26.09.2014, 16:17 Uhr

Stadt bietet Asyl an Kulturverein Petersburg auf dem Rückzug vor der Zion GmbH


Osnabrück. Die Räumungsklage von der Zion GmbH sollte in zwei Wochen vor das Landgericht kommen. Jetzt räumt der Kulturverein Petersburg vorzeitig das Feld, „vorübergehend“, wie die Aktivisten betonen. Aber vorher, beim „Tag der offenen Burg“ am 3. Oktober, soll es noch einmal richtig laut und bunt werden. Die Stadt gewährt dem Kulturverein Asyl im Ringlokschuppen.

Der Freiraum Petersburg hat sich im Südwesten des Güterbahnhofs entwickelt. Auf dem Außengelände betreibt der Verein das „Café Mythos“, die Gartengruppe „Querbeet“ zieht Kohl, Möhren und Bohnen in Plastikcontainern, regelmäßig finden Workshops, Theateraufführungen oder „Wohnzimmerkonzerte“ statt. Im Keller unter dem Proberaumzentrum Hamburger Straße 22b (das von der Räumungsklage nicht betroffen ist) betreibt der Verein eine Werkstatt, in der Fahrräder repariert oder Vasen getöpfert werden. Gelegentlich finden dort auch Flohmärkte oder Tangoveranstaltungen statt.

Vorläufig wird der Kulturbetrieb wohl nur auf kleiner Flamme weitergehen. Im Mai hat die Zion GmbH dem 60 Mitglieder starken Verein gekündigt. Die Kulturaktivisten wollten sich eigentlich nicht vertreiben lassen. Sie ließen ein Ultimatum verstreichen, legten Widerspruch ein und machten sich Hoffnung, dass ihnen das Landgericht Recht geben würde. Jetzt die Kehrtwende: Am Freitag gab der Verein in einem Pressegespräch bekannt, dass er die Flächen noch vor dem 13. Oktober, dem Tag der Gerichtsverhandlung, verlassen werde.

Die Vorstandsmitglieder Julian Essig und Ingo Bolm warfen der Zion GmbH vor, dass sie dem Kulturverein seit 2013 mit zahlreichen Schikanen das Leben schwer gemacht habe. Immer wieder seien Fahrzeuge abgeschleppt und Besucher mit Hausverboten drangsaliert worden. Der Rückzug habe auch mit den „knallharten“ Methoden von Zion-Geschäftsführer Ralf Gervelmeyer zu tun. Immer wieder habe der ihre Räume inspizieren wollen und dabei so kurze Fristen gesetzt, dass sie als Ehrenamtliche kaum hätten reagieren können. Von der Zion GmbH konnten wir zu diesen Vorwürfen bislang keine Stellungnahme bekommen.

Auf einen schriftlichen Mietvertrag kann sich der Kulturverein nicht berufen. Nach Auskunft der Vorstandsmitglieder wurden im Frühjahr 2013 mündliche Vereinbarungen getroffen, die in einen Mietvertrag einfließen sollten. Am Ende habe die Zion GmbH jedoch Forderungen gestellt, die der Verein nicht erfüllen könne. Essig und Bolm betonten, dass der Kulturverein immer eine „friedliche Koexistenz“ mit der Zion GmbH und auch mit der benachbarten freikirchlichen „Lebensquelle“ angestrebt habe. Verbale Angriffe, Steinwürfe und Vandalismus seien nicht vom Kulturverein ausgegangen, vielmehr hätten dessen Mitglieder in Konfliktsituationen stets deeskalierend gewirkt.

Auch nach dem Rückzug verstehen die Petersburg-Aktivisten die Freifläche mit dem „Café Mythos“ auf dem Güterbahnhof weiterhin als das „Zuhause“ für ihre Kulturarbeit und hoffen auf eine Rückkehr mit städtischer Unterstützung. Diese Unterstützung könnte nach Ansicht von Ingo Bolm etwa darin bestehen, dass die Stadt Osnabrück im Bebauungsplan für den Güterbahnhof Bereiche für eine kulturelle Nutzung ausweist.

Die Kulturaktivisten suchen außerdem Partner oder Stiftungen, die ihnen beim Erwerb von Flächen für die Kulturarbeit finanzielle Unterstützung leisten. Ein Konzept sei in Arbeit, kündigt Ingo Bolm an, aber ein kleiner Verein mit ehrenamtlichen Kräften könne nicht auf die Schnelle dicke Bretter bohren.

Fürs Erste kann der Kulturverein eine Bleibe im Ringlokschuppen finden. Stadtbaurat Frank Otte hat die Räume in Aussicht gestellt, die bislang von der Diskothek „Five Elements“ genutzt wurden. Auch die „Querbeet“-Gärtner könnten auf dem Freigelände weitermachen. Einzelheiten müssten aber noch geklärt werden.

Wie der Kulturverein Petersburg liegt auch die Stadt mit der Zion GmbH im Clinch. In einem Rechtsstreit vor dem Landgericht geht es um den Kauf eines Grundstücks, das die Stadt für den Neubau der Brücke an der Hamburger Straße benötigt. Nach einem Mediationstermin haben beide Seiten sechs Wochen Zeit, eine Einigung zu erzielen. Wenn es nicht dazu kommt, müssen die Richter entscheiden.


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