19.01.2016, 21:47 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Ein Wohnungsloser erzählt Keiner muss in Osnabrück auf der Straße schlafen

Auch in Osnabrück gibt es Wohnungslose. Bei Minustemperaturen draußen übernachten müssen sie nicht – das Laurentiushaus weist in diesen Tagen keinen ab. Foto: Archiv/GründelAuch in Osnabrück gibt es Wohnungslose. Bei Minustemperaturen draußen übernachten müssen sie nicht – das Laurentiushaus weist in diesen Tagen keinen ab. Foto: Archiv/Gründel

Osnabrück. Bei Dauerfrost haben es die Wohnungslosen in Osnabrück derzeit besonders schwer. Im Laurentiushaus werde derzeit niemand abgewiesen, betonte Thomas Kater von der Wohnungslosenhilfe. Aber nicht alle wollen dort hin, wie Rocky.

Nein, schön ist das Leben auch ohne Frost nicht für Rocky (Name geändert). Seit fast zwei Jahren, nach der Trennung von seiner Frau, lebt der 40-Jährige auf der Straße. Jetzt, bei nächtlichen Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt, kann er sein Lager in der Garage eines Bekannten aufschlagen. Aber die ist nicht beheizt, feucht und kalt.

Duschen in der Wärmestube

Ein normaler, nicht winterfester Schlafsack, eine Isomatte, zwei Decken und ein Kopfkissen gehören zu Rockys Ausrüstung. Seine Klamotten sind ewig klamm. Deshalb verlässt er in diesen Tagen seine Schlafstatt gegen 6 Uhr morgens. In der Wärmestube gibt es nach Rockys Auskunft schon vor der offiziellen Öffnung um 7 Uhr einen Kaffee. Duschen kann er dort und seine Wäsche waschen. Auch Kleidung bekommt er dort. Schwierig wird es allerdings bei Schuhen: Rocky trägt Größe 47/48. In diesen Tagen sind nach seiner Schätzung täglich 80 bis 90 Besucher im Kloster: „Die Schwestern tun viel für uns.“

Treffen an der „Ostfront“

Nachmittags, wenn die Wärmestube im Franziskanerkloster schließt, trifft sich Rocky mit einigen Kumpeln an der „Ostfront“. So wird der überdachte Platz vor einem Einkaufszentrum an der Bramscher Straße intern genannt. „Ein bisschen reden“, sagt Rocky. Nicht alle, die sich dort aufhalten, sind wohnungslos. Einige haben ein Dach über dem Kopf , treffen aber gerne alte Kumpel. Bei einem von ihnen konnte Rocky auch eine der eiskalten Nächte verbringen. Aus Angst davor, Ärger mit dem Vermieter zu bekommen, blieb es bei einem Mal.

In der Runde werde auch Alkohol konsumiert. „Aber ohne mich“, sagt Rocky. Er will keinen Sprit mehr anfassen. Auf dem Weg zum alkoholfreien Leben habe ihm zuletzt der Knastaufenthalt geholfen. Zweieinhalb Monate hat er gesessen, weil er eine Geldstrafe nicht bezahlen konnte. Was hat er angestellt? „Irgendwas mit Beleidigung“, meint Rocky, jedenfalls nichts Schlimmes oder Gewalttätiges.

Gute Zeit im Knast

Eigentlich hat es ihm im Gefängnis gut gefallen: Er hatte es warm, konnte regelmäßig arbeiten und auch die Freizeit sinnvoll nutzen. Deshalb war er nicht direkt glücklich darüber, als er am 21. Dezember entlassen wurde.“Ich hab noch gefragt, ob ich nicht über Weihnachten bleiben könnte“, erzählt er. „Das ging aber nicht.“ Und so ganz ernst habe er es nicht gemeint, als er zwei Polizisten fragte: „Muss ich euch erst einen in die Fresse hauen, damit ich wieder in den Knast komme?“ Die Polizisten hätten es auch als Scherz aufgefasst.

Antrag auf Hartz IV läuft

Und so saß er Weihnachten wieder auf der Straße, wurde am Tag der Entlassung auch noch beklaut, als er an einer Bushaltestelle eingeschlafen war. Schon vor dem Gefängnisaufenthalt sei ihm sein Handy gestohlen worden. Zu seinen Eltern will er nicht, seine Schwester wohnt nicht in Osnabrück, seine Frau will ihn nicht sehen und will auch nicht, dass er die Kinder trifft. Das wäre ihm selbst in seiner derzeitigen Situation auch nicht recht. Die Kinder sollen ihn nicht so sehen. Deshalb hat er sich jetzt bei der SKM-Wohnungslosenhilfe beraten lassen. Die Anträge auch Hartz IV seien so gut wie fertig.

Wunsch: Ein vernünftiges Leben

Was wünscht er sich? „Eine Wohnung und ein vernünftiges Leben“, antwortet Rocky wie aus der Pistole geschossen. Mit einem festen Wohnsitz kann er sich wieder eine Arbeit suchen. Berufskraftfahrer ist er. Ein Stellenangebot im Ruhrgebiet wollte er nicht annehmen: „Ich will nicht so weit weg, weil ich mich um meine Kinder kümmern möchte.“

Wegen seiner Kinder hat er auch vor geraumer Zeit Ärger im Laurentiushaus bekommen. In dem Heim für Wohnungslose lebte er anfangs, als seine Frau ihn rausgeschmissen hatte. Seinen Zuverdienst von 450 Euro im Monat habe er nach einigen Monaten nicht mehr an die Einrichtung abgetreten. „Ich wollte meinen Kindern doch was bieten.“ Er musste die Einrichtung verlassen und will nun auch trotz der frostigen Nächte auch nicht mehr zurück.

„Für Rocky gibt es kein Aufenthaltsverbot im Laurentiushaus “, sagt Thomas Kater. Unabhängig von persönlichen oder finanziellen Unstimmigkeiten werde in diesen kalten Nächten niemand abgewiesen, der Einlass begehrt.


Die Wohnungslosenhilfe der Sozialen Dienste SKM kennen fast alle Wohnungslosen in Osnabrück. Die Zahl der Menschen ohne ein eigenes Dach über dem Kopf ist nach Auskunft der Fachleute in den vergangenen Jahren auf mehr als 100 Personen abgestiegen. In den kalten Nächten kämen viele von ihnen vorübergehend bei Freunden und Bekannter unter. Dazu werde im Laurentiushaus in der Berghoffstraße kein Mensch in Not abgewiesen.

Einige der Betroffenen seien nicht dazu zu bewegen, in die Unterkunft zu ziehen, bedauert Kater. Die Mitarbeiter bemühten sich aber um jeden Einzelnen. Osnabrücker, die einen Wohnungslosen sehen, der auf der Straße übernachtet, werden gebeten, sich zu melden: in der Tageswohnung unter Telefon 0541/33035-0 oder direkt im Laurentiushaus, Telefon 0541/96234-0.

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