14.05.2003, 22:00 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Kulturkampf per Telefon-Umfrage

Wenn Städte zu Höherem streben und sich als Kulturhauptstadt Europas 2010 bewerben, dann treibt der Konkurrenzkampf schon mal seltene Blüten, was die Kultur des Umgangs betrifft. Um beim Telefon-TED von „Hallo Niedersachsen“ gestern Abend zu punkten, wurden in den beiden Bewerberstädten Osnabrück und Braunschweig auch städtische Mitarbeiter mobilisiert.

Da kursierte bis nach Osnabrück ein offiziell aussehendes Schreiben des Städtischen Klinikums Braunschweig, das mit der Bemerkung „Eilt sehr!“ gestern eine „Anordnung von Überstunden für Mitarbeiterinnen/Mitarbeitern mit bundesweiter Telefonberechtigung bzw. Diensthandy“ enthielt. Laut Rundbrief sollte der Braunschweiger Oberbürgermeister Dr. Hoffmann entschieden haben, Braunschweigs Bewerbung als Kulturhauptstadt per TED im Rahmen des NDR-Fernsehmagazins „Hallo Niedersachsen“ am Mittwochabend zwischen 19.30 und 20 Uhr auch über Diensttelefone und dienstliche Handys zu unterstützen. Dazu seien alle Bediensteten des Klinikums „verpflichtet“, die Bewerbung während der Sendung „durch permanenten wiederholten Anruf unter der Nummer 01 37/ 2 02 02 01 zu unterstützen“. Weiter heißt es: „Für die Durchführung der Aktion werden im notwendigen Umfange Überstunden angeordnet. Die Überstunden können später abgebummelt werden.“

„Davon weiß ich nichts“, war die erste Reaktion des Braunschweiger Pressesprechers Jürgen Sperber auf Anfrage. Wenig später meldete er sich nach Rücksprache mit Oberbürgermeister Hoffmann: Eine solche Anweisung habe es nicht gegeben. Vielmehr hätten städtische Bedienstete nachgefragt, wie sie Braunschweig während der Sendung unterstützen könnten. Der OB habe dann genehmigt, dass diejenigen „die sowieso noch im Rathaus sitzen und arbeiten, auch vom "Diensttelefon aus an der TED-Abstimmung teilnehmen dürfen, weil das der Stadt dient“. Das Klinikum „hat es sicher gut gemeint, ist aber über das Ziel hinausgeschossen“, sagte Sperber. Über mögliche Konsequenzen wegen der angeordneten Überstunden konnte er noch nichts sagen: „Das Klinikum ist selbstständig und gehört nicht zur Stadt.“

Abstimmungen vom Arbeitsplatz oder gar Überstunden wurden in Osnabrück nicht angeordnet. Aber auch in der Stadtverwaltung und vielen Vereinen kursierten Eil-Mails von Kulturamtsleiterin Dagmar von Kathen und Klaus Terbrack vom Verein Fokus: „Es wird eine Telefonnummer eingeblendet, die man anrufen kann und sagen kann, welche der beiden Städte Kulturhauptstadt werden soll. ... Bitte alle KollegInnen, Freunde etc. informieren“.

Die Abstimmung von „Hallo Niedersachsen“ erbrachte gegen 20 Uhr das Ergebnis: 12 Prozent für Osnabrück, 88 Prozent für Braunschweig. Hat da eine Stadt mehr Mitarbeiter mobilisiert als die andere?


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