11.08.2012, 14:31 Uhr zuletzt aktualisiert vor

23 Euro pro Stunde VHS-Dozenten wollen mehr Geld: Honorarkräfte fühlen sich unterbezahlt

<em>Logo</em> der VHS. Foto: VHSLogo der VHS. Foto: VHS

Osnabrück. Lehrer, die in Integrationskursen für Zuwanderer Deutsch als Zweitsprache (DaZ) unterrichten, erfüllen eine wichtige Aufgabe. Die Dozenten finden allerdings: Ihr Honorar entspricht nicht der Bedeutung ihrer Arbeit. Aber die Träger, zum Beispiel Volkshochschulen, und die Aufsichtsbehörde, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), schieben sich den Schwarzen Peter zu.

Als skandalös bezeichnet Jutta Große, DaZ-Dozentin an der Volkshochschule Osnabrück, die vom BAMF definierte Honorar-Untergrenze von 18 Euro pro Stunde. In einem offenen Brief fordern 22 Osnabrücker VHS-Kursleiter eine Anhebung von derzeit 23 Euro auf 30 Euro pro Stunde in einem DaZ-Kurs, Urlaubsgeld und eine soziale Absicherung.

23 Euro, das klingt zunächst gar nicht schlecht. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) feierten kürzlich die Zustimmung des Bundeskabinetts zum Vorschlag von Sozialministerin von der Leyen, einen allgemein verbindlichen Mindestlohn für pädagogische Angestellte in der Weiterbildungsbranche vorzusehen. Künftig sollen Lohnuntergrenzen von 12,60 Euro in Westdeutschland und 11,25 Euro in Ostdeutschland gelten.

Aber für die freischaffenden Honorarkräfte, die das Gros der DaZ-Lehrer stellen, macht Jutta Große folgende Rechnung auf: Bei durchschnittlich 20 Unterrichtsstunden pro Woche kommt sie im Jahr auf rund 24000 Euro brutto. Davon gehen ab: 7200 Euro Steuern, 4920 Euro Rentenversicherung und 2640 Euro Krankenversicherung – bleiben 9240 Euro pro Jahr, 8,90 Euro pro Stunde oder 770 Euro pro Monat netto. Und die auch nur theoretisch. Denn Geld gibt es nur, wenn Unterricht stattfindet. In den Ferien ist Ebbe im Portemonnaie, und wer krank wird, muss ans Eingemachte gehen.

Eine 70-jährige Dozentin der VHS Osnabrück, die 30 Jahre lang Sprachkurse bei freien Trägern gegeben hat, sieht sich auch mit 80 noch hinterm Lehrerpult stehen. Ihr Lebensstil sei zwar bescheiden, sagt sie, aber ihre Rentenansprüche liegen derzeit auch nur bei knapp 600 Euro. Eine alleinerziehende Mutter mit vier Kindern – auch die gibt es unter den Osnabrücker VHS-Dozentinnen – verzichtete auf Elternzeit aus Sorge, anschließend keine Anschlussverträge zu bekommen. Als Nebentätigkeit sei der Job nicht zu machen, sagt Jutta Große. Nicht nur, weil er zum Leben nicht reicht.

Denn die Anforderungen, die das BAMF an die freiberuflichen Lehrer stellt, seien beachtlich: Neben einem Lehrer-Examen wird den Kursleitern eine Zusatzqualifikation für Integrationskurse abverlangt. Auslandserfahrung bringen die meisten auch mit. Obwohl sie auf Honorarbasis arbeiten, haben sie sich an detaillierte Weisungen zuhalten, müssen flexibel auf Dienstplanänderungen reagieren und Vorgaben der Bildungseinrichtungen beachten. Jüngste BAMF-Vorschrift: Zusätzliche externe Prüfer müssen bei den Examina anwesend sein. Bei einigen Trägern hatte es Unregelmäßigkeiten gegeben. Jutta Großes Meinung dazu: „Einige von uns nehmen seit Jahren für geringes Entgelt an den Wochenenden Prüfungen ab.“ Die Neuregelung empfänden sie und ihre Kolleginnen als pauschale Misstrauenserklärung.

Carl-Heinrich Bösling, Geschäftsführer der VHS Osnabrück, signalisiert Sympathie für die Forderungen der Dozentinnen: „Es wird ihnen einiges abgefordert.“ Der Grund für die unbefriedigende Lage sei jedoch, dass das wirtschaftliche Risiko für die Integrationskurse den Trägern wie der VHS übertragen worden sei. Rita-Maria Rzyski, in der Führung der Osnabrücker Stadtverwaltung für Bildung verantwortlich, macht den Lehrerinnen aber wenig Hoffnung. Sie bezeichnet das Anliegen der Kursleitenden in Integrationskursen als „im Grundsatz durchaus berechtigt, wenngleich die dort geforderte Honorarerhöhung deutlich überdurchschnittlich wäre, wenn man das gesamte Honorargefüge der Volkshochschule und auch die Empfehlungssätze des BAMF betrachtet“. Realistisch sei wohl nur ein Inflationsausgleich auf das bislang gezahlte Honorar, das an der VHS deutlich über dem Durchschnitt anderer Träger liege. Voraussetzung für eine Anhebung sei ohnehin, so Rzyski, wenn die Stundenpauschale durch das BAMF auf drei Euro pro Teilnehmer angehoben würde.

Das BAMF spielt den Ball zurück und verweist die Beschwerdeführerinnen wieder an die Träger. Helge Margaret Knipping, Referentin beim BAMF, antwortete auf Nachhaken von Jutta Große: „Auf Ihre Einkommenssituation kann das Bundesamt nicht unmittelbar Einfluss nehmen. Die Regelung Ihrer Vergütungshöhe ist ausschließlich Gegenstand einer Vereinbarung zwischen Ihnen und dem Kursträger, bei dem Sie eingesetzt werden.“

Die Dozentinnen fühlen sich hin- und hergeschoben. Denise Rölling sagt, sie wolle, dass ihre Arbeit mehr anerkannt wird.


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