheim für die ganz in der Nähe gegründete Höhere Gartenbauschule. Als diese später in der Fachhochschule aufging, wurde das Land und noch später die FH selbst Eigentümerin des Gebäudes. Das Studentenwerk als Pächter kümmerte sich um die Vermietung.

Studenten proben Aufstand gegen Umnutzung

2004 gab es Stress, weil die FH einen Teil der Räume für Forschung und Lehre nutzen wollte. Die Studentenschaft protestierte gegen die geplante Umnutzung des sehr beliebten und stets ausgebuchten Wohnheims. Sie sammelte mehr als 1000 Unterschriften und spannte sogar die Heim-Gänse „Pünktchen und Anton“ für ein Aufmerksamkeit heischendes Protestfoto ein. Die Hochschule gab schließlich nach, als sich Alternativen für den Raumbedarf eröffneten. Das Haus blieb also ein Wohnheim für bis zu 24 Studierende.

„Haus mit Überblick“

Heute bewirbt das Studentenwerk die „Wohnanlage Haste“ als „Haus mit Überblick“ über die ganze Stadt, besonders geeignet für naturverbundene Studierende der grünen Fachbereiche, die bereit seien, sich an der regelmäßig anfallenden Gartenarbeit zu beteiligen. Der Träger spricht von einem „historischen Gebäude mit seiner wechselvollen Geschichte“ und einem „ehemaligen Erholungsheim für Kinder und Jugendliche“, verschweigt aber die ursprüngliche Zweckbestimmung als Heim der Hitlerjugend. Holz und Stein können jedoch nichts dafür, in welchem Geiste sie einmal errichtet wurden. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass sich das Studentenwerk zur Entstehungsgeschichte des Hauses bekennt – wie etwa das Kulturgeschichtliche Museum, das kein Geheimnis daraus macht, dass die zum Museumsareal gehörende Villa Schlikker einst das „Braune Haus“ der NSDAP war.


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