20.01.2016, 17:33 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Wenn Glaube auf Politik trifft Film über die Osnabrücker „Lebensquelle“ polarisiert


Osnabrück. Dienstagabend ist der Dokumentarfilm des Osnabrücker Journalisten Marcel Trocoli Castro über den christlich-fundamentalistischen Verein „Lebensquelle“ gezeigt worden. Überraschend: Rund ein Drittel der 250 Zuschauer waren Anhänger der Freikirche. Die anschließende Podiumsdiskussion verlief zuweilen hitzig. Aufgrund des großen Interesses wird der Film am kommenden Montag um 18 Uhr erneut in der Lagerhalle gezeigt.

Die Einladung zur Filmpremiere des Vereins „Gay in May“, Trägerverein der schwul-lesbischen Kulturtage in Osnabrück, stößt auf immenses Interesse: Bereits eine halbe Stunde vor Beginn ist der Saal der Lagerhalle mit rund 250 Menschen voll besetzt, selbst Stehplätze gab es nicht mehr. Rund 150 wartenden Menschen musste der Einlass verwehrt werden. Womit wohl die Wenigsten gerechnet haben: Ein Drittel der Zuschauer sind Mitglieder des Vereins „Lebensquelle“. Das wird deutlich, als während einer im Film gezeigten Predigt Beifall im Osnabrücker Publikum aufkommt.

Verein als „Seelenfänger“

Der Dokumentar-Film „Seelenfänger Lebensquelle“ von Marcel Trocoli Castro ist das Ergebnis jahrelanger Recherche. Der Film schlägt den Bogen von der Osnabrücker „Lebensquelle“, einer Freikirche, die der Pfingst-Bewegung angehört, zu den weltweiten Strömungen dieser evangelikalen Fundamentalisten. Der Filmemacher lässt ehemalige Mitglieder der „Lebensquelle“ sprechen: Die Männer und Frauen sprechen von ihrer Sinnsuche, dem Halt-finden in der „Lebensquelle“ und dem sich langsam aufbauenden Druck durch die Gemeinde. Die Bibel sei das Gesetz gewesen, das Weltbild ganz klar: Schwarz und weiß, Gut und Böse.

Reaktionen aus dem Publikum beim Anblick des praktizierten Glaubens lassen nicht lange auf sich warten: ungläubiges Gelächter, Zwischenrufe, Buh-Rufe. Bei Berichten über die Austreibung von Homosexualität durch Ölungen, Eheberatungskurse der „Lebensquelle“, wundersame Heilungen durch Handauflegen und Drogensuchtbekämpfung durch Beten werden viele Zuschauer laut, die Stimmung ist aufgeheizt.

Mitschnitte von Gottesdiensten der Freikirche zeigen Gemeindemitglieder, Erwachsene wie Kinder, in Ekstase, krampfend, in fremden Zungen sprechend und hysterisch lachend: Der Heilige Geist fahre in den Körper, sagen die Pfingstler, „das grenzt an Gehirnwäsche“, ordnet es Trocoli Castro im Film ein.

Wunder Punkt Güterbahnhof

Ebenfalls großes Thema des Films: der Güterbahnhof. Von Mitgliedern der „Lebensquelle“ erworben, soll er nach den Vorstellungen der Freikirche bald Zentrum ihres Glaubens werden – das wiederum ist der Stadtverwaltung und Kulturschaffenden ein Dorn im Auge.

In der anschließenden Podiumsdiskussion kommen die Ratsmitglieder Michael Hagedorn (Grüne), Fritz Brickwedde (CDU), Christopher Cheesemann (ehemals Linke), Frank Henning (SPD), Wulf-Siegmar Mierke (UWG/Piraten), Thomas Thiele (FDP), Michael Florysiak (DMD) zu Wort. Die ersten Fragen richten sich an den Jugendpastor der Lebensquelle, Artur Warkentin, der sich kurzfristig zur Diskussion dazugesellt. „Fühlen Sie sich durch die Bilder der Gottesdienste korrekt dargestellt?“, fragt NOZ-Redakteur Wilfried Hinrichs, der die Veranstaltung moderiert. Warkentin, bemüht, nicht die falschen Worte zu wählen, bezeichnete die Bilder als „korrekt“, er wolle nichts schönreden. „Wir leben die Bibel aus.“ Auch Wunderheilungen habe er am eigenen Körper erfahren.

Brickwedde: Film ist tendenziös

Fritz Brickwedde auf die Frage, ob er die Gegebenheiten in der Freikirche toleriert: “Es gibt auch viele Menschen die nach Lourdes pilgern und dort geheilt wurden. Man kann das als Hokus Pokus bezeichnen, man muss es nicht teilen und man muss es nicht glauben, aber in einer freien Gesellschaft sollte man das respektieren.“ Michael Hagedorn greift das auf: „Es kann nicht sein, dass die ‚Lebensquelle‘ für sich Toleranz einfordert und gleichzeitig alles außerhalb ihrer Gemeinde verteufelt.“ Die Mehrheit des Publikums scheint auf seiner Seite. Brickwedde bemängelt die sprachliche Einflussnahme im Film; er sei „tendenziös“. Das Publikum quittiert diese Aussagen mit lautstarker Kritik – und Beifall.

Wulf-Siegmar Mierke und Christopher Cheesemann teilen die Ansicht, dass der Güterbahnhof der falsche Ort für die „Lebensquelle“ sei: „Die Dämonen der falschen Ratbeschlüsse holen uns ein“, so Mierke. „Auf dem Gelände des Güterbahnhofes müssen kulturelle Impulse gesetzt werden“, sagte Cheesemann. Mehr noch: „Alle Kirchen mit patriarchalischem Monotheismus sind latent intolerant.“ Intoleranz will sich Warkentin nicht vorwerfen lassen: „Wenn Arbeitskollegen Hilfe brauchen, bete ich für sie.“

Toleranz und Dialog

Quintessenz des Abends: Die Redner betonten in ihren jeweiligen Schlussplädoyers, dass es ohne Kompromisse auf beiden Seiten zu einer Blockade auf dem Gelände des Bahnhofs kommen wird. Toleranz, Integration und ein Dialog ohne Polemik müsse Teil der Lösung sein.


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