09.01.2016, 06:17 Uhr

Drei Spielsüchtige berichten Osnabrücker mit 17 schon Stammgast in der Spielothek


Osnabrück. Glücksspielsucht bleibt oft verborgen. Automatenspieler nutzen den geschützten Raum einer Spielothek – anonym und unkontrolliert. Drei Betroffene aus Osnabrück wagen nun den Schritt an die Öffentlichkeit. Sie berichten von ihrem Absturz in die Sucht, von Schulden, Schicksalsschlägen und dem Ende ihrer Spielerkarriere.

Max (24), Elisabeth (51) und Heinz (43) verbindet ihr Schicksal: Sie sind glückspielsüchtig. In der Suchtberatungsstelle der Diakonie in Osnabrück berichten sie davon, wie sie mit der Hilfe von Melanie Schubert, Sozialpädagogin und Suchttherapeutin beim Diakonischen Werk, der Anziehungskraft der Automaten entkamen.

Schubert bittet die drei in den Beratungsraum im Obergeschoss. Dieser ähnelt einem Wohnzimmer, ist hell und gemütlich eingerichtet. Ihre Klienten nehmen auf einem braunen Stoffsofa und Sesseln Platz. Alle wirken angespannt, spielen mit ihren Zigarettenschachteln oder klammern sich an ihre Kaffeetassen. Sich an die Öffentlichkeit zu wenden, kostet sie Überwindung. Doch mit ihrer Offenheit wollen sie andere Spieler zum Gang in die Beratungsstelle motivieren.

Drei Spieler, drei Schicksale

Noch vor zwei Jahren führte Max ein Doppelleben. Er war Stammgast in den Spielotheken Osnabrücks. Ein Kumpel hatte ihn irgendwann mal mitgenommen. Damals war er noch keine 18 Jahre alt. Am Eingang kontrolliert wurde er nicht. „Am Anfang ging es um kleine Cent-Beträge. Dann hat man mal fünf oder zehn Euro gewonnen. Dann dachte ich: Ist doch eine gute Kapitalanlage – warum also nicht mehr investieren.“ Danach habe sich seine Spielsucht verselbstständigt. Oft habe er „das komplette Monatsgehalt auf den Kopf gehauen“.

(Weiterlesen: Caritas informiert über Glücksspielsucht)

Er ließ sich Ausreden einfallen, um an Geld zu kommen: „Ich hab beispielsweise vier Mal neue Zähne bekommen, um Geld von meiner Familie zu erhalten. In Wahrheit habe ich aber noch meine richtigen Zähne.“ Heute ist sein Leben anders. Max hat im vergangenen Jahr seine Ausbildung beendet, arbeitet als Angestellter und führt eine glückliche Beziehung.

„Keine Arbeit, Langeweile“

Elisabeth kam durch ihren ersten Mann in Kontakt mit den Automaten. „Den habe ich häufig aus der Spielhalle geholt“, sagt sie. Ihre Spielsucht begann jedoch erst Jahre später. Der Grund: „Keine Arbeit, Langeweile.“ Die Folgen waren dramatisch – vor allem für ihre Familie: „Ich habe beim Einkauf gespart, habe nur das Billigste vom Billigen gekauft. Ich habe überall versucht, Geld herzukriegen und habe auch Geld von meiner Tochter genommen“, sagt sie mit Tränen in den Augen. (Kommentar: Mit Mut zur Selbsterkenntnis)

Stammgast mit 17 Jahren

Eher sachlich berichtet Heinz von seiner Spielsucht. „Ich war mit 17 schon Stammgast in der Spielothek“, sagt der 43-Jährige. Zehn Jahre lang trifft er dort ehemalige Schulfreunde – bis zu seiner Heirat. Dann hört er auf. Aber nur vorübergehend: Nach seiner Scheidung wird er wieder aktiv – „viel schlimmer, viel intensiver.“ Sein Angestelltengehalt sei innerhalb von drei Tagen weg gewesen. „Ich wusste weder ein noch aus.“ (Mehr: Glücksspielsucht ist eine Krankheit)

