16.02.2016, 00:35 Uhr zuletzt aktualisiert vor

300. „Littera“-Lesung Furioser Abend mit Michael Krüger in Osnabrück


Osnabrück. Ein schlagfertiger Gesprächspartner, ein feinsinniger Erzähler und eine selbstironische Verlegerlegende: So präsentierte sich Schriftsteller Michael Krüger bei der 300. „Littera“-Lesung der Buchhandlung zur Heide am Montag im ausverkauften Blue Note.

Wer mit diesem flinken Geist mithalten will, sollte stets auf der Hut sein: „Michael Krüger ist 1943 geboren“, setzt Zur-Heide-Inhaber Lennart Neuffer zur Vorstellung seines Gastes aus München an, der gleich einen Zwischenruf parat hat: „Sieht man ihm aber nicht an“, sagt der 72-jährige Schriftsteller – und ein verschmitztes Lächeln huscht über sein Gesicht.

„Ich sehe besser aus als T.C. Boyle“

Wenig später meint er als Replik auf Neuffers Traumgast-Liste mit US-Topautoren für seine 300. „Littera“-Lesung: „Ich sehe zwar nicht so gut aus wie Jonathan Franzen – aber ich bin weiser. Ich sehe aber besser aus als T. C. Boyle, weil der eine so entsetzliche Frisur hat. Das kann ich so sagen, weil er ein guter Freund ist.“ Und wieder ist da dieses verschmitzte Lächeln. Für eine Sekunde denkt man, mit diesem Ausdruck mag er als kleiner Junge seine Großeltern gleich für sich eingenommen haben, denen er in seiner heiter-melancholischen Erzählung „Das Glasauge“ ein so liebesvolles und berührendes literarisches Denkmal setzte.

Mit Mutterwitz und Melancholie

Und der begnadete Vorleser hat auch das Publikum längst für sich eingenommen, als er wenig später diese Geschichte aus den Nachkriegsjahren vorliest, die er in seinem ersten Erzählband „Der Gott hinter dem Fenster“ (Haymon-Verlag) veröffentlicht hat. Mit Mutterwitz und Melancholie erzählt er darin von einem Leben in Armut auf dem – enteigneten – Bauernhof seiner Großeltern zur Zeit der Sowjetischen Besatzungszone. Er lässt den Zuhörer tief eintauchen in die Atmosphäre dieses kammerspielartigen Stücks Kindheitsgeschichte: drei Menschen, ihr Alltag, ihr Glaube, ihre Geheimnisse und ihr Zusammenhalt, konzentriert in einem Zimmer, und ihr Blick auf ihre sich dramatisch veränderte Welt.

„Die schönste Jugend“

Dennoch eine Zeit, die trotz Armut in den Jahren 1945 bis 1949 rückblickend für Krüger „die schönste Jugend, die man erleben kann“, gewesen sei. Besonders einprägsam beschreibt er den Großvater, der traumatisiert von den Kriegserlebnissen „aufblühte“, so Krüger, wenn sein Enkel in seiner Nähe war. Der Enkel gab den Grund für den Großvater, warum es sich noch „lohnte“ zu leben. Von seinem Großvater habe er gelernt, ein Urteil zu haben, aber auch zu akzeptieren, dass keiner das Rechthaben für sich gepachtet hat, sagt Krüger. Er schärfte offenbar seinen Blick für die Natur, der seine Lyrik bis heute stark beeinflusst. Und ihr widmet sich der Schriftsteller nach der Erzählung.

Anekdotenreich und humorvoll versteht er auch hier, sein Publikum von Gedicht zu Gedicht durch seinen Band „Umstellung der Zeit“ (Suhrkamp-Verlag) zu leiten. Natürlich liest der Baum-Freund dann auch „Der Tod der Birke“ (2011). Die Themen Vergänglichkeit, Abschied, Tod durchziehen seine Naturlyrik in dem Band.

Anekdotenreich und humorvoll

Im Anschluss gibt der ehemalige jahrzehntelange Hanser-Verleger im launigen Gespräch mit Lennart Neuffer noch jede Menge Wissen über berühmte Autoren und den Literaturbetrieb preis. Dabei kommt ihm auch mal eine flapsig-derbe Bemerkung über einen Schriftstellerkollegen – wie die über Ilija Trojanows Handschrift – über die Lippen. Er darf das. Sie kennen ihn, und er kennt sie. Er hat sie fast alle ins Programm der Hanser-Literaturverlage gebracht oder ist mit ihnen befreundet. Etliche Literaturnobelpreisträger sind darunter. Mit genauso viel Leidenschaft wirft er sich beim Loben der Autoren ins Zeug, die er schätzt, Orhan Pamuk, Matthias Nawrat oder auch „John Le Carré – den habe ich auch mal verlegt. Ein sehr nobler Mensch.“ Nach gefühlt jedem Autorennamen fällt beiläufig sein lässiger Einschub „den habe ich auch mal verlegt“, der zum Running Gag wird.

Der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller ist eben auch ein Entertainer. So schenkte Michael Krüger der Buchhandlung zur Heide einen zweistündigen Abend von großem Unterhaltungs- und Erinnerungswert zur 300. „Littera“-Ausgabe.


Michael Krüger wurde 1943 in Wittgendorf/Sachsen geboren. Er lebte nach seiner Verlagsbuchhändler- und Buchdruckerlehre als Buchhändler für zwei Jahre in London. Als Literaturkritiker kehrte er zurück nach Deutschland, wo er zunächst als Verlagslektor beim Hanser Verlag in München einstieg. Später war er viele Jahre Geschäftsführer der Hanser Literaturverlage und Herausgeber der Literaturzeitschrift „Akzente“. Michael Krüger ist Schriftsteller und Übersetzer. Er ist Mitglied verschiedener Akademien. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt er den Peter-Huchel-Preis. Seit 2013 ist er Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

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