17.04.2009, 22:00 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Miteinander reden, wie damals auf dem Bau

Sein Gesellenstück ist dieser Eckpfeiler an der Uni-Bibliothek: Carl Möller hat 1950 seine Gesellenprüfung mit „sehr gut“ bestanden, obwohl seine Lehre auf zwei Jahre verkürzt wurde. Foto: Jörn MartensSein Gesellenstück ist dieser Eckpfeiler an der Uni-Bibliothek: Carl Möller hat 1950 seine Gesellenprüfung mit „sehr gut“ bestanden, obwohl seine Lehre auf zwei Jahre verkürzt wurde. Foto: Jörn Martens

Wenn heute über Unterrichtsausfall geklagt wird, kann Carl Möller nur milde lächeln. Nach dem Krieg musste er sich monatelang mit einer Stunde pro Woche begnügen, weil es an Lehrern und Räumen fehlte. 1949, als die Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde, bestand er trotzdem sein Abitur am Carolinum.

Als ältester Sohn sollte Carl Möller, Jahrgang 1930, die elterliche Baufirma übernehmen. Er war zu jung, um in den Krieg geschickt zu werden. Die Kinderlandverschickung blieb ihm erspart, weil er bei seiner Cousine in Sutthausen wohnen konnte. Als das Gymnasium Carolinum ausgebombt war, fand der Unterricht im Kloster Oesede statt. Pensionierte Lehrer wurden dafür reaktiviert – aber bei Fliegeralarm kamen sie dort gar nicht an. Immerhin, so erinnert sich Carl Möller, wurden Deutsch, Mathe, Latein und Geschichte noch halbwegs regelmäßig unterrichtet. An Biologie, Physik und Chemie war aber gar nicht zu denken.

Als der Krieg im Mai 1945 zu Ende war, konnten sich die Schüler gar nicht vorstellen, dass es ein Leben in Frieden und Sicherheit gibt. Und keiner wusste, wie es überhaupt mit der Schule weitergehen sollte, denn die Lehrer steckten noch in Gefangenenlagern. Oder sie waren im Krieg gefallen.

Carl Möller machte weiter mit der Schule. Und er begann parallel – von seinem Vater gedrängt – eine Maurerlehre. „Sieh zu, dass du praktische Erfahrung bekommst“, riet der Senior, es gebe viel zu tun, und überall fehle es an Fachleuten. Das Unternehmen bestand damals aus sieben Männern: Drei Maurern, die schon über 65 waren, einem schwerbehinderten Handlanger und drei Lehrlingen.

Es waren die Lehrlinge, die mit den schweren Mörtelgefäßen auf der Schulter die Leitern hochsteigen mussten. Gebaut wurde mit Steinen aus den Trümmerhaufen. Manchmal wurden Fundamente oder Kellermauern aus Bruchstein gemauert, der im Steinbruch auf dem Westerberg gewonnen wurde. Transportiert wurden die Baumaterialien mit dem Pferdewagen, nicht selten auch mit Handkarren.

Holzbalken und Stahlträger, so erinnert sich Carl Möller, gab es schon kurz nach dem Krieg wieder. Aber die Bezahlung für Bauleistungen und Material verlief nach den Regeln der Tauschwirtschaft. Beim Wiederaufbau des Bekleidungsgeschäfts Wüsthoff galten zum Beispiel Anzüge als Währung. Das änderte sich erst 1948 mit der Deutschen Mark.

Der Maurerlehrling Carl Möller unterbrach seine Ausbildung, als der Schulbetrieb am Carolinum halbwegs geordnet weiterging. Kurz vor dem Abitur wurde aber auch deutlich, dass der Unterrichtsausfall gravierende Lücken gerissen hatte. Von den 28 Schülern wurden neun zurückgestellt. In den Prüfungen drückten manche Lehrer immerhin ein Auge zu.

Mit dem Abi in der Tasche brachte Carl Möller seine Lehre zu Ende und setzte noch ein Studium zum Bauingenieur drauf. Unter seiner Regie wurde aus dem kleinen Handwerksbetrieb ein großes Bauunternehmen, das später in Arbeitsgemeinschaften mit anderen Betrieben die Tiefgarage Ledenhof, die Stadthalle und das Klinikum am Finkenhügel errichtete. Carl Möller, der ein Faible für Geschichte hat, engagierte sich für die CDU in der Kommunalpolitik und wurde Anfang der 80er-Jahre Oberbürgermeister. Aber sein Bauunternehmen ging 1987 in die Insolvenz.

Beim Blick zurück in die Zeit des Wiederaufbaus und die Gründung der Bundesrepublik drängen sich Fragen zur Gemütslage der Menschen auf. Was hat die Menschen der Nachkriegszeit, die ja in materieller Not leben mussten, so zuversichtlich gemacht? Lässt sich nicht ein Quäntchen der damaligen Aufbruchstimmung wiederbeleben, um damit das heutige Krisengejammer zu übertönen?

Carl Möllers Rezept heißt, mehr miteinander zu reden. So wie damals auf dem Bau: „Dass einer einen Terminplan machte, und alle anderen mussten sich danach richten, das gab es nicht.“ Es hätte auch nicht funktioniert. Also traf man sich auf der Baustelle und beriet die Sache, bis alle zufrieden waren.


0 Kommentare