Unauffällige Sucht

Wie Max und Elisabeth suchte er deshalb die Suchtberatungsstelle in Osnabrück auf und ließ sich von Melanie Schubert beraten. Die Therapeutin ist stolz angesichts des mutigen Schrittes ihrer Klienten, öffentlich über die Sucht zu sprechen. Aufklärung sei wichtig, denn: „Glücksspiel kann jeden treffen. Es geht durch alle Berufsschichten, alle Altersklassen“, sagt sie. Glücksspiel sei eine unauffällige Sucht – anders als bei Alkohol und Drogen. „Die Menschen führen ein Doppelleben und funktionieren nach außen hin meistens gut.“

Laut der aktuellen Statistik der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Jahr 2014 haben in Deutschland etwa 1,5 Prozent der Bürger zwischen 16 und 65 Jahren glücksspielsuchtbezogene Probleme. Hochgerechnet sind das 811000 Menschen – davon allein knapp 76000 in Niedersachsen.

Ungefähr 80 Prozent ihrer Klienten seien Männer, sagt Schubert. Doch der Anteil der Frauen steige an. Zudem würden die Betroffenen immer jünger. „Die Anfragen an die Suchtberatungsstelle haben in den letzten 15 Jahren rapide zugenommen hier in Osnabrück“, sagt sie. Die Therapeutin spricht von einem Einstiegsalter von 13 Jahren. „Dann kommen Jugendliche zum ersten Mal in Kontakt mit Rubbellosen, Poker oder Fußballwetten.“

In Osnabrück stünden fast überall Automaten herum, ergänzt Schubert – die Versuchung sei groß. In der Stadt gibt es laut dem Pressesprecher Osnabrücks, Sven Jürgensen, aktuell 1059 Glücksspielgeräte. Etwa neun von zehn Automaten stehen in Spielhallen, der Rest in Gaststätten oder Vereinsheimen.

(Weiterlesen: Glücksspielgruppe Gauselmann wächst auch im Ausland)

Spielhalle als Zuhause

Max ging täglich spielen. „Ich habe die Arbeit verlassen und mich krank gemeldet, um spielen zu gehen“, sagt er. Die Automaten gaben ihm Halt. „Die blinkenden Lichter und die Musik in der ständigen Dunkelheit: Das hat mich alles fasziniert und angezogen.“ Die Spielhalle war sein Zuhause. „Ich kannte das Personal, wurde begrüßt und nett umsorgt. Es wurde für mein leibliches Wohl gesorgt – für Essen, Trinken, Zigaretten.“

Genau hier sieht Therapeutin Schubert eines der größten Probleme: „Es ist wichtig, mehr für den Spielerschutz zu tun. Die Spielotheken machen das meiste Geld mit Süchtigen“, sagt sie. In Hessen etwa könnten diese sich selbst sperren lassen (siehe Infobox). Schubert ergänzt: „Die Sperrungen bei staatlichen Anbietern sehen wir als Hilfe an.“ Sie fordert zudem eine Eingrenzung der Spielstätten.

Aber die Städte verdienen gut am Glücksspiel. Osnabrück belegt die Automaten seit 2015 mit einem Steuersatz von 20 Prozent des Einspielergebnisses. Im vergangenen Jahr nahm die Stadt laut Jürgensen so etwa 5,28 Millionen Euro ein. (Mehr: Papenburg erhöht Steuern für Glücksspielbetrieb)

„Glücksgefühle, die ich im Alltag nicht hatte“

Während seiner Sucht war Max nach eigenen Angaben oft aggressiv, hatte Depressionen. Beim Spielen spürte er hingegen einen Rausch. „Das war ein Kick. Der Puls war auf 200, und ich war total euphorisch. Das waren richtige Glücksgefühle, die ich im Alltag nicht hatte.“ Ähnlich erging es Heinz. „Ich arbeite in drei Schichten und habe meine Spielzeit dadurch verlängert, dass ich halt nicht mehr geschlafen habe – maximal noch drei Stunden am Tag.“ Die Arbeit sei eine unangenehme Unterbrechung gewesen.

