25.10.2013, 08:30 Uhr

Kurzschuljahr kam dazwischen Ein Osnabrücker, der nie ein Steckenpferd sattelte

Mit 55 Jahren durfte Uwe Steinbrügge nun doch ein Steckenpferd auf der Osnabrücker Rathaustreppe in den Händen halten. Zwar nur ein geliehenes vom Tourismusbüro – aber immerhin. Foto: Stefanie HiekmannMit 55 Jahren durfte Uwe Steinbrügge nun doch ein Steckenpferd auf der Osnabrücker Rathaustreppe in den Händen halten. Zwar nur ein geliehenes vom Tourismusbüro – aber immerhin. Foto: Stefanie Hiekmann

Osnabrück. „Ein Höhepunkt im Leben eines jeden Osnabrücker Grundschülers ist sein großer Auftritt beim Steckenpferdreiten am Friedenstag.“ Genau so stand es in der vergangenen Woche in unserer Zeitung. Uwe Steinbrügge war nie dabei, obwohl er auch ein ehemaliger Osnabrücker Grundschüler ist. Wie kommt das?

Das erste Mal fiel es dem heute 55-Jährigen auf, als er sich vor etwa zehn Jahren das Steckenpferdreiten in der Stadt ansah. Ein Riesenspaß musste das sein! Viertklässler dürfen ein eigenes Pferd bauen und dann ganz offiziell damit durch die Stadt reiten. Jawohl, sogar über die Rathaustreppe. „Da fiel es mir zum ersten Mal auf, dass ich da nie mitgemacht habe“, berichtet Steinbrügge.

Wieder zu Hause, suchte der Osnabrücker in alten Dokumenten nach einer Erklärung. Bereits das Zeugnisheft aus der Rückertschule lieferte Aufschluss: „Ich war ein Opfer der sogenannten Kurzschuljahre geworden.“ Sein viertes Schuljahr begann im Januar 1967 und endete bereits im Sommer des gleichen Jahres. Das Steckenpferdreiten, das 1948 anlässlich des 300-jährigen Jubiläums des Westfälischen Friedens ins Leben gerufen worden ist und seit 1953 jährlich stattfindet, ist grundsätzlich auf Ende Oktober datiert. Für Uwe Steinbrügge bedeutet das: Als er in der vierten Klasse war und eigentlich am Steckenpferdreiten hätte teilnehmen dürfen, war leider kein Oktober. Oder anders gesagt: Als das Steckenpferdreiten im Oktober 1967 stattfand, war Uwe Steinbrügge bereits in Klasse fünf – und damit schon wieder aus dem Steckenpferdraster herausgefallen. „Das muss damals ja noch mehr Schülern so gegangen sein“, bemerkt Steinbrügge. Zu ehemaligen Mitschülern habe er leider keinen Kontakt mehr. „Es müssen aber bestimmt über hundert Schüler gewesen sein.“

Jürgen Barth, Leiter des Osnabrücker Schulmuseums, war zunächst sehr überrascht, als er vom Fall des „fehlenden Steckenpferdreitens“ in einer Osnabrücker Biografie gehört hat. Denn: „Das Steckenpferdreiten, das ist mein Steckenpferd“, sagt der ehemalige Schulrat, ein wandelndes Lexikon über die historischen Ereignisse der Friedensaktion. Prompt entschied Barth sich, dem Fall nachzugehen. Erstes Fragezeichen: Warum hat Uwe Steinbrügge ein Kurzschuljahr absolviert, obwohl in Niedersachsen in den Sechzigerjahren doch Langschuljahre geplant waren? Barth fand nach Gesprächen mit früheren Schulleitern und in Akten des Museums heraus, dass im Internet zwar noch heute alle Zeichen auf Langschuljahr stehen, dieses aber in Niedersachsen gar nicht stattgefunden hat. „Das wurde aus irgendwelchen Gründen kurzfristig gestrichen“, erklärt Barth. Mit den Kurzschuljahren verlegten die meisten deutschen Bundesländer den Schuljahresbeginn auf den Sommer. Bis dahin wurden die meisten Kinder in Deutschland zu Ostern eingeschult.

Was heute kaum noch vorstellbar ist: Ganz früher, als das Steckenpferdreiten 1948 ins Leben gerufen wurde, war es durchaus normal, dass nicht alle Viertklässler aus der Stadt mitmachen durften. „Es waren erst nur ausgewählte Jungen“, erklärt Christine Grewe vom Büro für Friedenskultur. Jungen einer ausgewählten Schule, Jungen, die besonders gut in der Schule waren. Erst später kamen Mädchen dazu. Zunächst hatten sie auch dann nur die Aufgabe, Lichter zu tragen. Das eigentliche Steckenpferdreiten durften sie erst später mitmachen.

Deshalb wird so mancher ehemaliger Osnabrücker Grundschüler Uwe Steinbrügges Schicksal teilen. Ihm wurde übrigens spontan angeboten, dieses Jahr mitzulaufen. „Nein, nein, ich lasse den Kindern ihren Spaß“, lacht er. Wenn sich jetzt jedoch noch andere Kurzschuljahr-Opfer fänden und sie gemeinsam das Reiten nachholen würden – warum nicht?


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