11.05.2016, 15:30 Uhr

Niedersächsischer Mühlentag 2016 Mühlenfieber bricht im Osnabrücker Land aus


Badbergen. „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“ lautet der Text eines bekannten Kinderliedes aus der Romantik, das heute wieder Musik in den Ohren von rund 316 Freiwilligen Müllern in Niedersachsen ist. 35 von ihnen agieren im Osnabrücker Land, wo Ansgar Fennemann und Günter Oberschmidt vor 30 Jahren den Niedersächsischen Mühlentag ins Rollen gebracht haben. Am Pfingstmontag, 16. Mai, ist es wieder soweit.

Vor 13 Jahren ergriff auch den Westfalen Erich Everding das „Mühlenfieber“, als er zum Besitzer der Mimmelager Mühle im Artland und zum Freiwilligen Müller avancierte. Nach mehrjähriger Sanierung drehen sich die Flügel des Galerieholländers wieder und mahlen Korn für Brot aus dem eigenen Holzbackofen. Zusammen mit den Mühlen in Lechtingen , Melle-Riemsloh und Bad Essen erzielte Everdings Mühle die Anerkennung als niedersächsische Ausbildungsmühle. Zu Pfingsten können Interessierte sich selbst vom Geist der nostalgischen Mühle beflügeln lassen.

Mimmelager Mühle

Denn nach umfangreichen Aufräum- und Renovierungsarbeiten verwandelten Erich und Brigitte Everding die Mimmelager Mühle in ein Schmuckstück. Der zweistöckige Galerie-Holländer wurde 1785 in Aselage (Emsland) als Erdholländer erbaut und 1809 nach Hahlen bei Menslage versetzt. Erst 1877 erhielt das 25 Meter hohe Denkmal seinen jetzigen Standort auf einem 6,20 Meter hohen Sandsteinsockel in Groß Mimmelage. „Die Mühle hat unser Leben verändert, man kann sie nicht mehr alleine lassen, weil sie den Naturgewalten ausgesetzt ist“, berichtet Erich Everding, warum er und seine Frau Brigitte nach achtjähriger Renovierungs- und Umbauphase endlich selbst in ihre Mühle eingezogen sind.

Anzeige im „Holznagel“

Eine Anzeige in der Zeitschrift „Holznagel“ lockte das Ehepaar aus Westfalen 2003 in den Norden des Osnabrücker Landes. Hier verliebten sich Everdings in den 1785 im Emsland erbauten Galerieholländer, den sie mit 100 000 Euro in ein ganz besonderes Refugium verwandelt haben. Der Architekt wurde Mitglied in der niedersächsischen Mühlenvereinigung und begann eine Ausbildung zum Freiwilligen Müller . Vor drei Jahren erhielt das Baudenkmal seine Anerkennung als Ausbildungsmühle. Denn die Zahl der restaurierten und wieder in Betrieb genommenen Wind- und Wassermühlen im Bereich der Mühlenvereinigung Niedersachsen und Bremen nimmt von Jahr zu Jahr zu. Und damit wächst auch der Bedarf an fachlich ausgebildeten Freiwilligen Müllern, die seit einigen Jahren in Niedersachsen ausgebildet werden.

Ausbildung an 20 Wochenenden

Die Auszubildenden erlernen an 20 Wochenenden die Bedienung einer Mühle in verschiedenen Jahreszeiten und bei unterschiedlichen Wetterbedingungen. Im Herbst baut Everding die Segel ab, entfernt Sturmbretter und schmiert das Getriebe von der Windrose ab. Dabei wird der gesamte Mahlgang abgenommen, gesäubert und der Mahlstein nachgeschlagen. „Ich zeige den Lehrlingen, dass das Abbauen der Mühle ein behutsamer und langsamer Vorgang ist. Sonst besteht die Gefahr, dass die Flügel abbrechen“, erklärt Everding.

