29.01.2015, 10:33 Uhr

Reaktion auf Pegida und Paris Uni Osnabrück kämpft für Freiheit der Wissenschaft

In Stein gemeißelt: Aus Sorge, die Freiheit von Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sei bedroht, spricht sich die Universität Osnabrück vehement gegen wissenschaftsfeindliches Denken aus. Foto: Sebastian StrickerIn Stein gemeißelt: Aus Sorge, die Freiheit von Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sei bedroht, spricht sich die Universität Osnabrück vehement gegen wissenschaftsfeindliches Denken aus. Foto: Sebastian Stricker

Osnabrück. Unter dem Eindruck der islamistischen Terroranschläge von Paris und dem Aufkommen der islamkritischen Pegida-Bewegung sieht sich die Universität Osnabrück zu einem flammenden Plädoyer für die Wahrung der Grundrechte veranlasst. Aus Sorge, die Freiheit von Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sei bedroht, spricht sich das Präsidium vehement gegen wissenschaftsfeindliches Denken aus.

In einem offenen Brief erinnert die Universität Osnabrück zunächst an die Gründung des Instituts für Islamische Theologie im Herbst 2012. Inzwischen forschen und lehren dort mehr als 40 Mitarbeiter, darunter sieben Professoren, gemeinsam „in einem toleranten und weltoffenen Klima, geprägt durch die unterschiedlichen Herkunftsländer der Wissenschaftler“, wie es in der am Mittwoch verbreiteten Erklärung heißt. Aufgrund der Ereignisse um Charlie Hebdo in Paris, aber auch im Zusammenhang mit Pegida seien die Mitglieder des Instituts immer wieder gefordert, zu den Ereignissen öffentlich Stellung zu beziehen. In zahlreichen Reaktionen darauf zeige sich, dass einige Menschen eine andere Meinung vertreten als die Wissenschaftler.

Beschimpfungen, Beleidigungen, Drohungen

Im Sinne der freien Meinungsäußerung, „mithin einem Grundpfeiler unserer freiheitlichen Demokratie“, sei dies nicht nur rechtens, sondern bilde darüber hinaus die Grundlage für eine rational geführte Diskussion. „Dass indes einige Bürger das Fehlen vernünftiger Argumente durch wüste Beschimpfungen, Beleidigungen bis hin zu Drohungen gegen die muslimischen Kollegen zu kompensieren versuchen, ist nicht hinnehmbar. Zeigt es doch, dass offenbar neben der Pressefreiheit ein weiteres wichtiges, verfassungsrechtlich garantiertes Grundrecht bedroht ist: die Freiheit der Wissenschaft.“

Seit jeher gebe es Tendenzen, das Postulat der Freien Wissenschaft einzuschränken, stellt die Universität Osnabrück fest. Erinnert sei an den sogenannten Positivismusstreit in den 1960er-Jahren und die Debatten um die Werturteilsfreiheit in den Sozial- und Gesellschaftswissenschaften. Auch wenn die damalige Diskussion heute auf den ersten Blick überkommen erscheine, seien die beiden sich gegenüberstehenden Positionen immer noch aktuell – vielleicht sogar aktueller als jemals zuvor: auf der einen Seite der Anspruch einer wissenschaftlichen Erkenntnisfreiheit, die sich an einem humanistischen Menschenbild und der Entwicklung eines friedlichen toleranten Zusammenlebens orientiert, und auf der anderen die Forderung nach Unterordnung der Freiheit des Denkens und Forschens unter pseudoreligiöse oder pseudowissenschaftliche Interessen.

Universität als Stätte der Toleranz

„Der mit dieser Sichtweise einhergehende Druck, wissenschaftliche Erkenntnisse nicht als objektive, wenngleich immer wieder neu zu überprüfende Fakten anzusehen, wird heute von verschiedenen Seiten auf Wissenschaftler ausgeübt – und bedroht damit die Wissenschaft als Ganzes“, stellt das Präsidium der Universität Osnabrück um Prof. Dr. Wolfgang Lücke fest. Und weiter: „Die islamfeindlichen Bewegungen der vergangenen Wochen, denen sich unsere Universität sowohl als Stätte der Toleranz und des friedlichen Miteinanders als auch als Ort des freien Denkens, Forschens, Lehrens und Lernens entschieden entgegenstellt, sind ein Sinnbild dieser sowohl menschenverachtenden als auch wissenschaftsfeindlichen Einstellung.“

Dagegen setze die Universität Osnabrück auf das Bemühen um die Vermittlung der islamischen Theologie an künftige Imame und Religionslehrer. Auf dem Gebiet der Politik- und Sozialwissenschaften leiste das deutschlandweit einmalige Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (Imis) zudem wertvolle Beiträge zur gesellschaftlichen Integration von Muslimen. In beiden Bereichen sei die akademische Offenheit für den freien und erkenntnisfördernden Dialog dabei unabdingbare Voraussetzung.

Einschränkungen bedeuten die Selbstaufgabe

„Würde sich eine Hochschule den Einschränkungen, die mit einem fremdenfeindlichen, rassistischen und intoleranten Menschenbild verbunden sind, beugen, käme dies einer Selbstaufgabe gleich. Zugleich wären Tür und Tor geöffnet für eine Einflussnahme, die auch vonseiten anderer Gruppierungen auf die Universität ausgeübt werden könnte.“ Beispielhaft erwähnt seien sogenannte Kreationisten oder Vertreter des Intelligent Designs, die insbesondere naturwissenschaftliche Erkenntnisse aus Sicht pseudoreligiöser Positionen ins Visier nehmen.

„Diesem Druck wird sich unsere Universität entgegenstellen“, schließen die Verfasser ihre Stellungnahme. Dies geschehe im Geiste des Wissenschaftsphilosophen Karl Popper, der sowohl für eine freie Wissenschaft als auch für eine offene humanistische Gesellschaft eingetreten sei. Einer Gesellschaft, der nur Erkenntnisse zugutekommen, die im freien wissenschaftlichen Arbeiten entstanden sind.


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