16.12.2010, 13:11 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Ein Rückblick Der Freitag, an dem alles im Schnee versank - Wie die Region schon einmal mit dem Unwetter fertig wurde


Osnabrück. Steht die Region vor einer Schneekatastrophe oder ist das alles nur ein großer Hype? Während das große Unwetter diesmal noch ausgeblieben ist, versank das Osnabrücker Land und Emsland am 25. November 2005 tatsächlich komplett im Schnee. Ein Rückblick:

Der 25. November 2005 war ein normaler Freitag, doch der Schnee stellte auch Redaktion und Technik der Neuen OZ vor ganz besondere Herausforderungen. Wer hätte schon mit einem so plötzlichen und heftigen Wintereinbruch gerechnet, der (regional begrenzt) eine Industriegesellschaft in die Knie zwang. Und fast wäre die Zeitung zum ersten Mal nicht erschienen – ein Protokoll.

Freitag, 10.30 Uhr: Im Medienzentrum am Breiten Gang in Osnabrück läuft nach der Morgenkonferenz der Redaktionsalltag. Die Kollegen halten sich ran, die dicke Wochenendausgabe zu produzieren. Viele Seiten müssen früher fertig sein als an anderen Tagen. Kaum einer merkt, dass es immer stärker schneit. Auf ein Schneechaos ist niemand eingestellt.

12.45 Uhr: Einige Kollegen nutzen die Mittagspause für einen Bummel über den Weihnachtsmarkt. Unterwegs erahnen sie den Ernst der Lage. Nach zwei Grad plus am Morgen sinken die Temperaturen unter den Gefrierpunkt. Jetzt fallen nicht nur dicke Flocken, der Schnee bleibt auch liegen. Tückisch sind auch die Sturmböen, die die vereisten Überlandleitungen ins Schwingen bringen und Kurzschlüsse auslösen.

13.11: Lautes Fluchen im Druckzentrum Osnabrück (DZO). Dort, wo seit 7.30 Uhr die ersten Teile der Samstagszeitung planmäßig gedruckt werden, schalten sich nach Stromschwankungen Rotation und Rechneranlage automatisch ab. Die Produktion der Autobeilage „Rad ab“ stoppt. Das routinierte Wiederanfahren der Produktion zeigt nur kurzfristigen Erfolg. „Stromschwankungen“, schreibt der Schichtleiter fortwährend in den Produktionsplan. Das Unheil nimmt seinen Lauf.

15.00 Uhr: Ein Fotograf ist mit seinem Wagen in einen Graben gerutscht. Er wollte das beginnende Chaos ins Bild setzen. Die Stadtredaktion plant neu, schiebt den Aufmacher über die neue Weihnachtsbeleuchtung der Krahnstraße auf die dritte Lokalseite, um vorne den Wintereinbruch berücksichtigen zu können. Aus einem Artikel wird später eine ganze Seite.

16.11 Uhr: Zwangspause im DZO. Jetzt geht wirklich nichts mehr. Die empfindlichen Papierbahnen auf den Druckmaschinen sind bei den fortlaufenden automatischen Abschaltungen wieder einmal gerissen – mit gravierenden Folgen. Metergroße Papierfetzen stecken zwischen den tonnenschweren Druckzylindern. Das aufwendige Säubern der Anlage frisst unbarmherzig Zeit. Der minutengenau getaktete Produktionsplan kommt total durcheinander. Kein Termin ist mehr zu halten. Als Krönung des Ganzen: Telefonieren ist zweitweise unmöglich. Ohne Strom keine Kommunikation. Egal, ob über Festnetz oder Handy – nichts geht mehr. Die Natur zeigt einer modernen Industriegesellschaft die Grenzen auf.

16.30 Uhr: Alarmstufe Rot auch in der Lokalredaktion. Zwei Kollegen sind ausgeschwärmt, um Informationen über das Schneechaos zusammenzutragen. Durch die ständigen Störausfälle stürzen in den Büros ebenso oft die Rechner ab, nicht abgespeicherte Artikel verschwinden in den ewigen Daten-Jagdgründen. Die Berichterstattung über den Wintereinbruch ist in diesem Moment fast Nebensache. Schwerwiegender ist, dass die Produktion der anderen Seiten zunehmend stockt. Es wird eng, viele Texte sind noch nicht fertig gestellt, viele Bilder noch nicht auf die Seiten geladen. Nervös nutzen die Redakteure jede Minute mit Elektrizität.