Eine Runde mit dem Mühlenrad

„Schwindelfreiheit kann auch nicht schaden“, lacht er beim Erklettern der zwölf Meter langen Stahlflügel, um die Segel zu setzen. „Ganz mutige Müller haben sich früher einen Spaß daraus gemacht und sind eine Runde mitgefahren,“ verrät Everding. Damals wurden die Flügel aus Eichenholz gefertigt, das jedoch nur zehn Jahre überdauerte. „Die Flügel der historischen Mühlen drehen sich links herum, dann ist die Galerie gesperrt. Bei Windstärke drei bis vier schaffen die Flügel 100 Umdrehungen des Mahlsteins pro Minute. (Weiterlesen: Bericht zum Mühlentag 2015 )

Schnell drehende Winde

„Wenn man die Flügel nicht mehr erkennt, wird’s kritisch“, warnt Everding vor einem Brandschaden. Er könnte durch die Reibung von Kammrad und Bremsklötzen auslöst werden, weil dabei sehr viel Wärme entsteht. Aber in der Vergangenheit sei die Mühle auch durch verschiedene Stürme zerstört worden, verweist Everding auf schnell drehende Winde. Kein Wunder also, wenn er seinen „Schatz“ nicht gern ohne Aufsicht lässt. „Ich muss immer den Himmel beobachten wie in der Seefahrt. Mein Windmessgerät ist da eine gute Hilfe. Ein Müller muss eben auch ein Wetterprophet sein“, erklärt Everding.

Mühlencafé „Oma Plüsch“

„Das Knarren der Flügelwelle und das mahlende Schleifgeräusch der Mahlsteine, wenn der Weizen gemahlen wird, ist Musik in meinen Ohren“, erzählt der 74-Jährige während einer Führung. Der Umbau der Mühle sei architektonisch und finanziell eine Herausforderung gewesen. Aus den ehemaligen Lagerräumen entstand das Mühlencafé „Oma Plüsch“. 2006 wurden neue Flügel sowie eine neue Windrose samt Windrosenbock montiert. Die gesamte Mühlentechnik wurde überholt und das Sägewerk erhielt einen Anbau und einen Dieselmotor. Auch der Sackaufzug wurde erneuert und ist nun wieder windgängig.

Trauung mit Mühlenromantik

Wer die Mühlenromantik liebt, kann sich hier sogar standesamtlich trauen lassen. Aus dem ehemaligen Mehllager zauberte Everding eine Ferienwohnung, die seine Frau ebenso wie das Nostalgiecafé „Oma Plüsch“ in eine Puppenstube verwandelt hat. Eine Dachverglasung des Cafés erlaubt den Blick auf die sich drehenden Flügel.

Don Quichote aus Menslage

„Die Renovierung nimmt kein Ende. Wegen der Trockenheit ist jetzt ein Flügel nach unten gerutscht. So entstehen immer neue Kosten“, kämpft der Müller stetig gegen den Zerfall des sich bewegenden Denkmals. „Manchmal fühle ich mich schon ein bisschen wie der berühmte Don Quichotte von Miguel de Cervantes (1605)“, gesteht Erich Everding schmunzelnd. Auch seine Frau Brigitte meistert ihre Rolle als „Dulcinea“ mit Bravour. Sie umrankt die Mühle mit 300 historischen Rosen und Jakobsschafen, während sie im integrierten Wellness-Institut als Naturkosmetikerin agiert.

Everdings Mühle ist nach Voranmeldung und an den Tagen des Offenen Denkmals, 8. und 9. September, geöffnet. Dann serviert das Café regionstypische Spezialitäten und bietet hausgemahlenes Mühlenbrot. Am dritten Sonntag im Juni öffnen Everdings ihr Rosarium. Weitere Infos unter www.everdings-muehle.de und per Mobiltelefon 0171/5364567.


Freiwillige Müller sind eine ständig wachsende Gemeinschaft interessierter Bürger aller Altersgruppen. In Niedersachsen wurden bereits über 316 Müller ausgebildet. Lehrgangsinhalte dieser Müllerausbildung umfassen unter anderem die selbstständige Pflege und Wartung einer Mühle, die Kenntnisse der physikalischen und konstruktiven Grundlagen und Bedingungen beim Bau und Betrieb einer Mühle, Kenntnisse in der Behandlung und Verarbeitung von Getreide sowie einen Überblick über die historische Entwicklung der Mühlen und des Müllereiwesens innerhalb der wechselnden Gesellschaftsordnungen in der Vergangenheit und Gegenwart. Die niedersächsische Mühlenvereinigung gibt es über 50 Jahre. Sie hat den niedersächsischen Mühlentag initiiert und organisiert den Deutschen Mühlentag (Pfingstmontag). Die Hauptausbildungsmühle der Niedersachsen liegt in Leer-Logabirum. Der Müllermeister und Mühlenbautechniker Rolf Wessel aus Georgsmarienhütte ist der regionale Kursleiter im Osnabrücker Land. Weitere Infos unter Telefon 05401/362511 und im Internet unter www.muehlenland-niedersachsen.de .

0 Kommentare