12.04.2016, 16:57 Uhr

Stahlverarbeitung im Großformat IAG Magnum Osnabrück: Auferstanden aus Ruinen

Ein Bild aus besseren Zeiten: Im Jahr 2004 fertigte Magnum in Osnabrück einen riesigen Stahlkochtopf für die Duisburger Hütte. Foto: NOZ-Archiv/Michael HehmannEin Bild aus besseren Zeiten: Im Jahr 2004 fertigte Magnum in Osnabrück einen riesigen Stahlkochtopf für die Duisburger Hütte. Foto: NOZ-Archiv/Michael Hehmann

Osnabrück. Die Entstehung der Firma IAG Magnum im Jahr 1994 ist unmittelbar mit dem Niedergang des Osnabrücker Stahlwerks verbunden. Ein Blick ins Redaktionsarchiv.

Nach 21 Jahren ist der Osnabrücker Stahlverarbeitungsbetrieb an der Bessemerstraße ein Sanierungsfall. Die Tochtergesellschaft der Stahlgruppe Georgsmarienhütte Holding (GMH) schreibt Millionenverluste: 35 von 120 Arbeitsplätzen sollen in einem Insolvenzschutz-Verfahren abgebaut werden, das am Dienstag beim Amtsgericht beantragt wurde. Wir schauen zurück auf die Zeit und die Umstände, die zur Magnum-Gründung führten.

Hochofen aus

Mai 1988: Letzter Abstich in Osnabrück. Nach Teilstilllegungen von Großmaschinen, Pressen und Wärmeöfen geht im Klöckner-Stahlwerk am Güterbahnhof der Hochofen für immer aus. Von 1100 Mitarbeitern steht die Hälfte vor der Entlassung. Im selben Jahr verschmelzen die 1971 durch Fusion entstandenen Schmiedewerke Krupp Klöckner (SKK) mit dem Weiterverarbeitungsbereich der Thyssen Henrichshütte zu den Vereinigten Schmiedewerken (VSG). Der Standort Osnabrück wird zum Bearbeitungszentrum zurechtgestutzt.

April 1989: Europas einstmals größte Schmiedepresse wird in Osnabrück abgeschaltet. Die acht Meter lange und 1100 Tonnen schwere Anlage (Baujahr 1954) galt als Herzstück der stillgelegten VSG-Warmbearbeitung und als Symbol des Wiederaufbaus.

März 1990: Wer nach der Amputation des Stahlwerks an ein Überleben mit mehr als 500 Mitarbeitern geglaubt hat, sieht sich getäuscht. Die VSG-Geschäftsleitung kündigt an, die Zahl der Stellen auf unter 400 zu drücken.

Mai 1990: Alle Hoffnungen im VSG-Bearbeitungszentrum Osnabrück liegen in der Spartenbildung. Ab Juli kann es als eigenständiges Unternehmen innerhalb des Firmenverbundes selbst Aufträge einholen und kalkulieren.

Juli 1990: Die große Schmiedepresse wird demontiert und für eine Million Mark nach Indien verkauft.

Januar 1991: Der letzte Schornstein auf dem ehemaligen Klöckner-Gelände an der Bessemerstraße wird gesprengt. Die Vereinigten Schmiedewerke schreiben in Osnabrück schwarze Zahlen. Die Auftragslage im Bearbeitungszentrum sei gut, heißt es.

Dezember 1991: Eine Tunnelfräsmaschine für Fünfmeterlöcher verlässt Osnabrück Richtung Südafrika. Die VSG-Geschäftsführung hofft auf Folgeaufträge.

VSG vor Konkurs

Juni 1992: Der VSG-Firmenverbund mit seinen fünf Standorten Osnabrück, Bochum, Hagen, Essen und Hattingen ist in akuter Gefahr. Binnen vier Jahren soll das Schmiedeunternehmen 400 Millionen DM Miese gemacht haben. Der Betriebsrat rechnet mit einem Gang zum Konkursrichter, sollten sich die Gesellschafter nicht über einen Verlustausgleich einigen.

