12.02.2016, 21:04 Uhr

Sport ist keine Frage des Alters Wie sich über 50-Jährige in Osnabrück fit halten


Osnabrück. Senioren, die Hanteln stemmen und sich beim Sport verausgaben – bis vor wenigen Jahren war das noch die absolute Ausnahme. Doch mittlerweile machen Fitnessstudios, Sportvereine und Bäder der Altersgruppe Ü-55 spezielle Angebote – die von den Osnabrückern gerne angenommen werden.

„Das sieht ja noch ziemlich entspannt aus!“ Reha-Trainer Manuel Kötter wundert sich sichtlich über seinen neuen Schützling. Denn Alex Rolf, der da in der Beinpresse sitzt und problemlos 90 Kilo stemmt, ist kein typischer Gast im Eurofit-Studio am Petersburger Wall. Rolf ist 65 Jahre alt und hält sich seit seiner Rente mit Sport in Schuss: „Für die Beweglichkeit, und um ein paar Kilos zu verlieren“, wie er sagt.

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An diesem Dienstagmorgen, pünktlich um sieben Uhr, bekommt Rolf einen neuen Trainingsplan. „Damit die Muskeln wieder neuen Reizen ausgesetzt werden“, erklärt Manuel Kötter. Er kümmert sich im Eurofit besonders um die Generation Ü-50. Denn er hat sich zum Reha-Trainer weiterbilden lassen und kann so auf die Bedürfnisse der Senioren eingehen. Alex Rolf zum Beispiel hatte zuletzt Probleme mit der rechten Schulter. „Der Orthopäde hat eine Operation vorgeschlagen, aber das wollte ich nicht. Also hat er mir ein paar Übungen aufgeschrieben.“ Jetzt, gut drei Monate später, sind die Beschwerden fast weg.

Nur beim sogenannten „vorgebeugten Seitheben“ bemerkt Rolf: „Das ist rechts noch etwas anstrengender als links.“ Mit geradem Rücken lehnt er den Oberkörper leicht nach vorn, in den Händen hält er zwei kurze Hantel, die er mit gestreckten Armen seitlich am Körper nach oben führen soll. Die Übung dient dazu, die Schultermuskulatur langsam wieder aufzubauen. Schon nach den ersten Übungen fällt Trainer Kötter auf: Ob Herz, Lunge, Rücken oder Gelenke – „Sie sind wirklich noch fit. Wir können also mehr im Freihantelbereich arbeiten.“

Selbsterfüllung ist wichtiger geworden

Senioren, die Gewichte stemmen – bis vor wenigen Jahren war das noch die absolute Ausnahme. „Heute gibt es mehr Menschen, die auch über das Arbeitsleben hinaus Lust an der Bewegung haben“, bestätigt Peter Elflein. Der Pädagoge leitet an der Universität Osnabrück den Arbeitsbereich für Sport und Gesundheit. Als Grund für die Entwicklung sieht er die Veränderungen in der modernen Gesellschaft: „Arbeit vereinnahmt die Menschen nicht mehr dermaßen. Selbsterfüllung und Selbsterlebnis werden wichtiger.“ Das gilt auch für Senioren.

Den Trend bekommt auch Franziska Baumann von der Bäderverwaltung der Stadtwerke Osnabrück zu spüren. Sie organisiert die verschiedenen Kurse in Nette-, Moskau- und Schinkelbad. Im Programm sind neben der klassischen Wassergymnastik auch „AquaRiding“ oder „AquaJogging“ – und auch einige Veranstaltungen speziell für die Altersgruppe ab 55. Fast alle Kurse sind ausgebucht. „Wir würden gerne noch mehr anbieten“, sagt Baumann. Aber die Wasserfläche ist knapp. Schon jetzt ist das Becken Nettebad manchmal nur zu einem Viertel für die Öffentlichkeit zugänglich.

Ramona Koch hat einen der begehrten Plätze beim „AquaRiding“ ergattert. Jeden Mittwochvormittag steigt sie im 30 Grad warmen Sportbecken auf das Wasserrad. Das Training dauert eine Stunde und ist eigentlich wie Fahrradfahren, „nur das man nicht umfallen kann“, sagt Koch. Die 59-Jährige muss nach Bandscheibenvorfall und Herzinfarkt sportlich etwas kürzer treten und ist überzeugt: „Schwimmen ist die beste Medizin, um wieder hoch zu kommen.“

Die älteste Teilnehmerin ist über 80

Wie ernst es ihr damit ist, zeigt Koch im Kurs. Zum Musikwunsch ABBA tritt sie in die Pedale, mal sitzend, mal stehend. Dazu kommen wechselnde Armbewegungen: „Treten, ziehen. Treten, ziehen“, feuert Trainerin Gisela Sambale ihre Gruppe zu Höchstleistungen an. Und das, obwohl die älteste Teilnehmerin über 80 Jahre alt ist. Große Schwünge sorgen „für ein schönes Dekolleté“ und kleine Kreise für „die schönsten Osnabrücker Arme“, ruft Sambale.

Dabei schaut sie immer in die Gesichter ihrer Teilnehmer, „um die richtige Belastung für die Senioren zu finden. Jeder darf hier so viel machen, wie er kann“, beschreibt die 58-jährige Aqua- Trainerin. Sie selbst flitzt während des Kurses unermüdlich um das Becken, macht jede Übung im Trockenen mit. Die Teilnehmer genießen die Vorteile des Wassers: „Man fühlt sich leicht, die Gelenke tun weniger weh. Gleichzeitig massiert das Wasser den Körper, das ist fast wie eine Lymphdrainage“, so Sambale.

