26.06.2009, 22:00 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Hinter dem Rücken wird immer noch getuschelt

Durch das Internet ist der Austausch leichter geworden. Viele lesbische Frauen treffen sich auf www.lesarion.de. Fotos: Gert WestdörpDurch das Internet ist der Austausch leichter geworden. Viele lesbische Frauen treffen sich auf www.lesarion.de. Fotos: Gert Westdörp

Die erste Idee, dass „es so sein könnte“, hatte er mit 21 Jahren. Da spürte er plötzlich Schmetterlinge im Bauch, als er sich mit einem schwulen Pärchen anfreundete. So richtig hatte er sich mit dem Thema nie beschäftigt. Und dann verliebte er sich. In einen Mann.

„Ich kannte nur das typische Klischee von Schwulen, und damit konnte ich mich überhaupt nicht identifizieren“, erzählt Marc Langer heute. Zwei Jahre glaubte er nicht, dass er wirklich homosexuell ist. „Ich habe dann abgewartet, ob ich mich noch einmal richtig verliebe, und mich gefragt, wer es dann sein würde: ein Mann oder eine Frau“, erinnert sich der 29-Jährige.

Es war ein Mann, und es passierte 2004. Marc verliebte sich so heftig in einen Mitstudenten, dass er es nicht länger verleugnen konnte – und wollte. Er outete sich relativ schnell, innerhalb eines halben Jahres wussten viele seiner Mitstudenten Bescheid. Großen Gegenwind hat er nicht gespürt: Seine Eltern akzeptierten seine Homosexualität rasch und hatten keine Berührungsängste. „Für viele Mitstudenten wurde ich dadurch erst richtig interessant“, erzählt Langer.

Er wurde aktiv, gründete einen Stammtisch für schwule und bisexuelle Männer – der früher „Rosa Panther“ hieß und sich heute „Ufer-los“ nennt – um Gleichgesinnte kennenzulernen. Er engagierte sich im Verein „Gay in May“, gestaltete zuerst dessen Internetauftritt mit und ist heute Vorsitzender. Er informiert in Schulen und Initiativen über das „Schwulsein“. Und er ist froh, dass er seinen Weg so offen gegangen ist. „Das Coming-out war für mich ein Schritt aus der Verschlossenheit und der Schüchternheit raus ins Leben und zu mehr Selbstbewusstsein“, sagt der 29-Jährige.

Ein jahrelanger Kampf

Bei Jens Goldenstein war das anders. Er merkte Ende 1986, dass ihn Männer mehr reizen als Frauen. Ein großer Schock für den Jugendlichen, es begann ein jahrelanger Kampf. „Ich hatte den Eindruck, ich wäre mit wenigen Personen auf der ganzen Welt allein“, erinnert er sich. „Selbstmord war damals schon eine Alternative. Ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, dass meine Liebe falsch ist.“ Damals war er 17 Jahre alt und lebte in einer Kleinstadt, in der das Bekenntnis zu Homosexualität undenkbar war.

Kontakte und Austausch mit anderen Schwulen per Internet, öffentliche Akzeptanz, große Partys für Homosexuelle – all das gab es vor 20 Jahren noch nicht. Damals habe die schwule Szene sich versteckt und Partys mit 150 Leuten in kleinen Läden gefeiert, in denen man erst „an einer Stahltür klingeln musste, um eingelassen zu werden“, erzählt Goldenstein.

Er wusste nicht, wie er mit seiner Sexualität umgehen sollte, und suchte in der Bibliothek nach Informationen zum Thema. „Ich habe nur tiefenpsychologische Werke darüber gefunden, wie man sich das abtrainiert“, erinnert er sich. Schließlich fand er in einem Buch einen handschriftlichen Hinweis auf eine Coming-out-Gruppe in Osnabrück – und damit auch Gleichgesinnte.

Als er seinem besten Freund schließlich offenbarte, dass er schwul ist, antwortete der, dass sich das wohl nicht ändern ließe – und dass es okay sei, solange er es nicht auslebte. „Ich habe elf Jahre in der Szene gelebt, bis ich in der Lage war, mit einem Mann eine feste Partnerschaft einzugehen“, sagt der 40-Jährige.

Heute ist das Coming-out nicht mehr so schwierig, Schwule und Lesben sind gesellschaftlich vielerorts akzeptiert. Seit Mitte der Neunzigerjahre etwa hat sich das Blatt gewendet, auch in Osnabrück. Die Homosexuellen sind keine kleine Randgruppe mehr. „Heute ist es fast modern, schwul zu sein“, meint Goldenstein und hat seine Einstellung zu seiner Homosexualität längst geändert. „Ich binde es niemandem auf die Nase. Aber wenn das Gespräch drauf kommt, werde ich nicht mehr lügen.

Gerade in ländlichen und konservativen Gegenden ist der offene und tolerante Umgang mit Homosexualität noch nicht an der Tagesordnung – diese Erfahrung hat Bettina Paul gemacht. Sie wurde im Raum Cloppenburg groß und merkte erst mit Anfang 30, dass sie lesbisch ist. „Ich wusste irgendwann, dass etwas in meinem Leben fehlt, etwas ganz Essenzielles. Ich wusste nur nicht, was“, erzählt sie.