August 1992: Dunkle Wolken über dem VSG-Standort Osnabrück. Dürftige Auftragslage, kein eigenes Produkt, weiterer Personalabbau auf 350 Stellen bis Jahresende.

Dezember 1992: Die Klöckner AG stellt Vergleichsantrag für die Betriebe in Bremen, Duisburg und Georgsmarienhütte. Der Unternehmensbereich Stahl soll mit 2,7 Milliarden Mark verschuldet sein. Das Osnabrücker Werk ist wegen eines Forderungsverzichts von der Misere aber nicht direkt betroffen.

Retter Großmann

Februar 1993: Jürgen Großmann, Vorstandsvorsitzender der Klöckner Edelstahl GmbH in GMHütte, kündigt an, zur Monatsmitte als Manager auszusteigen und das Stahlwerk zu kaufen. Der Plan findet breite Unterstützung bei den 1400 Beschäftigten wie in der gesamten Region Osnabrück.

April 1993: Der Kaufvertrag ist notariell beglaubigt, Großmann kehrt auf den Chefsessel zurück. Er hält jetzt 75 Prozent der Firmenanteile. Restschulden in dreistelliger Millionenhöhe will der Stahlmanager innerhalb von vier Jahren abbauen. Das Stahlwerk heißt künftig Georgsmarienhütte GmbH.

Dezember 1993: Das Osnabrücker VSG-Werk wird zum 1. Januar verselbstständigt. Der neue Name lautet VSG-Stahl- und Metallfertigungszentrum GmbH.

Retter Gehrhardt

April 1994: Das Bearbeitungszentrum der Vereinigten Schmiedewerke wird verkauft. Zum 1. Mai übernimmt der Osnabrücker Unternehmer Jost-W. Gehrhardt den Betrieb mit 241 Mitarbeitern.

Dezember 1994: Als Nachfolge-Firma der VSG erhält die Magnum Metallbearbeitung GmbH eine Landesbürgschaft von 14,5 Millionen DM zur Absicherung des Kaufs. In den Werkhallen der Vergüterei ist frischer Wind spürbar. Gefertigt werden in Osnabrück unter anderem Castor-Behälter zur Zwischenlagerung alter Brennstäbe aus Kernkraftwerken – dies allerdings schon seit vier Jahren.

Januar 1995: Die Vereinigten Schmiedewerke melden beim Amtsgericht Bochum Konkurs an. Der Stahlkonzern ist zahlungsunfähig geworden, weil ihn die Aufwendungen für 1650 Vorruheständler (davon 420 in Osnabrück) erheblich belasten. Erst nach zähen Verhandlungen erklären sich später die Konzernmütter Klöckner, Thyssen und Krupp bereit, 80 Prozent der Versorgungsleistungen zu übernehmen.

Juni 1997: Ein Wahrzeichen wird versetzt. Der 29 Tonnen schwere Schiff-Achtersteven vor dem früheren Klöckner-Verwaltungsgebäude muss der neuen Zufahrt zum Gewerbepark weichen.

GMHütte GmbH übernimmt

März 1998: Die Georgsmarienhütte GmbH übernimmt zum 1. April die Firma Magnum. Der Großmann-Konzern verspricht eine bessere Grundauslastung des bislang von Fremdaufträgen abhängigen Osnabrücker Werks sowie den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen.

November 1998: Die 220 Mitarbeiter von Magnum erhalten erstmals seit langer Zeit wieder einen Teil ihres Weihnachtsgeldes.

November 1999: Interne Finanz- und Strukturprobleme zwingen Magnum zur Kurskorrektur. 30 von noch 206 Stellen müssen abgebaut werden. Laut Geschäftsführung ist die Firma „zu teuer, hat Marktprobleme und kam in rote Zahlen, die existenzbedrohend sind“.


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