Zum Abschluss des Kurses werden die geschundenen Muskeln gedehnt. Beide Füße auf den Lenker des Rades legen – für die Teilnehmer kein Problem. Ramona Koch steigt mit nassem Haar und roten Wangen aus dem Becken. Zur Entspannung gehen alle nach dem Sport gemeinsam in den Whirlpool und „dann schnacken wir und dann werden auch schon mal Backrezepte ausgetauscht“, berichtet sie lachend. Denn auch darum geht es den Senioren: In der Gruppe kommt man ins Gespräch. Die 75-jährige Ursel ergänzt: „Die meisten Senioren, die immer maulen, weil die Familie sie nicht besuchen kommt, kommen doch selbst nicht vom Fernsehsessel hoch.“

Eine ideale Freizeitgestaltung

Professor Peter Elflein kennt die unterschiedlichen Motive der sportlichen Senioren aus seiner eigenen Forschungspraxis: „Einige betreiben Sport vor allem zur Gesundheitsprävention“, etwa um Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Haltungsschäden vorzubeugen oder um sich von Krankheiten zu erholen. „Andere finden in der Bewegung eine Art Sinnerfüllung und durch die soziale Dimension auch ein psychisches Wohlbefinden“, berichtet Elflein. Nach seinem Verständnis fördert die ideale Freizeitgestaltung alle drei Bereiche der Gesundheit: die Psyche, den Körper und die sozialen Beziehungen.

Rentner Alex Rolf ist auch außerhalb des Fitnessstudios ziemlich aktiv. Seine Leidenschaft ist das Trike. Mit seinem geliebten Motorrad auf drei Rädern macht er gern spontane Touren. Wie zuletzt im Mai 2015, als er mit drei Freunden 15 Tage lang quer durch Deutschland gefahren ist: „Von Aschaffenburg bis Greifwald.“ Außerdem ist Rolf in der Altersabteilung der Freiwilligen Feuerwehr in Hagen aktiv und bessert seine Rente mit zwei Nebenjobs auf.

Studio bietet den „Ü-50-Tarif“ an

Um auch weiterhin fit für ein so aktives Leben zu sein, geht Rolf zwei Mal in der Woche ins Fitnessstudio. Normalerweise kommt auch Ehefrau Jutta mit – aber die hat sich im Haushalt einen Muskelfaserriss zugezogen. Beide haben im Eurofit den „Ü-50-Tarif“ gebucht. Damit können sie vormittags vergünstigt trainieren und jederzeit den Rat der Trainer in Anspruch nehmen. Auch die Trainingspläne werden individuell auf mögliche Einschränkungen abgestimmt.

„Wir werden gezielt auf diesen Tarif angesprochen“, sagt Studioleiterin Nicole Teichmann. Ursprünglich sei das Angebot in Zusammenarbeit mit einem nahegelegenen Seniorenheim erarbeitet worden. „Unsere älteren Mitglieder kommen gerne morgens, wenn es hier noch nicht so wuselig ist und wir viel Zeit für sie haben“, sagt Teichmann, „außerdem ist es gerade für Rentner auch eine Preisfrage.“ Der Ü-50 Tarif im Eurofit kostet 12,80 Euro im Monat und ist in dieser Form einzigartig in Osnabrück. Das Angebot scheint zu wirken: „Wir haben sogar einen 80-Jährigen, der fleißig Hanteln stemmt“, sagt Teichmann.

Irgendwann Ziele zurücknehmen

„Man findet immer mehr Menschen, die auch im höheren Alter noch aktiv sind“, bestätigt auch Sportwissenschaftler Peter Elflein. Er kennt Beispiele von 90-Jährigen, die noch an Wettkämpfen in der Leichtathletik teilnehmen. Doch die sieht er kritisch: Bewegung sei nicht per se gesundheitsfördernd. „Man kann sehr lange wettkampfmäßig trainieren“, sagt Elflein, „aber irgendwann muss man die Ziele zurücknehmen.“ Aus Joggen wird dann vielleicht Walken, aus Walken irgendwann Spazierengehen. „Diese Flexibilität ist denke ich eine wichtige Kompetenz für das Seniorenalter.“

Der 65-jährige Alex Rolf und sein Trainer Manuel Kötter sind mittlerweile bei der letzten Übung angekommen: Rolf soll einen langen Ausfallschritt machen, dann beide Knie bis auf 90 Grad beugen und dabei den Oberkörper nach links und rechts rotieren. Zum ersten Mal kommt der fitte Senior richtig ins Schwitzen: „Das ist schon etwas anstrengend.“ Aber genau so soll es sein: „Nicht zu viel Belastung, aber auch nicht zu wenig“, sagt Trainer Kötter. Und er hat gleich noch eine Herausforderung für Alex Rolf. Im Anschluss an das Krafttraining steht Ausdauertraining auf dem Programm. Aber anstatt wie gewohnt 20 Minuten Fahrrad zu fahren, soll Rolf dieses Mal das Laufband ausprobieren. „Nicht wirklich laufen, natürlich, sondern schnelles Gehen mit leichter Steigung“, sagt Kötter, „das verbrennt dann noch mal ein paar Kalorien mehr.“


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