200.000 Euro verspielt

Die Beratungsstelle in Osnabrück hilft laut Schubert dabei, diesem Teufelskreis zu entfliehen. „Hier in der Diakonie findet das erste Gespräch statt – anonym und vertraulich“, sagt sie. Zusammen mit den Therapeuten werde geplant, welche Behandlungsmöglichkeiten es gebe: stationär oder ambulant. „Dabei wird auch der Alltag trainiert: Wie gehe ich mit Geld um oder wie gehe ich an Spielstätten vorbei.“ Die Suchtberatungsstelle bietet zudem Kontakt zu Schuldnerberatern an. Durch seine Spielsucht hat Max 4000 Euro Schulden bei seinen Eltern, Elisabeth hat Strom- und Mietschulden, und Heinz hat nach eigenen Angaben „200000 Euro im Automaten verspielt“.

Glücksspiel stets präsent

In den Selbsthilfegruppen für Glücksspieler in Osnabrück tauschen sich die Betroffenen aus. Dort sprechen sie auch von den Versuchungen, die soziale Medien wie Facebook oder WhatsApp an sie herantragen. „Ich wurde per WhatsApp-Nachricht zum Online-Casino eingeladen. Da war ich platt“, sagt Heinz wütend. Auch Max regt sich auf: „Bei Facebook bekomme ich nur Angebote, dieses oder jenes Spiel zu spielen.“ Das rufe bei ihm Erinnerungen an seine Zeit als Spieler hervor: „Damals habe ich alles, was ich am Automaten gespielt habe, auch auf dem Handy gehabt.“

(Weiterlesen: EU will mehr Beschränkungen für Online-Casinos)

Heute sind Max, Elisabeth und Heinz spielfrei. „Ich gehöre wieder dazu, bin ausgeglichener und lebenslustiger“, sagt Elisabeth. Max Lebensqualität hat sich nach eigenen Angaben deutlich erhöht, „es geht mir psychisch besser, und ich habe natürlich auch viel mehr Geld zur Verfügung.“ Heinz hatte während seiner Therapie drei Rückfälle. „Seitdem bin ich aber spielfrei“, sagt er. Lange war er zufrieden. Im Augenblick sei es emotional aber sehr schwierig. „Die Verführung ist immer präsent“, sagt seine Therapeutin.

(Auf Wunsch der Betroffenen haben wir ihre Namen geändert.)


Selbstsperre in Spielhallen

Eine Selbstsperre in Spielhallen sehen Betroffene und Therapeuten als wichtige Maßnahme gegen Glücksspielsucht an. Zwar besteht in Niedersachsen die Möglichkeit, sich bei einzelnen Spielotheken, Spielbanken oder Lotterien sperren zu lassen. Ein zentrales Register wie in Hessen gibt es hierzulande jedoch nicht. Einige Anbieter vergeben auf Wunsch und mit der Begründung einer Glücksspielsucht jedoch freiwillige Hausverbote.

Eine derartige Sperre kann auf eigene Initiative des Spielers erfolgen (Selbstsperre) oder durch Personal der Einrichtung sowie Dritte erfolgen. Unter gewissen Voraussetzungen, etwa eine Gefahr der Spielsucht oder der Überschuldung, können auch Angehörige Sperren beantragen. Damit Spielersperren auch wirksam sind, gibt es in den Spielbanken Zugangskontrollen. Bei Sportwetten oder Lotterien mit besonderem Gefährdungspotenzial müssen sich Spieler ausweisen, für die Teilnahme an Online- Angeboten müssen sie sich registrieren lassen. Die Sperre eines Spielers hat mindestens ein Jahr Bestand.

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