Zu diesem Zeitpunkt war sie mit einem Mann verheiratet, hatte zwei Töchter und wollte sich nicht eingestehen, dass sie eher Frauen als Männern hinterherschaute. „Sich in ländlichen Bezügen zu outen ist sehr schwer. Ich bin sehr konservativ aufgewachsen. Da war der Tenor immer: Homosexualität ist bäh“, sagt sie. Sie wollte sich unbedingt wieder in einen Mann verlieben. Lange haderte sie mit sich. Doch schließlich machte sie ihre Homosexualität öffentlich. „Das war wie eine zweite Geburt. Ich hab’s überall rausposaunt, weil ich so glücklich war, und ich hatte dadurch auf einmal total viel Energie“, sagt sie heute.

Und die brauchte sie auch. Ihr Mann blieb fair, aber ihre Eltern hatten ein Problem mit ihrer Homosexualität, und ihr jüngeres Kind stellte sich jahrelang quer. „Meine Töchter haben viel aushalten müssen mit einer lesbischen Mutter“, weiß Paul.

„Auf einmal war alles da“

Sie überlegte sogar, aus ihrem Heimatort wegzuziehen, nach Oldenburg, wo Homosexuelle schon lange offener leben können als auf dem Land. Doch wegen ihrer Töchter blieb sie. „Für mich war nichts da, ich habe mich oft allein gefühlt“, blickt sie zurück. Heute verstehen beide Kinder, wie wichtig ihr Outing war. Zwischendurch hatte sie eine Beziehung mit einer Frau, die ihre Homosexualität jedoch nicht offen auslebte. Daran zerbrach die Partnerschaft nach sechs Jahren. Eins jedoch zeigte ihr die Beziehung: „Das hat sich völlig rund angefühlt. Bei Männern hatte mir immer etwas gefehlt, aber auf einmal war alles da“, so die 45-Jährige.

Zwischenzeitlich wurde Bettina Paul aktiv. In Oldenburg gründete sie eine Outing-Gruppe und traf Frauen, denen es ging wie ihr. Vor dreieinhalb Jahren zog sie für einen neuen Job nach Osnabrück. Auch hier ist sie für die lesbischen Frauen aktiv, nimmt an einem Stammtisch teil, engagiert sich bei Gay in May und singt in einem Chor „für Frauen und Lesben“. „Ich finde, Frauen, die sich nicht trauen, nach außen zu gehen, nehmen sich ein Riesenstück Lebensqualität“, sagt Paul.

Sie und ihre Freundin wurden nur einmal öffentlich angefeindet. Aus Erfahrung weiß sie aber, dass viele Frauen, die ihre Homosexualität offen ausleben, größere Probleme haben. „Das ist immer noch ein Thema, das die Menschen reizt und Unverständnis hervorbringt“, sagt sie und fragt sich: „Wovor haben die Leute Angst?“ In der Jugendarbeit muss ihrer Meinung nach noch einiges passieren. Sie fordert eine Anlaufstelle für junge Homosexuelle. „Auch in den Medien muss das Thema selbstverständlich in den Köpfen verankert werden“, findet Paul.

Einen großen Schritt in die Öffentlichkeit haben Guido Watzlaw und Rolf Schink gewagt: Als sich das schwule Paar beruflich neu orientieren wollte, kam ihm die Idee zu einem Szene-Café, dem Larimar. „Ich komme aus Hannover und habe mich immer gewundert, dass es hier nichts gibt, wo man mal einen Café trinken gehen kann – ganz normal, ohne das schwule Klischee“, erzählt Watzlaw.

Als sie bei verschiedenen Banken vorsprachen, wollte ihnen zunächst keine Geld geben. Als sie aber einen Businessplan vorlegten und offenbarten, dass vor allem Schwule und Lesben ihr Zielpublikum seien, boten acht Institute sofort einen Kredit an. „Unser Konzept ist aufgegangen“, wissen beide heute.

„Immer offen für Tim und Tom, Bine und Babsy und Paula und Paul“ heißt es nun zwischen selbst gemachten Torten und Suppen in der Speisekarte. Seit August sind die Türen geöffnet, den Kunden gefällt es. Homosexuelle Stammtische haben ihren Raum im Café Larimar gefunden, aber auch Heterosexuelle fühlen sich dort wohl. „Ich fühl mich jetzt auch nicht, als hätte ich einen Stempel mit der Aufschrift ‚schwul‘ auf der Stirn. Wir sind ganz normale Menschen“, betont Watzlaw.

Mit Steinen beworfen

Ein wenig Bedenken hatten sie vor der Eröffnung trotzdem. „Osnabrück tickt anders“, findet Watzlaw. „Schon als schwules Paar hier eine Wohnung zu finden war katastrophal.“ Sein Partner hatte früher sogar noch schlimmere Erfahrungen gemacht: „Das erste Mal, als ich hier Hand in Hand mit einem Mann durch die Stadt gelaufen bin, wurden wir mit Steinen beworfen. So was vergisst man nicht“, sagt Schink. Das ist jetzt zwar 25 Jahre her, doch die Angst bleibt im Hinterkopf. Die beiden wollen ein familiäres Lokal für jedermann bieten. „Für uns zählt immer erstmal der Mensch und nicht seine Sexualität“, sagt Watzlaw.

Für Homosexuelle hat sich in Osnabrück schon viel getan. Echte Gleichstellung ist aber noch nicht erreicht. Für viele sind Schwule und Lesben nicht normal. Wenn Schwule und Lesben nach wie vor darüber nachdenken müssen, ob sie mit ihren Namen und Fotos in der Öffentlichkeit stehen wollen oder ob sich das zu ihrem Nachteil auswirken könnte, wird das einmal mehr deutlich. Sie alle wünschen sich, dass sie irgendwann mit ihrem Partner Hand in Hand durch die Stadt gehen und niemand mehr komisch guckt oder hinter ihrem Rücken tuschelt.


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