09.02.2016, 07:04 Uhr

Ausnahmebewilligung nach zwölf Jahren Wie ein Friseur in Osnabrück um Anerkennung kämpft


Osnabrück. Raid Raslan ist Friseur bei „Oriental Hair Style“ am Klingensberg in Osnabrück. Seinen Meister hat er in Jordanien gemacht. Nun ist er auch in der deutschen Handwerksrolle eingetragen – nach zwölf Jahren und einem zähen Kampf.

Raid Raslan kommt aus dem Gazastreifen und ist Friseur. Da es „im Gazastreifen schwierig ist, eine Ausbildungsstelle zu finden“, so Raid Raslan, absolviert er die Ausbildung im Nachbarland Jordanien. Nach drei Jahren ist er Friseur, Mitglied der jordanischen Handelskammer und übt jahrelang seinen Beruf aus. Im Jahr 2003 flieht er vor Krieg und politischen Spannungen in seinem Heimatland und kommt nach Deutschland.

Zunächst: Praktikum

Angekommen in Deutschland, will er so schnell wie möglich in seinem erlernten Beruf weiterarbeiten. Er bemüht sich um einen Ausbildungsplatz. Doch das gestaltet sich schwierig. „Ich habe dann zunächst ein sechsmonatiges Praktikum in einem Friseurgeschäft gemacht“, erzählt Raslan, und sein Lächeln verschwindet für einen kurzen Moment aus seinem Gesicht. Immerhin hat Raslan ja bereits eine abgeschlossene Ausbildung. Zertifikate und Meisterbrief aus Jordanien werden von der zuständigen Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim aber nicht anerkannt. Warum, das weiß der 45-Jährige auch nicht genau. „Es gab keine richtige Begründung, einfach nur ein ‚Nein‘“. Also arbeitet er als einfacher Angestellter. Das sei wie ein Schlag ins Gesicht, so als sei die bislang geleistete Arbeit nichts wert, sagt Raslan und blickt auf die Zertifikate mit seinem Namen und seinem Abbild an der Wand des Frisörgeschäfts.

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Selbstständigkeit nur als Meister

Gerne würde er sich als Meister in die deutsche Handwerksrolle eintragen lassen. Die einzige Chance für den Frisör aus dem Gaza-Streifen: eine Ausnahmebewilligung. Raid Raslan gibt nicht auf, kämpft um die Anerkennung seiner Berufsausbildung. „Die Leute bei der Handwerkskammer waren nett zu mir, aber sie haben immer wieder nur auf Regeln und Gesetze hingewiesen“, erzählt der Vater von vier Kindern.

Handwerkskammer

Wann kann man überhaupt eine solche Ausnahmebewilligung erhalten? Das regelt Paragraf 8 der Handwerksordnung (HwO). „In diesem Fall liegt ein sogenannter Ausnahmefall vor“, erklärt Ortrud Lehmann von der zuständigen Handwerkskammer auf Nachfrage. Es müsste Berufserfahrung vorliegen und Fachprüfungen abgelegt werden. Raid Raslan arbeitet nun schon seit Jahren in Deutschland. „Man muss immer den Einzelfall bewerten“, sagt Ortrud Lehmann. Es müsse unter anderem sichergestellt werden, dass die gesamte Bandbreite des Berufs abgedeckt ist. Warum diese Prüfung bei Raslan so viele Jahre gedauert hat, ist Lehmann auch nicht ersichtlich.

Und die Zertifikate aus Jordanien, die Raslan vorweisen kann? Direkte Vergleiche mit deutschen Abschlüssen seien schwierig: „Für Nicht-EU-Bürger gibt es keine gesetzlichen Regelungen“, sagt Lehmann. Denn die Ausnahmebewilligung der Handwerkskammer fällt nicht unter das Anerkennungsverfahren ausländischer Berufsabschlüsse des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Die Mitarbeiter der Handwerkskammer müssten sich in diesen Fällen also genau erklären lassen, was die Person bereits gelernt und gearbeitet hat – und danach im Einzelfall entscheiden.

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Sachkundeprüfungen

Im vergangenen Jahr kann Raid Raslan endlich die Prüfungen der Handwerkskammer ablegen – und er besteht Theorie und Praxis. Im Oktober dann der Brief von der Handwerkskammer : Raslan erhält eine beschränkte und unbefristete Ausübungsbewilligung; „Ausnahmebewilligung“ prangt auf dem Schreiben. Die Beschränkung bezieht sich auf Herrenhaarschnitte. Auch wenn er in Jordanien regelmäßig Frauen frisiert hat, beschränkt sich Raslan in Osnabrück „der Einfachhalt halber“ auf männliche Kunden.

Einen Meisterbrief erhält der 45-Jährige nicht, er habe ja auch keine Berufsschule besucht oder eine Meisterprüfung abgelegt, gibt er zu. „Allerdings gibt es noch nicht einmal eine Urkunde über die bestandenen Sachkundeprüfungen.“

Nerven – und viel Geld

Der Kampf um Anerkennung hat den Friseur nicht nur Nerven gekostet. Die Sachkundeprüfung der Handwerkskammer hat 500 Euro gekostet, die Ausnahmebewilligung noch einmal schlappe 343,50 Euro. Aber resignieren? Raid Raslan wehrt ab: „Ich bin ein Kämpfer. Wenn jemand etwas gelernt oder studiert hat, sollte er den Beruf auch ausüben dürfen.“

Laut Jahresbericht 2014 der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim wurden 33 Ausnahmebewilligungen nach Paragraf 8 der HwO erteilt. Wie lange diese Verfahren gedauert haben, ist darin nicht ersichtlich.

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