29.04.2015, 14:15 Uhr

Denkmal Stadtwaage barrierefrei Lift bringt Rollstuhlfahrer ins Standesamt Osnabrück


Osnabrück. Endlich keine Hochzeit mit Hindernissen mehr! Die Stadt Osnabrück hat den Eingang zur Stadtwaage am Markt behindertengerecht gemacht. Die schweren Holztüren öffnen sich jetzt automatisch, und mittels Treppenlift können auch Rollstuhlfahrer ohne Mühe das Trauzimmer in dem historischen Gebäude erreichen.

90.000 Euro kostete der Umbau des Denkmals. Drei Monate hat er gedauert. Nun ist das vom Standesamt genutzte Haus (Baujahr 1532) rechtzeitig zur Heiratssaison barrierefrei zugänglich. In der Stadtwaage finden jährlich über 600 Trauungen statt.

„Eine Herzensangelegenheit“

Installiert wurde eine Hebebühne, die nicht nur leicht zu bedienen ist, sondern auch schick aussieht. Ihre Plattform lässt sich vollständig im Boden versenken. Um über die Stufen im Foyer zu gelangen, genügt ein Tastendruck. „Elegant und unauffällig“ findet das Oberbürgermeister Wolfgang Griesert.

Ihm war die Anschaffung des Lifts „eine Herzensangelegenheit“, seit er im November 2013 in der Neuen Osnabrücker Zeitung gelesen hatte, vor welche Schwierigkeiten die Stadtwaage vor allem gehbehinderte Menschen stellte. Damals drohte eine 86-Jährige die Trauung ihrer Enkelin zu verpassen: Die Treppe zum Hochparterre war für sie unüberwindlich, und die gebrechliche Frau samt zentnerschwerem Rollstuhl zu tragen eine Zumutung für alle. (Weiterlesen: Hochzeit mit Hindernissen im Standesamt Osnabrück)

Teurer Kompromiss

„Die Geschichte hat mich berührt. Ich finde es nicht würdig, immer auf fremde Hilfe angewiesen zu sein“, sagte Griesert am Dienstag bei der offiziellen Vorstellung des barrierefreien Standesamts. Schon kurz nach seinem Amtsantritt hatte er deshalb den Eigenbetrieb Immobilien- und Gebäudemanagement nach einer Lösung suchen lassen. Für ein Problem, das aus Sicht der Stadt zuvor unlösbar schien: Denn ein Umbau der Stadtwaage wurde früher stets mit Hinweis auf den Denkmalschutz abgelehnt.

Dass sich dessen Belange mit denen von Behinderten aber durchaus in Einklang bringen lassen, scheint mit dem Einbau des „unsichtbaren Treppenlifts“ bewiesen. Auch wenn die Stadt dafür tief in die Tasche gegriffen hat. „Natürlich ist es teuer“, räumte Griesert ein. Aber ein Aufzug durch das ganze Haus, wie ihn das Behindertenforum favorisierte, hätte bis zu einer halben Million Euro gekostet und erhebliche Veränderungen an dem frühneuzeitlichen Gemäuer erfordert. So würden immerhin „die publikumswirksamen Räume“ erschlossen, und das Antlitz der Stadtwaage bleibe gewahrt. In der Tat fällt kaum auf, dass durch den Umbau der gesamte Eingangsbereich gewachsen ist: Der Windfang befindet sich jetzt ein gutes Stück weiter hinten, und auch die Treppe wurde versetzt, um Platz für die Hebebühne zu schaffen. (Weiterlesen: Behindertenforum mit Lift in Stadtwaage unzufrieden)

Optimale Lösung

Und wie kommt die neue Anlage bei der Zielgruppe an? Katrin Achberger vom Behindertenforum äußerte sich nach einer Probefahrt vor den Augen des Oberbürgermeisters begeistert. „Eine optimale Lösung“, urteilte die wegen einer angeborenen Tetraspastik an allen Gliedmaßen gelähmte Rollstuhlfahrerin. Das Gerät sei optisch dezent, in der Bedienung simpel und sicher im Gebrauch. Besonders der leise und sanfte Lauf der Hebebühne gefalle ihr. „Man merkt gar nicht, dass man auf einem Lift steht.“


Die Stadtwaage am Markt in Osnabrück wurde 1532 erbaut und ist somit über 580 Jahre alt. Sie war anfangs der Sitz der mittelalterlichen Marktpolizei. Hier konnten die Händler ihre Waren wiegen und mit einem amtlichen Siegel kennzeichnen lassen. Im Raum hinter der Toreinfahrt hing dazu eine Balkenwaage, während sich die Elle – das damals übliche Normal-Längenmaß – gegenüber am Turm der Marienkirche befand. In der Stadtwaage wurde auch die Akzise erhoben: eine Steuer auf eingeführte Waren und seinerzeit wesentliche Einnahmequelle der Stadt. Gelagert wurden in dem spätgotisch geprägten Bruchsteinbau mit den Sandsteineinfassungen vor allem Lebensmittel wie Obst, Butter, Speck und Schinken, außerdem Früchte und Fische sowie Mehl und Grütze. Das Messen und Wiegen übernahm ein vereidigter Waagemeister. Als das Gewerbe im 19. Jahrhundert unter dem französischen Kaiser Napoleon liberalisiert wurde, brach dieses städtische Privileg weg. Die Räume wurden vorübergehend an örtliche Kaufleute vermietet. Ab 1913 nutzte die Feuerwehr die Stadtwaage als Wache und Zentrale einer stadtweiten Alarmanlage. Im September 1944, wenige Monate vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde das Haus in einer Bombennacht ruiniert. Allein der markante Staffelgiebel blieb stehen. Nach dem Wiederaufbau zog Mitte der 1950er-Jahre die Stadtverwaltung dort ein. Seitdem hat auch das Standesamt in der Stadtwaage seinen Sitz.

Der behindertengerechte Zugang und die Benutzbarkeit baulicher Anlagen sind gesetzlich geregelt. In der Niedersächsischen Bauordnung (Paragraf 49) heißt es, dass öffentliche Verwaltungsgebäude barrierefrei sein müssen. Denkmalschutz kann eine Ausnahme von dieser Regel bewirken.

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