01.11.2016, 11:16 Uhr

„Mehr Lernen als aus Büchern“ 18-Jährige absolviert FSJ in Gedenkstätte Esterwegen


Esterwegen. Anna Rumpke ist die neue FSJlerin in der Gedenkstätte Esterwegen. So lernt man wesentlich mehr als aus Büchern, findet die 18-Jährige.

Dass junge Menschen sich für Dinge wie Geschichte und Politik nur schwerlich interessieren, ist ein oft gehörtes Vorurteil. Ein Gegenbeispiel dessen sitzt in der Cafeteria der Gedenkstätte Esterwegen, vor sich eine dampfende Tasse Kakao und bringt mit erstaunlicher Souveränität Sätze wie diese hervor: „Das Gefühl der Angst, die in Fremdenfeindlichkeit umschlagen kann, erleben wir auch heute wieder. Probleme von früher können wieder hochkommen und sind wieder präsent.“

Geschichte der Emslandlager

Anna Rumpke weiß, wovon sie spricht. Denn die 18-Jährige absolviert zurzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) „Politik“ in der Gedenkstätte, die an die Konzentrationslager im Emsland und der Grafschaft Bentheim erinnert. „Ich bin sehr geschichtsinteressiert und die NS-Zeit war schon immer ein interessantes Thema“, sagt die Abiturientin. Die Zeit der nazionalsozialistischen Diktatur sei in Deutschland allgegenwärtig. Das habe sie auch im Schulunterricht gemerkt. „Ob in Deutsch, Geschichte oder Werte und Normen, das Thema war immer präsent.“

Gewissermaßen hat sie die Stelle als FSJ-lerin auch dem Schulunterricht zu verdanken. Denn als ihr Geschichtsleistungskurs zu einer Führung in die Gedenkstätte kam, fragte sie spontan nach einer Möglichkeit, hier ihr FSJ zu machen. „So habe ich die Möglichkeit, schon einmal in den Arbeitsalltag einzutauchen, ohne dass ich mich schon fest entscheiden muss, was genau ich machen will“, so Rumpke.

Breit gefächertes Aufgabenspektrum

Dabei ist ihr Aufgabespektrum breit gefächert. Rumpke registriert und sortiert nicht nur die zahlreichen Bücherspenden, sondern recherchiert auch im Archiv nach angeforderten Briefen von Häftlingen oder Dokumenten. Doch Rumpke hat sich auch ihr eigenes Projekt gesucht, das sie während ihres Jahres in Esterwegen auf den Weg bringen will. Einen Audioguide mit Texten will sie erstellen, die von den KZ-Häftlingen während ihrer Zeit in den Emslandlagern geschrieben haben. Egal, ob Gedicht oder Brief, einige Texte hat sich Rumpke schon rausgesucht. „Ein paar davon liegen sogar schon vertont vor“, so die 18-Jährige.

Am meisten Freude hat sie jedoch am Umgang mit Menschen. Und der ist an einem Ort, der an die Schicksale von 80.000 Häftlingen und 100.000 Kriegsgefangenen erinnert, von denen mehr als 20.000 umkamen, nicht alltäglich. „Gerade Ältere teilen ihre Geschichte mit mir. Sie erzählen mir dann, dass ihr Vater zum Beispiel auch in einem der Lager war“, sagt Rumpke. Insbesondere dieses Interagieren mit den Besuchern eröffne ihr viele neue Perspektiven. „Das ist besser, als nur darüber zu lesen.“

Führungen ab 2017

Ab Anfang kommenden Jahres wird sie auch selbst Führungen geben. Dann werden ihr nicht nur Perspektiven zuteil, sondern sie muss auch selbst eine eröffnen. Andrea Kaltofen, Geschäftsführerin der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen, hält gerade das für spannend. „Ich finde es wichtig für die Einrichtung, dass auch junge Menschen zu dem Thema arbeiten“, so Kaltofen mit Blick auf die inzwischen vierte FSJlerin, die in der 2011 eröffneten Gedenkstätte tätig ist.

Und mit dieser Meinung ist sie nicht die einzige. Denn, wie Rumpke erzählt, bekommt sie auch oft Lob von älteren Besuchern, die ihr Interesse und Arbeit an dieser Thematik nicht für selbstverständlich halten.

Selbstverständlich ist für Anna Rumpke aber die Lehre der Geschichte: „Wir sind die Generation, die es besser machen sollte“, sagt die 18-jährige.


0 Kommentare