17.10 Uhr: Wieder fällt der Strom aus, dieses Mal für 35 Minuten. Irgendjemand zündet Kerzen an. In der ganzen Stadt ist es stockdunkel, nirgendwo brennt mehr Licht, in den Geschäften funktionieren die Registrierkassen nicht mehr, Meldungen von Plünderungen entpuppen sich als Gerücht. Die Kollegen stehen am Fenster und staunen. Für ein paar Augenblicke schwindet der Stress, die Stimmung ist ruhig und weihnachtlich. So hatte das noch niemand erlebt.

19.30 Uhr: Die Fotodatenbank funktioniert nicht mehr. Die Bilder vom Schneechaos müssen auf Umwegen ins System geholt werden. Für die Titelseite wählt die Redaktion das Foto vom dunklen Berliner Platz aus, der nur noch vom Scheinwerferlicht der Autos erhellt wird.

21.00 Uhr: Alle Lokalredakteure sind noch im Büro, private Verpflichtungen spielen an diesem Abend keine Rolle. Die Kollegen schwitzen, jeder Handgriff dauert heute länger. In Gemeinschaftsarbeit entsteht der Bericht über das Schneechaos – über die Arbeit der Feuerwehr und den Stillstand am Hauptbahnhof. Zum Glück fällt in der Innenstadt der Strom nicht mehr aus. Die Stadtwerke stellen den Busverkehr ein.

22.40 Uhr: Der letzte Titel ist gemacht. „Die ganze Stadt vom Schneesturm kalt erwischt“ ist am nächsten Tag in der Zeitung zu lesen. Schnell wird die letzte Seite elektronisch ins DZO übermittelt. Die Lokalredakteure haben ihre Arbeit getan, können nur hoffen, dass die Zeitung gedruckt und am nächsten Morgen ausgetragen wird. Für viele geht ein 14-Stunden-Tag zu Ende. Einige stapfen mit hungrigem Magen zu Fuß nach Hause und kommen dort erst nach Mitternacht an.

Samstag, 0.51 Uhr: Im Druckzentrum erfolgt erst jetzt der Andruck der aktuellen Hauptausgabe der Neuen Osnabrücker Zeitung. Normal ist 22.30 Uhr. Schon jetzt ist klar: Alle Bezieher der Postauflage gehen an diesem Wochenende leer aus. Die gesamte Mannschaft in der Druckerei und im Versandraum rackert, was das Zeug hält. Und immer wieder diese verfluchten Stromausfälle, die ein vernünftiges Produzieren verhindern. Es ist zum Verzweifeln: Die Kaffeemaschinen sind im Dauereinsatz.

6.35 Uhr: In der Telefonzentrale des Verlages klingelt es. Kaum zu glauben: Die ersten Leser beschweren sich. Die Zeitung steckt nicht im Briefkasten.

 7.23 Uhr: Während sich draußen eine Schneelandschaft aus der Morgendämmerung schält, läuft im DZO das letzte Zeitungsexemplar der Nachtproduktion vom Band. Es ist eine Ausgabe des Wittlager Kreisblattes.

7.40 Uhr: Der letzte Zeitungswagen verlässt voll bepackt die Versandhalle des Druckzentrums. Die Helden des Tages sind derweil längst unterwegs Unsere Zeitungszustellerinnen und –zusteller kämpfen sich unter größten Mühen durch Schneewehen zu den Briefkästen durch.

17.00 Uhr: Der Vertrieb zieht eine vorsichtige erste Bilanz: Die Masse der Abonnenten hat die Wochenendausgabe erhalten. Doch die Freude über das Erreichte weicht einen erschreckten, schockierten Innehalten. Beim Ausliefern der Zeitung ist ein Speditionsfahrzeug verunglückt. Die Fahrerin, eine 44-jährige Frau, kommt dabei ums Leben.

 

 


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