18.04.2017, 12:16 Uhr

Geschenk an Kirchengemeinde Bild einer jüdischen Familie als Zeichen gegen das Vergessen


Haselünne. Cäcillia Roisch aus München hat im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes ein Bild, das ein junges Mädchen mit Chrysanthemen zeigt, an Pastor Detlef Stumpe von der evangelisch-lutherischen Dreifaltigkeitskirchengemeinde Haselünne übergeben. Es stammt aus dem Besitz einer jüdischen Familie.

Diese jüdische Familie lebte bis zu ihrer Deportation aus der Hasestadt in einem Haus an der Nordstraße 2 – dem jetzigen evangelischen Pfarrhaus. „Mit dieser Übergabe möchte ich ein Zeichen setzen gegen das Vergessen, für das, was Juden angetan wurde“, betonte Cäcillia Roisch sichtlich bewegt während des Gottesdienstes.

Spektakuläre Fälle

Spektakuläre Fälle von Beutekunst haben immer wieder die Öffentlichkeit in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Nach Vertreibung und Deportation der Juden haben die Nazi-Machthaber das Vermögen der Juden beschlagnahmt und verkauft. Unter dem erbeuteten Vermögen der Juden befanden sich nicht selten Kunstgegenstände und Bilder von hohem Wert. Der „Beutekunstfall“ in Haselünne ist davon weit entfernt. Jedoch wiegt der „ideelle Hintergrund“ weitaus schwerer.

Im „Rolinckhaus“ geboren

Cäcillia Roisch wurde im Jahr 1937 als Tochter von Gerhard und Johanna Grabbe in einem Haus an der Meppener Straße 66 geboren. Ihr Geburtshaus war das damalige sogenannte „Rolinckhaus“, das im Besitz der Brauerei Rolinck war und im Keller einen großen Kühlraum beherbergte. Der Garten des Geburtshauses von Cäcillia Roisch grenzte direkt an das Haus der Nordstraße 2, wo damals die jüdische Familie Samuel und Henny Steinburg mit ihren drei Kindern Anna, Hildegard und Hans wohnten.

Nach der Machtergreifung

Bei einem Ortstermin mit dem evangelischen Pastor Detlef Stumpe auf dem Parkplatz vor der evangelischen Kirche und während des feierlichen Gottesdienstes schildert und erzählt Cäcillia Roisch die damaligen Begebenheiten aus ihrer Erinnerung. „Mein Geburtszimmer war dort, wo heute der Kirchenraum der evangelischen Kirche ist“, berichtet Roisch. „Ich erinnere mich daran, dass die Steinburg`s Kinder manchmal am Zaun standen. Sie sprachen nicht mit uns, waren auch etwas älter“, erzählt die rüstige alte Dame weiter. Wahrscheinlich war es den Kindern verboten worden, mit anderen nicht-jüdischen Kindern zu sprechen oder gar zu spielen, meint Cäcillia Roisch. Ihrer Erinnerung nach waren die Juden in Haselünne bis zur Machtergreifung durch die Nazis ein ganz normaler Bestandteil der Gesellschaft. Nach der Machtergreifung verkehrten die Juden in Haselünne nur noch miteinander. Deutsche, die bei Juden arbeiteten, wurde ein anderer Arbeitsplatz zugeteilt, wie ihrem Vater, weiß Roisch noch.

Eines Morgens habe ihre Mutter ihr erzählt, dass in der Nacht die Juden alle „weggekommen“ seien. „Sie kommen in den Osten und müssen dort arbeiten“, habe ihrer Mutter ihr erzählt. Nachdem die Juden weg waren, wurde das Inventar ihrer Häuser verkauft. Ihre Mutter habe neben einem Kinderbett auch das besagte Bild erworben.

