28.07.2012, 03:55 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Seit sechs Jahren versucht die „Wohngruppe 9“ unter ein Dach zu kommen Osnabrück: Der schwierige Weg zur Senioren-WG


Osnabrück. In Helga Pannenborgs Küche hängt ein kleines Bild, das zwei Spinnen in ihren Netzen zeigt. Darüber steht der Spruch: „Irgendeiner spinnt immer.“ Und irgendwie passt dieser Spruch zu dem, was die 72-Jährige über ihre „Wohngruppe 9“ berichtet. Denn bereits seit sechs Jahren versucht Helga Pannenborg, mit Gleichgesinnten eine Senioren-Wohngemeinschaft zu gründen. Doch irgendetwas ist immer dazwischengekommen.

Wer den Begriff Senioren-WG hört, darf nicht an ältere Herren und Damen denken, die im Pyjama gemeinsam beim Frühstück in der Küche sitzen und sich darüber streiten, wer die Zahnpastatube im Bad nicht zugedreht hat. Bei den meisten Wohngemeinschaften für Ältere geht es vielmehr darum, in einer eigenen Wohnung zu leben, aber dennoch Gesellschaft zu haben. So sah auch der Plan der Wohngruppe 9 aus. Damals, 2006: acht bis zwölf Wohneinheiten in stadtnaher Lage, dazu ein Gemeinschaftsraum und ein Gemeinschaftsgarten.

„Wir haben uns unter anderem über die Osnabrücker Nachbarschaftshilfe kennengelernt. Dann haben wir hier gesessen“, Helga Pannenborg zeigt auf das blaue Sofa in ihrem Wohnzimmer, „und da wir neun People waren, haben wir uns Wohngruppe neun genannt.“

Helga Pannenborg blickt nachdenklich auf ihren Garten, der hinter ihrem Haus in der Siebensternstraße blüht. „Ich kann gut allein sein“, sagt sie. „Ich male, habe viele Interessen, bin kontaktfreudig.“ Dennoch hat sie sich bereits mit Mitte 50 für das Thema Wohnen im Alter interessiert.

Helga Pannenborg ist geschieden, ihr Sohn wohnt in Lübeck. Sie war beruflich sehr engagiert, hatte zudem eine pflegebedürftige Mutter und ist schließlich mit 60 in den Ruhestand gegangen. Eine Art Ersatzfamilie sollte die Wohngemeinschaft sein. Allerdings eine mit einer idealistischen Grundlage. „Man muss sich die Frage stellen: Will ich etwas bewirken oder will ich eine Insel sein?“, sagt Hans-Jürgen Wilkening. Er ist neben Pannenborg einer der letzten Mitstreiter der Wohngruppe 9, die „derzeit auf Eis liegt“, wie die beiden sagen.

Die Wohngruppe wollte etwas bewegen, hatte sich bestimmte Werte wie Toleranz und Offenheit auferlegt. Dem Bild alter Menschen, das in der Gesellschaft so verbreitet sei, wollten die Bewohner nicht entsprechen. Mit „dem Bild“ meint Helga Pannenborg: Senioren auf Kaffeefahrten,immer vorne dabei, wenn es was gratis gibt, ansonsten aber lieber unter sich. Sie selbst sei eine der ersten Grünen in ihrem Heimatort gewesen, und überhaupt möge sie dieses „die“ nicht. „Die Jugend, die Kinder, die Alten.“ Sie schüttelt den Kopf.

Bei einer Veranstaltung zum Thema generationenübergreifendes Wohnen habe ein junger Mann zu ihr gesagt: „Ihr Alten wollt ja nur versorgt werden.“ Ihr Alten. Wieder diese Verallgemeinerung. Generationenübergreifendes Wohnen war damit für sie erst einmal erledigt. Dann lieber die Wohngruppe.

Helga Pannenborg öffnet die Tür zu ihrem Arbeitszimmer. Schwere Ordner liegen auf dem Tisch, alle mit der Aufschrift „Wohngruppe 9“. Bauen wollten sie, da es in Osnabrück kein geeignetes Wohnobjekt gab. „Man hat ja eine ungefähre Vorstellung, wie man es haben will, weiß aber nicht genau, was alles dazugehört.“ Deswegen ließen sich die Zusammenwohnwilligen beraten.

Mit Unterstützung des Osnabrücker Familienbündnisses tagten sie regelmäßig, holten sich professionelle Hilfe, hatten eine Projektleiterin, stellten Bewerbungsmappen für Investoren zusammen, entwarfen gemeinsam einen Finanzplan. Ein Ziel der Gruppe war es, sozialverträgliches Wohnen zu ermöglichen. Denn viele der Interessenten, die sich bei Helga Pannenborg und Hans-Jürgen Wilkening meldeten, hatten nur eine schmale Rente. „Wir sind auch weit gekommen“, sagt die 72-Jährige mit Blick auf die vergangenen Jahre. Einen Investor hatten sie, und auch ein Grundstück schien gefunden. Doch es war klar: Mit acht bis zwölf Wohneinheiten würde es hier nichts werden. 20 bis 30 Wohnungen schwebten dem Investor vor. „Damit es rentabel ist.“

Doch einig, wie es konkret weitergehen sollte, wurde sich die Gruppe nicht. Sie stritt sich, zerbröselte, schlief ein. Ein Teil spaltete sich schließlich ab, gründete eine neue Gruppe. Nach langen Diskussionen habe sie sich manchmal gedacht: Diese Kämpfe hattest du doch schon in deinem Berufsleben, musst du dir das denn auch jetzt noch antun? „Ich war sogar auf einem Seminar in Bochum zum Thema Konflikte in Wohngruppen“, sagt Helga Pannenborg. Denn so wie es der Wohngruppe 9 ging, geht es auch vielen anderen Wohnprojekten. Nicht nur in Osnabrück, wo abgesehen von der Senioren-WG Berningshöhe sämtliche Projekte ins Stocken geraten sind, gibt es Probleme. Es sieht fast überall in Deutschland ähnlich aus. Einige hätten die Vorstellung: Ich ziehe da ein und bin nicht mehr allein, meint Helga Pannenborg. Und oft seien sie anschließend enttäuscht, dass sich niemand für sie interessiere. „Dabei muss jeder auch selbst einen Schritt auf die anderen zugehen und selbst aktiv werden.“

Helga Pannenborg lächelt und blickt wieder in ihren Garten. Grillpartys hat die Wohngruppe hier veranstaltet, Geburtstage gefeiert. Im Grunde das Leben geführt, das sie sich auch für ihr Wohnprojekt gewünscht haben. „Die Gruppe war eine gute Plattform, um neue Freunde zu finden“, sagt sie. Mit allen stehe sie noch in Kontakt.

Aufgegeben haben sie und Hans-Jürgen Wilkening das Vorhaben noch nicht. Nur anders angehen wollen sie es nun. Eine Nummer kleiner vielleicht. Das Interesse am gemeinschaftlichen Wohnen im Alter ist ungebrochen. Gerade erst an diesem Morgen hat jemand bei Helga Pannenborg angerufen. Wie es denn so aussehe mit der Wohngruppe 9, wollte er wissen.


0 Kommentare