07.11.2012, 06:35 Uhr

Stadtteilserie Sozialer Brennpunkt in der Schweriner Straße in Haste ist erloschen

<em>„Im Schatten der Hochhäuser</em> ist es ruhig geworden“, berichten (von links) die Haster Karl Ahrnsen, Heidi Schmidt und Erhard Fricke. Foto: Robert A. Fromm„Im Schatten der Hochhäuser ist es ruhig geworden“, berichten (von links) die Haster Karl Ahrnsen, Heidi Schmidt und Erhard Fricke. Foto: Robert A. Fromm

Osnabrück. Vor den Hochhäusern an der Schweriner Straße ist es still. Es ist früher Abend. Manche Leute eilen von der Arbeit nach Hause, hier und da stehen welche und halten ein Schwätzchen. Ein paar Brocken Russisch sind zu hören. Noch vor wenigen Jahren galt diese Gegend im Stadtteil Haste als sozialer Brennpunkt. Die Schweriner Straße war Tummelplatz für Drogensüchtige und ein Ort des Vandalismus. Doch die stille Idylle trügt nicht, versichern Heidi Schmidt vom „Mieterverein 312“ sowie Erhard Fricke, Karl Ahrnsen und Eberhard Brinkschulte vom Bürgerverein Haste.

Die ersten Mieter zogen 1969 in die Hochhäuser an der Schweriner Straße. Insgesamt gibt es dort 312 Wohnungen – daher der Name des Mietervereins. Am Anfang verwaltete das Wohnungsunternehmen des Deutschen Gewerkschaftsbundes, die inzwischen abgewickelte „Neue Heimat“, die Siedlung. Damals wurden die Bauten als sozialer Wohnungsbau tituliert. Die Mieten waren günstig.

Gegenüber den Hochhäusern wurden Bungalows gebaut, die als Eigenheime verkauft wurden. „Man wollte eine soziale Vermischung“, sagt Erhard Fricke. Es habe nur ein Problem gegeben, meint Heidi Schmidt: „Früher brauchte man einen Wohnungsberechtigungsschein.“ Und damit seien die Bewohner der Hochhäuser als „sozial schwach“ abgestempelt worden, sagt die Vorsitzende der Mietergemeinschaft.

Heute werden die Wohnungen von der GPM Consult GmbH in Stuttgart verwaltet. Ein großer Teil sei an Kapitalanleger verkauft worden, berichtet Heidi Schmidt, die von den Eigentümern zur Verwaltungsbeirätin gewählt wurde. Wer heute eine Wohnung miete, müsse damit rechnen, dass sie nach wenigen Monaten den Eigentümer wechsele, sagt sie achselzuckend. Aber das werde den Mietern von vornherein mitgeteilt. 20 bis 30 Prozent der Eigentümer wohnten jedoch auch in ihren Wohnungen, fügt Heidi Schmidt an.

Heidi Schmidt lebt seit 40 Jahren in der Siedlung. Sie kennt die Bewohner, die Bewohner kennen sie. „Wenn ich hier runterlaufe, brauche ich eine halbe Stunde“, sagt sie lachend und deutet auf den etwa 500 Meter langen Gehweg. Heidi Schmidt kennt aber auch die Höhen und Tiefen der Hochhaussiedlung. Sie spricht von Vandalismus und einer Drogenszene. Was sie nicht sagt, ist, dass es nach dem Zuzug vieler Aussiedler zu Konflikten kam. Der „Runde Tisch Haste“ engagierte vor einigen Jahren zwei britische Soldaten, die neben ihrem Dienst in der Siedlung auf Streife gingen, um dem wilden Treiben Einhalt zu gebieten. Die Männer seien von den Mietern und Eigentümern der Wohnungen bezahlt worden, berichtet Erhard Fricke. „Die wurden respektiert und haben für Ruhe gesorgt.“

Neben dem dominanten Auftreten der „schwarzen Sheriffs“ griff eine andere, friedliche Methode. Die Haster wandten sich an „Ahimsa e. V.“. Der Verein schult Menschen im gewaltlosen und respektvollen Umgang. Einige Anwohner der Schweriner Straße hatten sich psychologisch ausbilden lassen und sind mit Jugendlichen, die regelmäßig an den Wochenenden den Schulhof verwüsteten, in den Dialog getreten. Sie haben mit ihnen gegrillt und Weihnachtsfeiern veranstaltet. „Entscheidend war, dass die Jugendlichen gemerkt haben, dass die Anwohner sie respektieren, mit ihnen reden und sie nicht wegjagen wollten“, erzählt Erhard Fricke.

„Die wilden Zeiten sind vorbei“, sagt Heidi Schmidt. „Heute ist hier nichts mehr los“, ergänzt Karl Ahrnsen. Er sagt es fast so, als würde er es bedauern. Ahrnsen ist im Schatten der Hochhäuser aufgewachsen und lebt nun wieder in deren Nähe. „Die Häuser sind voll“, sagt er mit Blick auf die Schweriner Straße. Das spreche dafür, dass die Bewohner sich wohlfühlten. Das, so betont der Leiter des Immobilien-Centers der Sparkasse, sage er nicht als Lokalpatriot, sondern als Immobilien-Experte.

Auch die Konflikte zwischen den Bewohnern hätten sich im Laufe der Jahre gelegt. Seine Tochter habe durch die Grundschule Haste, die direkt an der Siedlung liege, Freundinnen gefunden, die in den Hochhäusern lebten. Für Kinder spiele die soziale Herkunft keine Rolle.

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