Bild auf Dachboden gefunden

Nach der Rückkehr ihres Vaters 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft zog ihrer Familie zunächst nach Osterbrock und schließlich nach Rheine. Das Bild habe zunächst immer im Hause Grabbe gehangen, landete aber nach dem Umzug nach Rheine auf den Dachboden. Dort habe sie es im Jahr 1994 nach dem Tod ihres Vaters auf den Dachboden gefunden, an sich genommen und in ihrer Wohnung in München wieder aufgehängt.

Immer wieder habe sie ihrer Tochter und ihrer Enkeltochter gesagt, dass das Bild wieder zurück nach Haselünne solle. Beim Besuch der Holocaust Gedenkstätte in Yad Vashem im Rahmen einer Pilgerreise beschloss sie beim Anblick zahlloser Schuhe getöteter Juden, das Bild umgehend nach Haselünne zurückzugeben. Bei einem Besuch Haselünnes im September des vergangenen Jahres konnte der Kontakt zu Pastor Stumpe hergestellt werden.

Familie war integriert

In seiner Predigt erklärte Pastor Stumpe, dass die Familie Steinburg seinerzeit nicht integriert werden musste. „Denn sie war integriert – seit vielen Generationen. Sie teilte selbstverständlich den Geschmack des Bürgertums ihrer Zeit. Die Juden gehörten mit ihren individuellen Vorlieben, Begabungen und Schwächen zur Haselünner Bevölkerung, wie dieses Bild gewöhnlich ist“, erklärte der Geistliche. Erst die Machtergreifung der Nazis habe diesen normalen Umständen ein Ende gesetzt.

In Deutschland sei heute „glücklicherweise“ niemand an Leib und Leben bedroht, meinte Stumpe. „Daher müsste es uns eigentlich leicht fallen, wie Jesus standhaft zu sein und Zivilcourage auszuüben“, meinte er. Stumpe weiter: „Das sah im Dritten Reich ganz anders aus. Auch heute sieht dies in vielen Ländern ganz anders aus. Eine von der Auffassung der Machthaber abweichende Meinung zu vertreten und sich zu engagieren ist selbst in europäischen Ländern wie Russland und Weißrussland ein Wagnis.“

Zivilcourage

Zivilcourage zu zeigen sei manchmal im Alltag nötig, wobei es meist nicht um Leben und Tod gehe. Dazwischen zu gehen, um bei einer Prügelei auf dem Schulhof Streit zu schlichten, jemanden der gemobbt werde, zur Seite zu stehen, auch wenn man dabei die Sympathien der Mehrheit in der Gruppe oder Klasse verliere. Seine Würde zu behaupten und dem anderen seine Würde zu lassen, das sei die Kunst, führte Stumpe weiter aus. Christus selber und die ersten Christen beherrschten diese Kunst, meinte Pastor Stumpe. „Sie waren bereit, notfalls Gewalt zu ertragen ohne selber gewalttätig zu werden“, so Stumpe.


Über die Geschichte des Hauses, in dem die jüdische Familie Steinburg bis zu ihrer Deportation wohnte, informiert eine Gedenktafel. Als mögliches Baujahr des Gebäudes wird das Jahr 1910 oder 1914 vermutet. 1923 erwirbt Samuel Steinburg das Haus und bewohnt es mit seiner Frau Henny und den Kindern Anna, Hildegard und Hans und weiteren vier Familienangehörigen. Am 29. Januar 1942 wird nach der Deportation der Familie Steinburg das Haus enteignet und dem Leiter der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt Emsland, de Haan und seiner Familie zugewiesen. Nach dem Krieg befindet sich das Haus im Eigentum des Landes Niedersachsen und wird bis 1958 vermietet. Am 1. Juni 1958 erwirbt die ev. Dreifaltigkeitsgemeinde Haselünne das Haus von den Nachfahren der Familie Steinburg und nutzt es als Pfarrhaus. Laut Gedenktafel ist das Haus, „eines der letzten Gebäude in unveränderter Bausubstanz, in dem Haselünner Bürger jüdischen Glaubens gelebt haben.“

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