18.12.2014, 16:33 Uhr

Die Geschichte geht weiter Zweite Karriere für schiefen Teller aus Osnabrück

Claus Roeting freut sich: Der schiefe Teller ist jetzt stapelbar. Foto: Michael GründelClaus Roeting freut sich: Der schiefe Teller ist jetzt stapelbar. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Eine schräge Idee aus Osnabrück sorgte vor 14 Jahren für Unruhe im Porzellanladen: der schiefe Teller. Den Durchbruch schaffte der Dellen-Teller wegen eines kleinen Hindernisses nicht. Den Mangel hat Erfinder Claus Roeting jetzt behoben. Die zweite Karriere kann starten.

Auf dem schiefen Teller sammelt sich der letzte Suppenrest in einer Delle. Wie praktisch: Der Teller muss nicht mehr gekippt werden. Und pfiffige Köche können die auf dem ersten Blick nicht erkennbare Schieflage für ungewöhnliche Kreationen nutzen. Der renommierte Porzellanhersteller Seltmann Weiden nahm 2002 den Teller mit dem eingebauten Tal ins Sortiment auf. Maggi machte daraus einen Werbegag. Insgesamt 150000 Stück wurden verkauft, sagt Claus Roeting, Gründer und Chef der Firma Crimex. In der Gastronomie setzte sich die Idee trotz der anfangs euphorischen Reaktionen nicht durch. Die Gäste mögen ihn, aber die Küchenmannschaft nicht. Denn: Der schiefe Teller ist nicht stapelbar. Ab dem fünften Teller neigt sich der Turm gefährlich zur Seite. Das ist unpraktisch.

Die Lösung brachte eine kluger Kopf aus Spanien. Ramón Lopez Mera kam über das Erasmus-Ausstauschprogramm als Student nach Osnabrück und landete als Praktikant in der Werbemittelfirma Crimex. Chef Claus Roeting setzte den neuen Mann auf den Teller an – und Ramón Lopez Mera hatte nach etwas Tüftelei die Lösung: Rillen oben und unten. Das Prinzip ist nicht revolutionär neu, sondern von stapelbaren Gläsern bekannt. Doch erstmals konnte Roetings Team jetzt dank der 3-D-Drucktechnik Prototypen vom Teller mit vertretbarem Aufwand herstellen und die Stapeltauglichkeit am realen Objekt testen. Ohne diese dreidimensionalen Kunststoffdrucker hätten die Test-Teller jeweils einzeln gebrannt werden müssen, was die Kosten in die Höhe getrieben hätte.

Ramón Lopez Mera hat noch mehr auf dem Kasten. Als wir ihm über die Schulter schauen, zeichnet er auf einem Blatt Papier die Konturen eines Rucksackes, dessen Reißverschluss sich beim Aufschnallen automatisch schließt und beim Tragen nicht geöffnet werden kann. Ob die Erfindung in Serie geht? Roeting zuckt mit den Schultern und lacht.

Bei der Vermarktung der Ideen aus seiner Erfinderwerkstatt ist der 46-Jährige vorsichtiger geworden. Der schiefe Teller, so meint er, hätte mehr Potenzial gehabt, wenn die Partner das Produkt (Name: „Excentra“) klüger vermarktet hätten. Die Neuauflage will er deshalb Mitte 2015 selbst auf den Markt bringen, zum Paar-Preis von 14,90 Euro. „Das ist die Preisklasse für ein kleines Geschenk zum Geburtstag“, sagt Roeting, der darauf vertraut, dass sich die Teller-Idee in den sozialen Medien viral verbreiten wird.

Roeting ist in Peru aufgewachsen, wo sein Vater die Bosch-Niederlassung leitete. Er war 16, als sein Vater starb und die Famlie nach Deutschland zurückkehrte. Er lernte Speditionskaufmann und begann „European Business“ zu studieren. Nebenbei machte er kleine Geschäfte mit T-Shirts für St.Pauli-Fans. Das lief so gut, dass er 1993 mit 24 Jahren die Firma Crimex gründete. Hauptkunde war damals das Merchendising-Unternehmen Sunburst, das nach kometenhaften Aufstieg krachend pleite ging. Crimex aber blieb. Roeting zog vom bunten Lichterhaus am Bahnhof (heute Gewerkschaftshaus) in den Hasepark und dann an den Großhandelsring im Fledder. 36 Mitarbeiter beschäftigt er inzwischen, zwei weitere kommen in diesen Wochen hinzu. Und sein Sohn Henrik (27) hat Geschmack am Werbegeschäft gefunden und ist eingestiegen.

Das Kerngeschäft bilden klassische Werbeartikel wie Kulis, Kappen und Keramik. Viele haben aber eingebaute Gimmicks, der vermeintliche Pritt-Stift zum Beispiel: Beim Drehen schiebt sich kein Kleber, sondern ein USB-Stick aus dem gelben Röhrchen.

Nicht jede schräge Idee aus dem Hause Crimex war ein Knaller. Der klebende Löffel, der 2002 auf den schiefen Teller folgte, ließ sich technisch nicht umsetzen. Roetings Idee für klimperfreies Kaffeetrinken war: Der Löffel sollte auf der Untertasse magnetisch fixiert werden, damit er nach dem Anheben der Tasse nicht in die Mitte des Tellers rutscht.

Großes Aufsehen erregte Roeting 2005 mit dem Schnaps in Tüten . Die Alkotütchen unter dem Namen „Aufreiszer“ (Werbespruch: „Reiß mich auf und mach mich alle“) enthielten ein Schnapsglas voll Wodka, Whisky, Weinbrand, Gin, Rum oder Korn. Sie waren billig (99 Cent), handlich und leicht in die Disko zu schmuggeln. Ein Osnabrücker Modemacher wollte sogar Hosen mit Extra-Taschen für diese Superflachmänner auf den Markt bringen. Doch ehe sich die Idee herumsprechen konnte, drehte sich plötzlich der Markt. Die billigen Alkopops, Mischungen aus Süßgetränken und hochprozentigem Alkohol, gerieten als Verführer der Jugend in die Kritik und wurden 2004 mit einer Sondersteuer belegt. Auch der Tütendrink war damit nicht mehr gesellschaftsfähig.


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