21.07.2014, 18:45 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Kunst und Krieg Rätselhafte Baumstämme in der Osnabrücker Innenstadt


Osnabrück. Warum stehen seit diesem Montag an vielen Stellen in Osnabrück auf Steinsockeln befestige Holzstämme? Wir sind der Frage einmal nachgegangen.

In der Fußgängerzone, auf der Terrasse des Schlosses, an der Johannisstraße, am Bahnhofsvorplatz und an der Mensa am Westerberg: Hier und an vielen weiteren Orten in Osnabrück stehen seit Montag Baumstämme, die mit martialisch anmutenden Sätzen versehen sind. Diese lauten beispielsweise „Über seine festhaltenden Hände quillen die Därme“ oder „Die spitzen Gesichter haben die entsetzliche Ausdruckslosigkeit gestorbener Kinder“.

Sie klingen nicht lebensbejahend, stammen jedoch aus einem der erschütterndsten Bücher über den Ersten Weltkrieg,„Im Westen nichts Neues“„Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque. Genauer gesagt: Alle zitierten Sätze stehen im sechsten Kapitel des Antikriegsromans.

32 Stämme in der Stadt

Dass die Baumstämme nun an diversen Stellen in Osnabrück aufgestellt wurden, hat mit der Ausstellung „Damals nicht, jetzt nicht, niemals!“ zu tun: Für sie hat der Osnabrücker Künstler Volker-Johannes Trieb 32 Eichenstämme bearbeitet. Die Zahl 32 ist dabei nicht zufällig gewählt: Sie erinnert zum einen an die 32 Unterzeichnerstaaten des Versailler Friedensvertrags und der Pariser Vorortverträge. Zudem bezieht sich die Zahl auf ein Zitat aus „Im Westen nichts Neues“: „Wir waren 150 Mann. Jetzt tappt eine kurze Reihe von 32 Mann in den Morgen hinaus.“

Auch die Auswahl der Bäume geschah nicht zufällig: Es handelt sich um Eichenstämme, die vor 100 Jahren bei Hirtzbach, einem Ort im Elsass wuchsen – direkt an der Frontlinie. In ihnen stecken immer noch Geschosse aus dem Ersten Weltkrieg.

Warum stehen die Bäume jetzt schon?

Der Zeitpunkt der Aufstellung hat jedoch nicht nur zahlreiche Osnabrücker überrascht, die sich verwundert vor den Stämmen über den Hintergrund unterhielten: „Offiziell eröffnet wird die Ausstellung erst am 30. Juli. Dass die Stämme jetzt schon in der Innenstadt stehen, habe ich heute erst erfahren“, sagt Christine Grewe vom Fachbereich Kultur der Stadt Osnabrück.

„Geplant ist, dass die Installationen an Orten zu sehen sein werden, die etwas mit der Geschichte Osnabrücks im Ersten Weltkrieg zu tun haben, also beispielsweise an den Kasernen an der Caprivistraße.“ Unsicher ist Grewe jedoch, ob die zwei in der Einkaufszone der großen Straße aufgestellten Bäume stehen bleiben werden: „Darüber muss das Ordnungsamt entscheiden.“ In einer Liste (siehe unten) der bisher feststehenden Orte ist die Große Straße daher offiziell noch nicht mit aufgenommen - obwohl die Stämme dort schon liegen. Hierzu besteht noch weiterer Klärungsbedarf“, sagt Grewe.

Im Gespräch mit unserer Zeitung ist Trieb jedoch optimistisch, dass die zwei Werke stehen bleiben dürfen: „Aufgestellt haben wir sie dort, weil früher Paraden durch die Große Straße führten.“ Über die Wahl der drastischen Sätze sagt er: „Wir wollen niemanden provozieren, aber wir wollen Emotionen wecken.“

Dass die Werke jetzt schon aufgestellt wurden, hat übrigens einen ganz profanen Grund: „Ich bin in der kommenden Woche in Essen, also haben wir am Montag schon einmal 21 der 32 Bäume aufgestellt, am Dienstag folgen die restlichen.“

Hier die Liste der bisher feststehenden Orte der Installationen:

•Platz An der Katharinenkirche (in Verlängerung der Baumreihe) (1x)

•Artilleriestraße Ecke Natruper Straße auf dem Gehweg vor der Hausnummer 1 unmittelbar vor der Baumscheibe (1x)

•Alando-Palais

•Bahnhofsvorplatz (vor der Brunnenanlage) (1x)

•Blücherstraße Ecke Wissingerstraße in der Grünfläche neben dem Spielplatz an der Wissingerstraße (1x)

•Bocksmauer in der Grünfläche links neben der Zuwegung zum Bucksturm (1x)

•Caprivikaserne (Gelände der Hochschule Osnabrück)

•Campus auf dem Westerberg, neben dem neuen Mensagebäude

•Rißmüllerplatz/ Dominkanerkloster neben dem Cityinformationssystem vor der Bierstraße Hausnummer 2 (abgepollerte Ecke zum Natruper-Tor-Wall) (1x)

•Hauswörmannsweg Ecke Zugang zum Johannisfriedhof auf dem Gehweg vor der Friedhofsmauer zwischen den Pollern vor der Telefonzelle (1x)

•Heinrich-Heine-Straße auf der Auskragung neben der Wehranlage der Hase (1x)

•Herrenteichswall auf dem „Balkon“ gegenüber der Herz-Jesu-Kirche (1x)

•Jahnplatz am Beginn der Grünfläche neben Herderstraße 56 (1x)

•Kanonenweg etwa in Höhe Hausnummer2a direkt vor der Grünfläche/ Baumscheibe Ecke Buersche Straße (1x)

•Ledenhof seitlich des Grünbeetes am Neuen Graben gegenüber dem Schloss (2 x)

•Lerchenstraße Markplatz unmittelbar vor der abgestimmten Baumscheibe auf dem Platz (1x)

•Marienhospital

•Platz der Deutschen Einheit in der Nische links neben der Treppenanlage (1x)

•Reinhold-Tilling-Weg am Rand der Grünfläche zwischen Knollstraße 101 und Reinhold-Tilling-Weg 3 zum Gehweg hin (1x)

•Richthofenweg Ecke immelmannweg auf der Grünfläche neben den Verteilerschränken auf der Grünfläche (1x)

•Römereschstraße Grünfläche vor Kaffeepartner am Fußweg durch das ehemalige Kasernengelände (1x)

•Sedanstraße im Straßenbegleitgrün in Höhe der Einmündung zum Wissenschaftspark auf der gegenüberliegenden Seite (vor Sedanstraße 56+58) (2 x)

•Stresemannplatz (in der Grünfläche unter den Bäumen an der Ecke Möserstraße/ Schlagvorderstraße) (1x)

•Wulfter Turm (gegenüberliegende Seite)

•Terrasse Schloss Osnabrück

•Römereschstraße in der Grünfläche vor der Polizeiwache (Gelände der Polizei) (1x)

•Wittekindstraße Ecke Haseuferweg in der gepflasterten Auskragung am Beginn des Haseuferwegs (1x)

„Die Große Straße ist offiziell noch nicht darunter, da hier - obwohl die Stämme dort schon liegen - noch eine weitere Klärung erfolgen muss“, sagt Grewe.


„Damals nicht, jetzt nicht, niemals!“ findet im Rahmen des Gedenkens der Stadt Osnabrück an den Ersten Weltkrieg statt. Offiziell eröffnet wird die Ausstellung am 30. Juli.

Zu sehen sein werden die Werke – entsprechend der Dauer des Ersten Weltkriegs - bis zum 11. November 2018.

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