26.02.2015, 12:10 Uhr

Fantasien und Realitäten SM-Szene Osnabrück: „Fifty Shades of Grey“ unrealistisch

Handfesseln gibt es in der „Pleasure Collection“ des Films „Fifty Shades of Grey“ im Geschäft von Silke Wehmeier. Foto: Thomas WübkerHandfesseln gibt es in der „Pleasure Collection“ des Films „Fifty Shades of Grey“ im Geschäft von Silke Wehmeier. Foto: Thomas Wübker

Osnabrück. In drei von vier Osnabrücker Kinos läuft zur Zeit der Film „Fifty Shades of Grey“. Die Kinobetreiber melden volle Häuser. Vor allem junge Frauen besuchen ihren Angaben nach die Vorstellungen. Von Menschen, die mit einer SM- und Fetisch-Neigung leben, so wie Christian Grey in der Sado-Maso-Romanze, wird der Film jedoch abgelehnt. „Das ist Blümchenwiese“, sagt der 40-jährige Chris, 1. Vorsitzender des Osnabrücker Vereins SMOS. Er schätzt die Zahl derer, die sich in der Hasestadt aktiv mit dem Thema befassen, auf etwa 1600.

Das Cinema Arthouse zählte rund 3000 Besucher, die den Film „50 Shades of Grey“ in der ersten Woche gesehen haben. Alle Abendvorstellungen seien ausverkauft gewesen, so Kino-Betreiber Christian Saßnick. Ausgebuchte Säle habe es auch in der UFA-Filmpassage gegeben, hieß es auf Nachfrage. 80 Prozent der Kinogänger seien weiblich gewesen.

Kein langweiliger Blümchensex

„Aus meiner Sicht ist der Film für junge Frauen so interessant, weil es eine Liebesgeschichte ist und viel um Sex geht“, sagt Julia Becker, Professorin für Sozialpsychologie an der Uni Osnabrück. Da es nicht um langweiligen Blümchensex gehe, sondern um SM-Praktiken, sei der Stoff für diese Altersgruppe noch spannender.

Die Romanfigur der 21-jährigen Studentin Anastasia Steele könne ein Rollenmodell sein, mit dem sich junge Frauen identifizieren, so Becker weiter. In dem Buch gehe es ja um die klassische Rollenbeziehung: Ein unerfahrenes, naives Mädchen trifft auf den geheimnisvollen reichen älteren Mann. „Das übt auf viele junge Frauen eine große Anziehung aus.“

„Der Film ist nicht realistisch“, sagt der 40-jährige Chris, 1. Vorsitzender des Vereins SMOS. Er ist ein Sammelbecken für Menschen, die Spaß am SM, also am Sado-Masochismus, und Fetischen wie Lack und Leder und mehr haben. Chris lebt seit einigen Jahren offen mit seiner Frau mit seiner Neigung. Sie sind Switcher – sind mal dominant, mal devot. (Weiterlesen: 50 Shades of Grey: Feministischer Kassenrekord?)

Erklärung für Hype um den Film

Den Hype um den Film erklärt sich Chris damit, dass Vorlieben, Wünsche oder Bedürfnisse des Kinopublikums nicht ausgelebt werden. In SM-Kreisen werde er jedoch belächelt. Chris sagt, dass Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft in Osnabrück eine sadomasochistische Neigung oder eine Vorliebe für Fetische hätten und sie ausleben. Er selbst kennt etwa 250 SMler von Partys oder anderen Treffen. Im Verein SMOS sind 50 Mitglieder aktiv. Sie treffen sich einmal im Monat in entsprechender Kleidung. Den Verein umgibt eine gewisse Exklusivität. Wer zu einem Treffen gehen möchte, muss sich erst über eine Telefonnummer oder eine Mail anmelden, die auf der Vereins-Website www.smos-verein.de zu finden ist. So schützen sich die Mitglieder vor Spannern oder anderen allzu neugierigen Zeitgenossen.

Im Geschäft La Coquette ( www.lacoquette.de ) in Osnabrück kann man nach entsprechendem Spielzeug stöbern. Dort wird auch die offizielle „Pleasure Collection“ aus der Merchandise-Reihe des Films verkauft. Sie besteht aus Seilen, einer Gerte, Fesseln, einem Dildo, Nippelringen und Bondage-Tape. „Durch den Film habe ich mehr Kunden“, berichtet Inhaberin Silke Wehmeier. Diese spezielle Kollektion werde überwiegend on Frauen gekauft, sagt sie. „Durch den Film und die Bücher sind die Leute neugierig geworden und trauen sich auch, in meinen Laden zu kommen.“ Auch an anderer Stelle hat sich der Handel darauf eingestellt. Der Erotikmarkt „Novum“ wirbt zum Beispiel derzeit für „Handfesseln de luxe“. (Weiterlesen: „Fifty Shades of Grey“ ist FSK 16? Wieso denn das?)

Gut betuchte Kunden

Während Silke Wehmeier eher eine „ganz normale“ Kundschaft begrüßt, kommen zu der Näherin Tanja gut betuchte Kunden. Sie produziert so genannte „Kleider der O“. Männer aus Deutschland und Österreich, aber auch aus Italien und Dänemark kommen in ihr Haus im Osnabrücker Landkreis und lassen sich Kleider anfertigen, wie sie von Gespielinnen zum Beispiel in dem Film „Die Geschichte der O“ getragen wurden. Ihre Kunden ähneln eher dem Christian Grey aus dem Film. Die spezielle Neigung auszuleben, ist nicht ganz billig, sagt Tanja. Ihre Kleider kosten bis zu 1000 Euro. Sie werden nach Maß handgefertigt. Zu sehen sind sie unter www.madame-korsett.de

Den Film „Fifty Shades of Grey“ hat Tanja nicht gesehen. Das Buch habe sie geschenkt bekommen, und es verstaube langsam auf ihrem Nachttisch, sagt sie. „Wenn ich ein paar Seiten gelesen habe, schlafe ich ein.“


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