25.06.2015, 15:53 Uhr

Pilotprojekt mit der VG Wort Urheberrecht: Uni Osnabrück testet neuartige Vergütung

Bücherstapel statt E-Learning an den Hochschulen? So könnte es nach Meinung von Andreas Knaden, Geschäftsführer des Zentrums für virtuelle Lehre und Informationsmanagement an der Universität Osnabrück, wieder aussehen, wenn die VG Wort sich in einem Rechtsstreit mit den Ländern durchsetzt.Foto: Anne ReinertBücherstapel statt E-Learning an den Hochschulen? So könnte es nach Meinung von Andreas Knaden, Geschäftsführer des Zentrums für virtuelle Lehre und Informationsmanagement an der Universität Osnabrück, wieder aussehen, wenn die VG Wort sich in einem Rechtsstreit mit den Ländern durchsetzt.Foto: Anne Reinert

Osnabrück. Seit Jahren streiten Länder und VG Wort vor Gericht darüber, wie die Nutzung urheberrechtlich geschützter Werke im Intranet von Hochschulen künftig vergütet werden soll: pauschal oder einzeln? Die Universität Osnabrück hat jetzt offiziell die Probe aufs Exempel gemacht – mit einem für die Hochschulen besorgniserregenden Ergebnis.

Ist der gute, alte Semesterapparat in Gefahr? Generationen von Studenten eignen sich mit diesen Zusammenstellungen von Lehrmaterial Wissen an. Früher, in den analogen Zeiten, haben Dozenten diese Sammlungen für die Teilnehmer ihrer Lehrveranstaltungen in eigene Regale in der Universitätsbibliothek gestellt. Heute sind sie auf den digitalen Lernplattformen der Universitäten abzurufen. Doch der Umfang der Semesterapparate könnte deutlich schmaler werden, wenn ein Urteil des Bundesgerichtshofs vom 20. März 2013 umgesetzt wird. Das zeigt ein Pilotprojekt des Zentrums für Informationsmanagement und Virtuelle Lehre (Virtuos) der Universität Osnabrück .

Hintergrund ist Paragraf 52a des Urheberrechtsgesetzes, auch E-Learning-Paragraf genannt. Er regelt seit 2003, dass Bildungseinrichtungen kleine Textauszüge aus Büchern und Zeitschriften einem eingeschränkten Nutzerkreis elektronisch zur Verfügung stellen dürfen. Dafür zahlen die Länder bisher jährlich eine Pauschale an die Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort), die das Geld wiederum – ähnlich wie die Gema bei Musikern – an Autoren und Verlage ausschüttet. Laut einem Urteil des Bundesgerichtshofs von 2013 soll sich diese Praxis nun ändern. Demnach müssen Dozenten ab 2016  jeden einzelnen Textauszug der VG Wort melden.

Machbar, aber unrentabel

Sollte das Urteil in die Tat umgesetzt werden, würde das digitale Textangebot für Studenten deutlich schrumpfen. Das zeigt die bundesweit einmalige Untersuchung  der Universität Osnabrück, die sie im Auftrag der Kultusministerkonferenz durchgeführt hat. 

Ein halbes Jahr lang wurde im Wintersemester 2014/15 die Einzelerfassung im Lernmanagement-System der Universität Osnabrück (Studip) erprobt. Projektleiter Andreas Knaden, Geschäftsführer von Virtuos, und seine Mitarbeiter richteten eine Eingabemaske mit Schnittstelle zur VG Wort ein und überprüften so zwei Aspekte: Klappt die technische Umsetzung, Texte einzeln an die VG Wort zu melden? Und welche Auswirkungen hat der Mehraufwand?

Ergebnis: Technisch ist das Ganze machbar. Doch der Mehraufwand für die Dozenten hat zur Folge, dass wesentlich weniger Texte ins Studip gestellt wurden. „Pro Wintersemester sind es eigentlich 4000 Texte“, sagt Andreas Knaden. In der Testphase wurden dagegen nur 1000 Texte eingestellt, ein Viertel der sonstigen Menge. Die Hälfte der Dozenten verwies auf den Mehraufwand, der etwa durch die Eingabe von Autor, Titel, Verlag und ISBN-Nummer der Texte entsteht. Dazu kommt die Verunsicherung: Was ist eigentlich mit kleineren Textmengen gemeint? Wie lang dürfen Ausschnitte sein?

Rechtsstreit ruht

Leidtragende scheinen die Studenten zu sein. Denn anstatt die Lehrmaterialien direkt ins Intranet zu stellen, verteilten viele Dozenten nur noch Literaturlisten. Die Studenten mussten so in die Bibliothek gehen und sich die Stellen selbst aus den Büchern raussuchen. „Zwei Drittel haben gesagt, dass sie so deutlich mehr Aufwand haben“, berichtet Projektleiter Knaden. Dies bedeute starke Einbußen in der Qualität der Lehre und beim Service. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in die ‚Kreidezeit‘ zurückkehren.“ Auch Uni-Vizepräsidentin May-Britt Kallenrode findet den organisatorischen Aufwand für die Hochschulen „unangemessen hoch“. Er übersteige kostenmäßig den Betrag, der an die VG Wort überwiesen werden müsste. Ihr Fazit: „Für die Universitäten kann es keine Alternative zu einer Pauschalzahlung geben.“

Noch ist der umfassende Rechtsstreit zwischen VG Wort und den Ländern nicht entschieden. Der BGH hat ihn – wenngleich mit eindeutiger Stellungnahme in Sachen Vergütung durch Einzelerfassung – zur erneuten Verhandlung an das Oberlandesgericht München zurückverwiesen. Gegenwärtig ruht die Sache, und beide Parteien ringen um eine außergerichtliche Lösung.


Gesetz über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (Urheberrechtsgesetz)

§ 52a Öffentliche Zugänglichmachung für Unterricht und Forschung

(1) Zulässig ist,

1.

veröffentlichte kleine Teile eines Werkes, Werke geringen Umfangs sowie einzelne Beiträge aus Zeitungen oder Zeitschriften zur Veranschaulichung im Unterricht an Schulen, Hochschulen, nichtgewerblichen Einrichtungen der Aus- und Weiterbildung sowie an Einrichtungen der Berufsbildung ausschließlich für den bestimmt abgegrenzten Kreis von Unterrichtsteilnehmern oder

2.

veröffentlichte Teile eines Werkes, Werke geringen Umfangs sowie einzelne Beiträge aus Zeitungen oder Zeitschriften ausschließlich für einen bestimmt abgegrenzten Kreis von Personen für deren eigene wissenschaftliche Forschung

öffentlich zugänglich zu machen, soweit dies zu dem jeweiligen Zweck geboten und zur Verfolgung nicht kommerzieller Zwecke gerechtfertigt ist.

(2) Die öffentliche Zugänglichmachung eines für den Unterrichtsgebrauch an Schulen bestimmten Werkes ist stets nur mit Einwilligung des Berechtigten zulässig. Die öffentliche Zugänglichmachung eines Filmwerkes ist vor Ablauf von zwei Jahren nach Beginn der üblichen regulären Auswertung in Filmtheatern im Geltungsbereich dieses Gesetzes stets nur mit Einwilligung des Berechtigten zulässig.

(3) Zulässig sind in den Fällen des Absatzes 1 auch die zur öffentlichen Zugänglichmachung erforderlichen Vervielfältigungen.

(4) Für die öffentliche Zugänglichmachung nach Absatz 1 ist eine angemessene Vergütung zu zahlen. Der Anspruch kann nur durch eine Verwertungsgesellschaft geltend gemacht werden.

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