07.03.2015, 12:09 Uhr

Auftritt in der Lagerhalle Etta Scollo und Susanne Paul faszinieren Osnabrücker Publikum


Osnabrück. Tick-tack, tick-tack. Mit der Präzision eines Uhrwerks beginnt das spannende, neue Programm der Sizilianerin Etta Scollo in der Lagerhalle. Zusammen mit ihrer kongenialen Cellistin Susanne Paul erkundet die Sängerin und Songwriterin die Wahrnehmung von Zeit und Vergänglichkeit – in der Vertonung nachdenklicher Gedichte und ironischer Geschichten sowie mit alten Volksliedern ihrer Heimat.

Mit dem Gedicht „Ciatu“ des sizilianischen Dichters Sebastiano Burgaretta liefert Scollo gleich zu Beginn eine Definition: Der Lebensatem als Takt unseres Daseins. Geradezu hypnotisierend wirken dazu die wiederkehrenden Loops, die Susanne Paul zupfend dem Cello entlockt. Ganz puristisch, aber doch extrem nachhaltig kommt die Musik dieses Duos daher – mal mit Gitarre, Ukulele, Mandoline oder singender Säge, dazu die facettenreiche Stimme der Scollo und immer wieder dieses Cello, auf dem scheinbar alles möglich ist: kraftstrotzende Akkorde, hämmerndes Stakkato, sehnsüchtige Melodien, perkussive Begleitung und sonderbare Geräusche.

Lustige Anekdoten

Etta Scollo lässt es sich nicht nehmen, ganz in der Tradition der „Cantautori“ – der italienischen Geschichtenerzähler – ihre Lieder mit lustigen Anekdoten und süffisanten Bonmots anzukünden. Da verliert der Wächter eines Palazzos den Blick auf die Zeit und die eindringenden Räuber, weil er seine Geliebte auf dem Balkon eines gegenüber liegenden Hauses anhimmelt. Da schickt sie die begehrte Frucht des Südens, die Orange, auf eine Reise in den Norden und bis zum Mond. Da erinnert sich die Sängerin, wie sie als Kind heimlich den Lieblingssessel ihres schlafenden Vaters eroberte und versuchte, mit Atemstillstand die Zeit anzuhalten.

Zeit außer Kraft gesetzt

Als „strengen Gast, der immer Recht haben will“, stellt das Duo ein tickendes Metronom („Il Metronomo“) in den Vordergrund, dessen Rhythmus von Stimme und Cello konterkariert wird, bis schließlich klapperndes Blechspielzeug als anarchische Rebellen die Zeit außer Kraft setzen. Mit feiner Ironie rechnet Scollo in „Monsieur Uno“ auch mit der „Diktatur des Egos“ ab – im musikalischen Gewand der 30er Jahre, einer Art verspieltem Marsch, wird schnell klar, wer gemeint ist.

Wirre Ton-Klang-Kaskaden

Geradezu dadaistisch wird es in dem Stück „Derrida“, das Scollo dem Philosophen Jacques Derrida, Begründer des Dekonstrukivismus, widmet: Wirre Ton-Klang-Kaskaden in einem vertrackten 5/4-Takt machen das Lied zu einem Höhepunkt des Abends. Dazu zählen ebenso ein Flamenco-Solo auf dem Cello, das in deutscher Sprache rhapsodisch vertonte Gedicht „Monate“ von Joachim Sartorius und das collagenartige Werk „Sendersuchlauf“ von Susanne Paul, in dem sie selbst als Sängerin und virtuose Cellistin die Hauptakteurin ist.

Zugaben mit großer Leidenschaft

Natürlich darf Etta Scollo nicht von der Bühne gehen, ohne eine sizilianische Tarantella gesungen zu haben, was sie in den Zugaben mit großer Leidenschaft und geradezu fiebriger Stimme macht. Zum Abschied noch die Anekdote, wie ihre Mutter einen Heiratsantrag in fünf Sekunden erhielt und dazu das Lied, das ihr Vater immer beim Rasieren sang: „Resta cu‘ mme“ von Domenico Modugno. Etta Scollo ist nicht nur die Stimme Siziliens, sie schafft es, das Publikum direkt hineinzuversetzen in das Land zwischen Ätna und Palermo.


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